Der Alzner Büffelstier

Einst nannten die Alzner einen prachtvollen Büffelstier ihr eigen, ein Zuchtbulle wie es in nicht alle Tage auf den saftigen Weiden Siebenbürgens gibt: wild, voll unbändiger Kraft, sein Fell glänzte tiefschwarz, und riesige Hörner krönten seinen dicken Schädel. Feurig sprühte sein samtenes Auge und verriet unbeugsamen Eigensinn. Ja, dieser sächsische Büffel, der wenig gemein mit Luxemburgs rumänischem Büffel hatte, war zu seiner Zeit, obwohl uns die Kirchenbücher heute nichts von ihm vermelden, über das Harbachtal hinaus bis nach Hermannstadt bekannt. Zwischen den sieben Stühlen verbreiteten unzählige Rindviecher seinen Ruhm und zeugten von seiner nie zu erschöpfenden Kraft.

So wie auch die Sonne in ferner Zeit aufhören wird zu scheinen, war es auch dem Büffelstier nicht ewig vergönnt, die Kühe zu beglücken. Als eines Tages ein weitgereister Fremder kurz nach Verklingen des Abendgeläutes im Dorf ankam und sich nach einer Herberge erkundigte, fand er die Dorfbewohner in gedrückter, ja manche in fast verzweifelter Stimmung. Der Büffelstier hatte vor zwei Tage das Zeitliche gesegnet. Sein Ruhm war noch ungeschmälert, obwohl in der letzten Zeit seine Kräfte immer mehr geschwunden, und ob seiner unzähligen Verdienste hatte das Dorf beschlossen, ihm ein würdiges Begräbnis auszurichten. Die Grabstätte unter einer mächtigen Trauerweide war schon bestimmt, der Bürgermeister hatte sich in zwei schlaflosen Nächten die Trauerrede zurechtgelegt und die Blaskapelle, die war natürlich immer in Bereitschaft. Alles schien bestens vorbereitet zu sein, als plötzlich jemand bemerkte, daß zu einem ordentlichen Grab auch ein Grabstein gehöre. Und dieser Grabstein, genauer gesagt die fehlende Grabinschrift, war nun Anlaß zu der Niedergeschlagenheit der Alzner. Ein Bibelspruch als Inschrift schied schon aus Gründen der Pietät aus, und auch in sämtlichen Schulbüchern fand sich kein Vers, der den Büffelstier erwähnte, geschweige denn angemessen würdigte. Die Alzner waren zwar fleißige Bauern und geschickte Handwerker, doch in der Poeterey hatten sie wenig Übung, und so wollte es ihnen nicht gelingen, einen entsprechenden Spruch zu finden. Ob Mann, ob Frau, ob Kind oder Greis, jeder der irgendwie der Sprache mächtig war wälzte sich schlaflos in seinem Bett, und noch nie seit der Wahl des Schultheiß in Schilda suchten so viele Leute vergeblich nach einem Reim. Der Pfarrer, der dank seines Amtes der Gescheiteste war, hatte in Anlehnung an andere Grabsteine "Hier ruht in ewger Ruh, der Büffelstier und seine Kuh" gedichtet, doch der war bekanntlich polygam gewesen (war doch gerade dieser Umstand die Voraussetzung für die Verbreitung seines Ruhmes), und so waren diese Verse für die Alzner nur ein weiterer Beweis, daß ihr Pfarrer zwar schön predigen konnte, aber vom Vieh keine Ahnung hatte.

Wie nun der Fremde das alles erfuhr, tat er kund, er könne selber einen Reim darauf machen. Die Alzner gingen heilfroh auf dieses Angebote ein. Als der Fremde sich zudem als Student zu erkennen gab, der neben Wien und Berlin sogar Weimar bereist, war die Begeisterung groß, und selten ist ein Gast königlicher bewirtet worden. Am nächsten Morgen verfertigte der Fremde die Inschrift, und empfahl sich anschließend, da er noch einen weiten Weg vor sich hatte. Dann begann das Begräbnis, das einem Gubernator zu Ehre gereicht hätte. Das ganze Dorf war bewegt, und auch die Rede des Bürgermeister hätte die Leute tief ergriffen, wären sie nicht so ungeduldig und gespannt auf die Enthüllung der Grabinschrift gewesen. Nachdem man das Grab zugeschüttet hatte, errichtete man unter den blechern klagenden Klängen der Blaskapelle den Grabstein, auf dem zum ewigen Ruhme des Dorfes und seines Stieres in würdevollen, altdeutschen Lettern prangte:

"Hier ruht der Alzner Büffelstier,
was er einst war, das sind nun wir"

G. Krauss

Hängemathe Nr. 22, Bonn, 2003
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