15. November 2011
Max Moltke als 35-Jähriger. Stammbuchzeichnung von Wilhelm Kamner, erhalten als Kopie im Geschichtsmuseum Hermannstadt, Bleistiftzeichnung, 1854. Verbleib des Stammbuches unbekannt. Foto: Konrad KleinIn beiden Fällen entstand die Melodie ursprünglich zu anderen – nicht sehr erlesenen – Texten: Joseph Haydn schrieb die berühmte Melodie, über die er selbst sehr glücklich war, als Lobgesang auf den österreichischen Kaiser („Gott erhalte Franz den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz“), Johann Lukas Hedwig komponierte die Melodie, der er selbst später den schönen Text Max Moltkes unterlegte, ursprünglich auf leicht banale Verse als Eloge auf die verdiente Kronstädter Handelsunternehmerin, Bauherrin eines großen Kaufhauses und sozial engagierte Bürgerin Appolonia Hirscher („Bürger Kronstadts, lasst uns singen mit begeistert frohem Sinn […] unsrer edlen Hirscherin.“). Das schmälert oder relativiert aber in keiner Weise den autarken Wert und die Qualität der Melodie. (Übrigens lassen sich beide Melodien interessanterweise und wie naturgegeben auf den Text der jeweils anderen Hymne – von Hoffmann von Fallersleben bzw. Moltke – singen.) Dass vorhandenen Melodien neue Texte unterlegt werden, ist ein alter, seit der Reformation und dem Barock geübter Brauch. Melodien aber wurden kaum je verändert, ebensowenig melodische Elemente hinzugefügt. Die Melodien folgen gewissermaßen unabhängig vom Text meist eigenen musikalischen Gesetzen und ästhetischen Kategorien, besonders wenn sie von schöpferisch begabten Komponisten herrühren. Eine Melodie verändern oder ergänzen ist – wenn das einmal vorkommt – ein schwerer, immer unbefriedigender und meist unnötiger Eingriff, der eine Verfremdung und Verunstaltung des Gesangsstücks zur Folge hat. Nach heutigem Urheberrecht ist er auch unstatthaft.
Bildniskarte aus dem Verlag von Heinrich Zeidner, Kronstadt, mit den Bildnissen von J. L.
Hedwig und M. Moltke. Lichtdruck 1898. Sammlung: Konrad Klein
In der eingeschobenen Melodiefloskel scheint jener Lied- und Gesangsstil durch, der um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland aufgekommen und auch in Siebenbürgen sehr verbreitet war, dem jedoch in Deutschland bereits der Finkensteiner Bund, Wandervogel, Jugendbewegung und Jugendmusikbewegung mit Walther Hensel, Konrad Ameln – der auch in Siebenbürgen tätig wurde –, Fritz Jöde, Karl Marx, Walter Rein und Cesar Bresgen entgegentraten, das unverdorbene, echte, ästhetisch anspruchsvolle, vom Gefühlsausdruck her wahrhaftige Lied propagierend. In Siebenbürgen wirkten in diesem Sinne Rudolf Lassel, Victor Bickerich, Franz Xaver Dressler, Walther Scheiner, Rolf Müller, Willi Hermann, Erich Bergel sen., Karl Fisi und mit besonderem Nachdruck und großer Überzeugungskraft Ernst Irtel. Ihre Wirkungskraft scheint zeitlich begrenzt gewesen zu sein.Karl Teutsch
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