11. Februar 2016

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Der "Freundschaftsknüpfer" vom Hochkönig: Nachruf auf Helmut Volkmer

Nach längerer Krankheit ist in Gratwein-Straßengel am 24. Januar 2016 Helmut Volkmer überraschend schnell verstorben. Er wurde am 29. Oktober 1928 in Kronstadt als Sohn des Kaufmanns Eduard Volkmer und der Lehrerin Hilde Bahmüller geboren. Die Geborgenheit der Großfamilie gab ihm schon früh einen Halt, der ihm in späteren Jahren half – gerade in existenzbedrohenden Situationen – stets die nötige Haltung zu bewahren, und das bis zu seinem letzten Atemzug.
Eingerahmt von seinem älteren Bruder Erhardt (1926–1984) und seinem jüngeren Bruder Günter (1935–2011) sowie einem großen Freundeskreis, verlebte er im Elternhaus in der oberen Rochusgasse in Kronstadt eine unbeschwerte Kindheit. Schon damals versprühte er seinen – bis ins hohe Alter bewahrten – lausbubenhaften Charme, am liebsten bei Schulstreichen im Kreis seiner Honterianer und Merkurianer. Verantwortung zu übernehmen, sowohl für das eigene Unternehmen, als auch für die Gemeinschaft, lernte er bei seinem Vater und seinem Großvater, Friedrich Bahmüller, die ein Haushaltswaren- bzw. Schuhgeschäft in der Kronstädter Purzengasse besaßen und sich nicht nur in den Aufsichtsräten sächsischer Betriebe engagierten, sondern auch im zivilgesellschaftlichen Leben, zum Beispiel im Siebenbürgischen Karpatenverein oder in sächsischen Turnvereinen. Sowohl die väterliche als auch die mütterliche Familie ist im Laufe des 19. Jahrhunderts – aus Schlesien bzw. Württemberg – nach Siebenbürgen eingewandert. Ihre „Integrationsgeschichten“ führten Helmut vor Augen, dass es in einem neuen Umfeld wesentlich auf die persönliche Einsatzbereitschaft des Einzelnen ankommt – eine Erkenntnis, die durch seine Erfahrungen schon bald bestätigt werden sollte.

Helmut Volkmer im Mai 2012 in der Steiermark. ...Helmut Volkmer im Mai 2012 in der Steiermark. Foto: Birgit MaderlUnmittelbar nach dem 23. August 1944 bat ihn sein Vater, seinen Bruder Erhardt zu begleiten, der im Wagen des Roten Kreuzes mit einem deutschen Militärkonvoi zu einer dringend benötigten medizinischen Behandlung in die Steiermark transportiert werden sollte. Nachdem er seinen Bruder im Landeskrankenhaus „Stolzalpe“ in die Obhut der Ärzte übergeben hatte, fuhr er zu Verwandten nach Wien, die einen mit der Familie bekannten Wehrmachts-General baten, den Sechzehnjährigen vor einem Fronteinsatz zu bewahren. Der General sorgte dafür, dass Helmut für Kurierdienste im Berliner Umland eingesetzt wurde. Nachdem er mehrere schwere Bombenangriffe auf die Reichshauptstadt überstanden hatte, wurde Helmut im März 1945 dennoch zu einem Kampfverband nach Oberösterreich versetzt. Dort zertrümmerte ihm ein Granatsplitter den linken Fuß und damit auch seine Hoffnungen, sich seinem geliebten Sport weiter in der gewohnten Weise widmen zu können. Das Kriegsende erlebte er im Lazarett von Bad Ischl. Nach amerikanischer Kriegsgefangenschaft fand er bis 1947 eine Unterkunft im Flüchtlingslager Feffernitz bei Villach, das von der britischen Armee eingerichtet worden war. Seine ersten Erfahrungen in der Jugendarbeit sammelte er als Betreuer in einem von der YMCA (Christlicher Verein Junger Männer) betriebenen Jugendlager am Keutschacher See in Kärnten. Die schweren Nachkriegsjahre verbrachte Helmut in Wien, der Steiermark und in Kärnten, wo er als Hochofenarbeiter, Kellner und Holzfäller arbeitete – an eine Fortführung seines an der Universität Graz aufgenommenen Studiums der Elektrotechnik war unter diesen Umständen nicht zu denken. In den 1950er Jahren erhielt er als Kaufmann eine feste Anstellung bei der Firma Beco, danach bei der Firma Swarovski. In deren Tochterfirma Tyrolit war er bis zu seiner Pensionierung 1989 im Vertrieb (Steiermark und Burgenland) tätig.

Berufung in der siebenbürgischen Jugendarbeit gefunden

Seine Berufung fand er in der sächsischen Jugendarbeit, für die er 1994 auf dem Dinkelsbühler Heimattag mit dem „Siebenbürgisch-Sächsischen Jugendpreis“ ausgezeichnet wurde. Am Anfang stand eine Spende von 50 Skiern aus Armeebeständen und Lebensmitteln der YMCA, die Helmut organisierte, um den in Österreich gestrandeten siebenbürgischen Jugendlichen ein paar unbeschwerte Tage in den Alpen zu ermöglichen. Mitgetragen wurde dieser Traum, an die heiteren Jugendtage vor dem Krieg anzuknüpfen, von einer Gruppe gleichgesinnter Siebenbürger Sachsen des studentischen Barackenlagers in der Hochsteingasse in Graz, in dem auch Helmut wohnte. Dort trafen sich nach Kriegsende Siebenbürger Sachsen, Donauschwaben sowie andere Flüchtlinge und Vertriebene und knüpften Freundschaften, die – auch über Länder und Kontinente hinweg – ein Leben lang hielten. Somit war das erste Siebenbürgische Jugendskilager – im Jahr 1949 – geboren. Ab 1951 fand es auf der Alm der Familie Gschwandtner in Mühlbach am Hochkönig im Salzburger Land statt. Mit einem sensiblen Gespür für die Bedürfnisse der Jugendlichen ausgestattet, gelang es Helmut in diesen Jahren, ein zukunftsträchtiges Format zu entwickeln, das schnell zu einer etablierten Marke im Bereich der siebenbürgischen Jugendarbeit wurde. Jährlich bot er in der Osterwoche auf 1 400 Meter Höhe den bis zu 100 Jugendlichen eine Mischung aus sportlichen (Skiwettkämpfe), gemeinschaftsfördernden (Gesangsrunden, die von Helmuts Akkordeon begleitet wurden) und kulturellen (Diavorträge über Siebenbürgen) Aktivitäten, die jedoch immer dem Prinzip der Eigenverantwortung verpflichtet blieben. Daran wird sich jeder Teilnehmer erinnern können, der das „Vergnügen“ hatte, am Morgen nach dem legendären „Schneebar-Abend“ den Küchendienst zu verrichten.

Das legendäre Skilager am Hochkönig

Helmuts Appell bei der Eröffnung des Skilagers an die Teilnehmer „Das Skilager wird so gut, wie Ihr es Euch selber gestaltet“ galt auch für das Leben selbst. Er hatte die besondere Gabe, nicht nur seiner, sondern auch drei nachfolgenden Generationen ein siebenbürgisches Gemeinschaftserlebnis zu vermitteln, das die Erinnerung an Siebenbürgen wachhalten und das Verantwortungsgefühl für seine Sachsen stärken sollte. Aber auch die Freunde der Siebenbürger waren stets willkommen – ein zentraler Aspekt der Erfolgsgeschichte dieses Skilagers. Neben seiner Authentizität, eine zeitlose Voraussetzung für die Begeisterung der Jugend, und seiner teils spröden Herzlichkeit waren dafür auch seine „Bulgaren“ verantwortlich. Dieser in Anlehnung an Gestalten aus Gregor von Rezzoris „Maghrebinischen Geschichten“ benannte, eingeschworene Freundeskreis, der sich aus Skilagerteilnehmern gebildet hatte, unterstützte Helmut bei der Durchführung des Jugendskilagers tatkräftig und trug auch dazu bei, dass er das Skilager fünfzig Jahre lang leiten konnte. 1999 übergab er die Skilagerleitung in feierlichem Rahmen an seine ältere Tochter Kerstin Simon. Anlässlich dieser Festveranstaltung wurde er mit dem Goldenen Ehrenwappen der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland ausgezeichnet. Darüber hinaus setzte sich Helmut als für Österreich zuständiger Beirat für die Ziele der 1986 von seinem Bruder Günter mitinitiierten Sektion Karpaten im Deutschen Alpenverein ein (gegründet als „Siebenbürgischer Alpenverein“), als deren Keimzelle das Jugendskilager bezeichnet werden kann. Auch nach seinem Ausscheiden als „Boss“ ließ er kein Skilager aus und besuchte zuletzt zu Ostern 2015 „seine“ Jugendlichen auf dem Hochkönig.

Naheliegend war, dass Helmut seine Frau Inge, geborene Ongjerth (1935–2007), die es nach dem Krieg aus Hermannstadt nach Oberösterreich und anschließend Nordrhein-Westfalen verschlagen hatte, auf dem Hochkönig kennen lernte. Sie heirateten 1959 und lebten mit ihren beiden Töchtern Kerstin (*1961) und Birgit (*1964) zuerst in Graz und später in Judendorf-Straßengel bei Graz (nun umbenannt in Gratwein-Straßengel). Die zwischen 1992 und 1999 geborenen vier Enkelkinder Alina, Nicola, Philipp und Julia entwickelten sich rasch zum Mittelpunkt in Helmuts Leben, das durch den zu frühen Tod seiner lieben Frau Inge überschattet wurde. Helmut gelang es, nicht nur über das Skilager seinen Kindern und Enkeln die Liebe zu den Bergen und zur alten Heimat zu vermitteln – auch zahlreiche Ausflüge und Siebenbürgenreisen, insbesondere in „sein“ Kronstadt, trugen dazu bei. Mit bemerkenswerter Konstanz stärkte er die Bande der Freundschaft und der Familie, gerade auch über den Eisernen Vorhang hinweg. Für die in Siebenbürgen verbliebenen Freunde und Verwandte hatte er stets ein offenes Ohr, eine helfende Hand und vermittelte ihnen auch in schweren Zeiten das Gefühl, nicht vergessen zu sein.

Gerade sein Wirken als „begnadeter Kommunikator“ wurde auf der bewegenden Trauerfeier, die am 6. Februar 2016 in Gratwein-Straßengel stattfand, gewürdigt: „Er hatte die Gabe, Gemeinsamkeit zu begründen und Gemeinschaft entstehen zu lassen – auch in größerem Kreis, doch vor allem erstmal in der persönlichen Beziehung“ (Hans Werner Loew, Würzburg). Dies geht auch aus vielen Beileidsbekundungen hervor, die die Familie erreichten: „Seine Bekanntheit und Beliebtheit waren ihm sowohl in Siebenbürgen, als auch in Deutschland und Österreich immer voraus und durch sein gemeinschaftsförderndes Wirken hat er viele bereichert, noch bevor sie sich dessen bewusst waren“ (Peter László-Herbert, Klausenburg).

Dass Helmuts Haus in Gratwein-Straßengel, dieser Ort der Begegnung über Grenzen und Generationen hinweg, über Nacht (seelen)leer geworden ist, erscheint beinahe unfassbar. Nicht leer sind jedoch unsere Erinnerungen, denn in ihnen wird dieser „Freundschaftsknüpfer“ stets seinen Platz haben: „Wenn du mich suchst, suche in deinem Herzen, wenn du mich dort findest, dann bin ich bei dir“ – im Zeichen dieser Worte steht nicht nur die Traueranzeige, sondern sein gesamtes Leben.

GeVo

Schlagwörter: Verbandsleben, Jugendarbeit, Skilager

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