20. Februar 2016

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Dr. Christoph Machat zum 70. Geburtstag

„Mit dem Namen Christoph Machat als Beispiel für die – in unserem Kollegenkreis nicht immer selbstverständliche – enge Verbindung von Theorie und Praxis in der Denkmalpflege, für wissenschaftliche Arbeit und praktische Erfahrung im Kampf gegen die allgegenwärtigen Kräfte der Zerstörung, wollen wir auch in Zukunft die Hoffnung verbinden, dass es immer wieder Chancen gibt, nicht nur einzelne Zeugnisse, sondern die ganze Fülle der weltweiten kulturellen Überlieferung zu retten.“ Die Worte von Prof. Dr. Michael Petzet, Ehrenpräsident des Internationalen Rates für Denkmalpflege (ICOMOS) und langjähriger Leiter des Bayerischen Denkmalamtes, gesprochen bei der Verleihung des Georg-Dehio-Kulturpreises 2009 im Atrium der Deutschen Bank in Berlin, weisen nicht nur auf Wesenszüge des siebenbürgischen Kunsthistorikers und Denkmalpflegers Dr. Dr. h.c. Christoph Machat hin, sie stellen vor allem sein weltweites Wirken für den Denkmal- und damit Umweltschutz in aller Welt in einen allgemeinen Kontext, der heute aktueller denn je ist.
Geboren wurde er am 18. Januar 1946 in Schäßburg als Sohn des Lehrerehepaars Egon und Edith Machat. Die „Jahre einer unbeschwerten, wunderschönen Kindheit und Jugend“ (Machat) in der romantischen Stadt an der Kokel, auf dem mittelalterlichen Burgberg und in der Bergschule haben seinen Sinn für das erhaltenswerte Schöne nachhaltig geprägt, der Stadt blieb er stets verbunden. Prägend war aber auch der bedeutende rumänische Kunsthistoriker Prof. Dr. Vasile Drăguț, Leiter des damaligen Rumänischen Denkmalamtes und Professor an der Fakultät für Kunstgeschichte und Kunsttheorie der Hochschule für Bildende Künste, deren Student Christoph Machat nach dem Intermezzo eines Elektronik-Studiums am Bukarester Polytechnikum wurde.

Nach erfolgreichem Abschluss wurde er 1972 Gebietsleiter für Siebenbürgen im Rahmen des Rumänischen Denkmalamtes, in jenen Jahren gewiss keine Selbstverständlichkeit. Dass sich Professor Drăguț für die Anstellung dieses Siebenbürger Sachsen einsetzte, zeugt von einer in der damaligen Zeit seltenen Weltoffenheit, aber auch von dem Vertrauen in und der Wertschätzung für seinen herausragenden Schüler.

Die Aussiedlung in die Bundesrepublik Deutschland (1973) zwang Christoph Machat zu einem Neuanfang. Nach der 1976 erfolgten Promotion an der Universität Köln wurde er beim Bayerischen Amt für Denkmalpflege zunächst in Oberfranken, in der Außenstelle Schloss Seehof bei Bamberg, dann als Referent für den Regierungsbezirk Schwaben angestellt. 1980 wechselte Machat zum Rheinischen Denkmalamt in Köln-Brauweiler, wo er u.a. den Wiederaufbau der romanischen Kirchen Kölns betreute, von 1984 bis zu seiner Pensionierung 2011 die flächendeckende Erfassung des erhaltenswerten Kulturguts im Rheinland koordinierte, das zentrale Denkmalarchiv leitete und die „Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland / Denkmäler im Rheinland“ redigierte. Dr. Christoph Machat wurde mit dem Siebenbürgisch ...Dr. Christoph Machat wurde mit dem Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreispreis 2014 ausgezeichnet. Foto: Lukas Geddert Als 1991 eine Expertengruppe zum Themenkomplex „historische Kulturlandschaften und Stätten“ geschaffen wurde, berief ihn die Bundesregierung als deutschen Vertreter in dieses Gremium, aus dem der Scientific Council von ICOMOS hervorging. 1992 wurde Christoph Machat Generalsekretär, 1995 Präsident des Internationalen ICOMOS-Komitees für ländliche Architektur (Comité International d‘Architecture Vernaculaire) im Rahmen der UNESCO und bekleidete dieses hohe Amt zehn Jahre lang. Als Krönung seiner Tätigkeit in diesem Rahmen bezeichnet Professor Petzet die 1999 von der Generalversammlung von ICOMOS in Mexiko ratifizierte Charta für ländliche Architektur (Charter on the Built Vernacular Heritage), die in Ergänzung der berühmten Charta von Venedig Grundsätze der Konservierung und Richtlinien für die Praxis der Erhaltung des ländlichen Kulturerbes festlegt und Machats Handschrift trägt.

Christoph Machat, seit 2000 Vizepräsident des Deutschen Nationalkomitees, seit 2005 Präsident des Wissenschaftlichen Rates und seit 2008 Mitglied im Exekutivkomitee von ICOMOS International, hat sich nicht nur an einer Reihe von UNESCO-Missionen zur Rettung von Denkmälern und historischen Stätten beteiligt, unter anderem im Kosovo (2004), bei der Rettung des Fischerhafens Tomo-no-ura der Stadt Fukujama (2005) oder in der Frage des Welterbestatus von Istanbul (2006). Dabei ging es ihm nicht nur um die Erhaltung von einzelnen Denkmälern, sondern auch um die Bewahrung von historisch gewachsenen Denkmallandschaften.

Dafür hatte sich Machat schon in den 1980er Jahren eingesetzt, als er die Folgen der so genannten Systematisierungspolitik von Ceaușescu der internationalen Öffentlichkeit unter anderem durch eine zunächst in Paris gezeigte Wanderausstellung „ICOMOS PRO ROMANIA“ bekannt machte und den Widerstand dagegen organisierte. Dazu gehörten ein gehöriges Maß an Zivilcourage ebenso wie die Verankerung in den Organisationen der Denkmalpflege. Das hohe Ansehen, dessen sich Machat heute in den rumänischen Fachkreisen erfreut, ausgedrückt auch in der Verleihung von zwei Ehrendoktoraten, geht auf diesen bemerkenswerten Einsatz zurück.

Nach dem Sturz des Kommunismus in Rumänien setzten sich der damalige Vorsitzende des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrats, Prof. Walter König, und der Experte Dr. Christoph Machat für das Projekt der flächendeckenden Erfassung siebenbürgisch-sächsischen Kulturguts ein, dessen Förderung durch die Bundesregierung ebenso erreicht werden konnte wie die erfolgreiche Umsetzung des großartigen, von Machat konzipierten und ehrenamtlich geleiteten Vorhabens in den Jahren 1991 bis 1998. Er setzte dabei auf die Zusammenarbeit mit rumänischen und ungarischen Fachleuten vor Ort, in der richtigen Erkenntnis, dass diese künftig für die Bewahrung unseres Kulturerbes Verantwortung übernehmen werden. Der bereits erwähnte Hauptpreis des Georg-Dehio-Kulturpreises, dessen Förderpreis er schon 1979 erhalten hatte, würdigte nicht zuletzt dieses herausragende Engagement für Verständnis und interkulturellen Dialog. Die flächendeckende Bestandsaufnahme des denkmalwerten Kulturgutes in den von Deutschen geprägten Kulturlandschaften Siebenbürgens, die „die historische Bausubstanz in einem Umfang und einer Qualität dokumentiert, wie sie für kein anderes der ehemaligen deutschen Siedlungsgebiete in Ost- und Südosteuropa vorliegt“ (Petzet), gehört zu den bleibenden Verdiensten des siebenbürgischen Kunsthistorikers. Sie dient bis heute den Fachleuten als Grundlage für Restaurierungs- und Sicherungsmaßnahmen, wird immer wieder bei Planungen – Städtebau, Gebietsentwicklung, Straßenplanung usw. – zu Rate gezogen. Die Dokumentation der Ergebnisse dieses Projektes in der „Denkmaltopographie Siebenbürgen“, die Machat redigiert hat, beschreitet wissenschaftliches Neuland in und für Rumänien. Das Dokumentationsprojekt hat auch die Grundlagen dafür geschaffen, dass Ende 1999 sieben Kirchenburgen und Städte Siebenbürgens auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurden: die Wehrkirchen und Kirchenburgen Kelling, Wurmloch, Keisd, Deutsch-Weißkirch, Tartlau und die Szekler Kirchenburg Derzs/Dârjiu sowie die Altstadt von Schäßburg. Dafür hat sich Machat auch als Mitglied in der „Welterbe-Arbeitsgruppe“ und im „World Heritage Panel“ eingesetzt, das die Anträge für die UNESCO-Liste begutachtet und Empfehlungen ausspricht.

Als bedeutendste denkmalpflegerische Maßnahme in Schäßburg ist die mit erheblichen Mitteln der Messerschmitt Stiftung München in den Jahren 1993-1999 realisierte Gesamtinstandsetzung der auch statisch stark gefährdeten Bergkirche anzusehen. Dank der Anwendung neuester Technologien und Sanierungsmethoden entwickelte sich hier, wie es Michael Petzet ausgedrückt hat, „eine wahre ‚Modellbaustelle‘, bei der rumänische, ungarische und deutsche Fachleute zusammenarbeiteten“ und voneinander lernten. Auch aus diesem Grund wurde die Instandsetzung der Bergkirche 2005 mit dem Großen Preis der Europäischen Union, dem Europa Nostra Preis für Kultur, ausgezeichnet. Dass Christoph Machat zum Ehrenbürger von Schäßburg erkoren wurde, ist in diesem Kontext nur folgerichtig.

Von der Vielfalt seiner wissenschaftlichen Interessen zeugt eine Auswahl aus seinem umfassenden Schriftenverzeichnis: „Die Bergkirche zu Schäßburg und die mittelalterliche Baukunst in Siebenbürgen“ (München 1977), „Veit Stoss, ein deutscher Künstler zwischen Nürnberg und Krakau“ (Bonn 1984), „Denkmalpflege in der Praxis“ (Köln 1984), „St. Kunibert in Köln“ (Neuss 1985), „Der Wiederaufbau der Kölner Kirchen“ (Köln 1987), „Heritage at Risk 2008-2010: ICOMOS World Report 2008-2010 on Monuments and Sites in Danger“ (Berlin 2010).

Dass Christoph Machat zwischen 1992 und 2013 als Vorsitzender, seither als Ehrenvorsitzender des Siebenbürgisch-Sächsischen Kultur rates ehrenamtlich gewirkt hat und wirkt, war und ist ein Glücksfall. Vor wenigen Tagen besichtigte er Schloss Horneck, um eine erste Begutachtung des Baudenkmals vorzunehmen. Und kurz danach nahm er die Kooptation in den Vorstand des Siebenbürgischen Kulturzentrums „Schloss Horneck“ an – mit ein Zeichen dafür, dass dieser weltweit erfolgreich wirkende Kunsthistoriker und Denkmalpfleger die Belange seiner Landsleute stets im Auge behalten hat und behält.

Konrad Gündisch, Harald Roth

Schlagwörter: Machat, Jubilar, Kulturrat, Schäßburg

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