Eintrag Nr. 7427

02.08.2003, 00:45 Uhr

Vom Aussterben bedroht? [none]

Vom Aussterben bedroht? - Die deutsche Minderheit in Rumänien schrumpft weiter, doch der deutsche Einfluss nimmt zu

Köln, 29.7.2003, DW-radio, Rainer Sollich

Noch zwischen den beiden Weltkriegen lebten in Rumänien rund 800 000 Deutsche. Ihre Vorfahren waren vor rund 850 Jahren dort eingewandert. Heute dagegen sind es nur noch 60 000 - die deutsche Minderheit droht langfristig auszusterben. Trotzdem nimmt der deutsche Einfluss wieder zu, vor allem das Erlernen der deutschen Sprache ist bei vielen jungen Rumänen populär. So besuchen in der Stadt Sibiu (deutsch: Hermannstadt) derzeit 3000 Kinder deutsche Schulklassen - obwohl es in der Stadt nur noch 2000 Deutsche gibt.

Auf den ersten Blick ist Sibiu eine rumänische Stadt wie viele andere auch. Auf den Straßen rumänische Stimmen, in den Häuserzeilen rumänische Geschäfte, und in den Gaststätten - rumänische Musik.

Und doch ist Sibiu, im Herzen Transsylvaniens (deutsch: Siebenbürgen) gelegen, keine normale rumänische Stadt - jedenfalls historisch betrachtet. Sibiu trägt nämlich bis heute auch seinen ursprünglichen Namen 'Hermannstadt' und wurde, wie viele Städte in der Region, vor rund 850 Jahren von deutschen Siedlern gegründet.

Heute erinnern fast nur noch Bauwerke wie Kirchen und Schulen sowie alte Friedhöfe an die Geschichte der Deutschen, die früher mehrheitlich hier lebten. Der Ort ist fest in rumänischer Hand.

Das war früher mal ganz anders: Im 12. Jahrhundert kamen die ersten so genannten "Siebenbürger Sachsen" nach Transsylvanien, das damals noch zum Königreich Ungarn gehörte. Die Neuankömmlinge gründeten mehrere Städte, bauten Kirchen und kultivierten das Land. Gemeinsam mit anderen deutschen Minderheiten wie Banat-Schwaben, Landlern und Zipsern bilden sie bis heute die Obergruppe der Rumänien-Deutschen.

Jahrhundertlang dominierten die Deutschen ihre Siedlungsgebiete. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts bildeten Rumänen in Städten wie Sibiu die Mehrheit. Doch immerhin lebten auch zwischen den beiden Weltkriegen noch insgesamt rund 800 000 Deutsche in Rumänien. Heute dagegen gibt es in dem 22-Millionen-Einwohner-Land nur noch knapp über 60 000 Deutsche - überwiegend alte Leute.

Die Abwanderung begann schon früh und erreichte ihren Höhepunkt nach 1989, also nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft. Viele Rumänien-Deutsche nutzten damals die Chance, dass sie von deutscher Seite aus ein verbrieftes Recht auf Übersiedlung in die Bundesrepublik hatten. Ein regelrechter Massen-Exodus setzte ein, nicht zuletzt, weil das Leben in Deutschland Wohlstand versprach.

Doch schon zuvor, in den letzten Jahrzehnten vor dem Ende der kommunistischen Herrschaft, siedelten viele Rumänien-Deutsche nach Deutschland über. Die Bundesrepublik Deutschland zahlte dem damaligen rumänischen Regime sogar eine Art "Kopfgeld" für jeden Deutschen, den sie auswandern ließen - rund 8000 Mark pro Person. Überdies waren nach dem 2. Weltkrieg rund 75 000 Rumänien-Deutsche zwangsweise in die Sowjetunion deportiert worden. Die kommunistische Regierung bestrafte sie damit für ihre angeblich Nazi-freundliche Haltung. Die Verbliebenen mussten damals hinnehmen, dass die Behörden ihre Minderheitenrechte einschränkten und ihren Besitz verstaatlichten. Vieles ist bis heute nicht zurückgegeben worden.

Dennoch funktionierte das Zusammenleben weitgehend reibungslos. Klagen über alltägliche Diskriminierungen, wie sie bisweilen von Ungarn und Roma hervorgebracht werden, sind von den Vertretern der deutschen Minderheit in Rumänien nicht zu hören. Und viele ältere Rumänen erinnern sich mit großer Symphatie an ihre ehemaligen deutschen Nachbarn zurück - wie die 78 Jahre alte Rosalia Cristea, die Jahrzehnte lang eng mit einer deutschen Familie befreundet war:

"Ich weiß noch, als diese Familie 1980 nach Deutschland übersiedelte, da haben sie geweint - und wir haben genauso geweint. Wir gingen damals alle gemeinsam zum Bahnhof - und es war ein Abschied, den ich niemals vergessen werde. Ich habe die deutsche Familie danach nie wieder gesehen, wir haben danach nur noch paar Briefe geschrieben. Aber ich vermisse sie und würde mich freuen, wenn sie noch einmal nach Rumänien kämen. Ganz allgemein gesagt, hatten wir Rumänen immer ein gutes Bild von den Deutschen hier. Denn es waren korrekte Leute, sehr ordentlich, aufrichtig und ehrlich."

Die deutsche Minderheit in Rumänien droht langfristig zwar auszusterben. Doch paradoxerweise nimmt gleichzeitig der deutsche Einfluss wieder zu. Zahlreiche alte deutsche Gebäude werden derzeit renoviert - nicht selten mit deutscher Finanzhilfe. Und obwohl in einer Stadt wie Sibiu nur noch 2000 Deutsche leben, besuchen dort über 3000 Kinder deutsche Schulen. Es sind überwiegend rumänische Kinder - denn die Schulen haben einen guten Ruf, und das Erlernen der deutschen Sprache gilt im Hinblick auf Rumäniens angestrebten EU-Beitritt 2007 als karrierefördernd. Nicht zu vergessen: Sibiu hat erstmals seit 1939 wieder einen deutschen Bürgermeister. Klaus Johannis heißt der Mann. Und auch er stellt fest:

"Wenn sie mit Rumänen oder mit rumänischen Politikern sprechen, dann sind die Leute fast einstimmig der Meinung, dass es schade ist, dass die Deutschen weggegangen sind. Das Image der deutschen Minderheit ist hier - kurz zusammengefasst und in Anführungszeichen zu verstehen - das einer 'guten Minderheit'."

Ein Image, von dem der Bürgermeister und Vorsitzende des "Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien" auch selbst profitiert. Schließlich wäre er sonst wohl kaum von der rumänischen Bevölkerungsmehrheit an die Stadtspitze gewählt worden. Johannis will das gute Image der Deutschen nutzen, um verstärkt deutsche Investoren nach Sibiu zu locken. Dabei hat er nicht zuletzt die ausgesiedelten Rumänien-Deutschen im Visier. Vielleicht, so seine Vision, kommen sie irgendwann doch wieder in ihre alte Heimat zurück. (fp)

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