Burgführerin in Holzmengen - Erfahrungsbericht Ellen

Mitteilungen der HOG

8. Januar 2020

Ein Freiwilligendienst als Kirchenburgführerin in Holzmengen Auf dem Flyer steht: „Wir suchen DICH!“ und ich denke mir: „Ja, wieso eigentlich nicht?“.
Meine Großeltern kommen aus Siebenbürgen und obwohl ich noch nie da war, war für mich immer klar, dass ich früher oder später einmal dorthin reisen würde. Dass es nun gerade Holzmengen werden würde, ist allein dem Verein „Jugendburg Holzmengen“ (CEPIT) zu verdanken, der den Freiwilligendienst als Kirchburgführer*in anbietet.
Vom Hermannstädter Flughafen geht es mit dem Auto direkt nach Holzmengen. Als ich nun am Tag danach anfange, die Führungen zu geben, kenne ich von Rumänien nichts außer dem Flughafen und dem kleinen Dorf Holzmengen, 25 km östlich von Hermannstadt. Und selbst das Dorf habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich kennengelernt. Außerdem spreche ich kein Wort rumänisch. Aus den Erzählungen meines Großvaters weiß ich zwar einiges über Siebenbürgen und die Sachsen, aber auch dieses Wissen hält sich in Grenzen. Kurzum: Es ist ein Wurf ins kalte Wasser, als ich anfange, den Besuchern etwas über die Sachsen, das Dorf Holzmengen und die dort befindliche Kirchenburg zu erzählen. Doch mit Hilfe der mir vorab geschickten Informationen über die Kirchenburg und einer Einführung in deren Geschichte durch meine Vorgängerin, habe ich schon nach einem Tag einen ungefähren Plan von den wichtigsten Stationen während der Führung und den Ablauf dieser. Im Laufe der Zeit habe ich immer mehr dazugelernt, sodass sich meine Führung stetig veränderte und erweiterte. Am Ende meiner Zeit in Holzmengen war die Führung eine Mischung aus dem, was ich mir in der Zwischenzeit angelesen hatte, und dem, was mir die Besucher aus ihren Lebensgeschichten erzählt hatten.
Da jeder Besucher anders ist, verläuft auch jede Führung anders. Manche Menschen wissen fast nichts, sind das erste Mal in Rumänien und haben von den Siebenbürger-Sachsen noch nichts gehört. Dann fange ich ganz von vorne an und beginne mit der Besiedlung des Landes unter dem ungarischen König Geza II. im 12. Jahrhundert. Andere Besucher wiederum sind selbst Sachsen und kennen ihre Geschichte viel besser als ich: Sie sind froh, dass jemand da ist und aufmacht. Viele Menschen erzählen mir aus ihren eigenen Lebensgeschichten und von ihrem persönlichen Bezug zu Rumänien. Da ist etwa der Anwalt aus Hamburg, der während seiner Studentenzeit schon einmal hier war und erzählt, wie schwierig es damals war, überhaupt nach Rumänien zu kommen. Da ist die kanadische Radfahrerin, die das erste Mal in Rumänien ist und damit vor allem Herta Müller verbindet, deren Bücher sie gelesen hat. Sie sagt: „Her books are great - but they are so tough!“ und stößt einen tiefen Seufzer aus, bei dem man ihr ansieht, dass es sie wohl mitgenommen hat, was man bei Herta Müller liest. Da sind die katholischen Polen, die recht irritiert davon sind, dass tatsächlich fast alle Sachsen reformiert wurden und Katholiken unter den Siebenbürger-Sachsen schwer zu finden sind. Da ist der deutsche Familienvater, der mit seiner Frau und seinen beiden erwachsenen Töchtern vorbeikommt. Er ist bereits das 37. Mal in Siebenbürgen und weiß wohl schon alles, was ich erzähle – und noch viel mehr darüber hinaus. Er reist nur noch hierher, sagt er. Da ist die Radfahrergruppe, die wenig an meinen Erläuterungen interessiert ist, und vor allem begeistert Fotos davon macht, wie einer von ihnen auf der „Kronenkanzel“ steht. Da sind die deutschen Studenten, hipp und alternativ, die vor der Führung den Friedhof besucht haben, entsetzt sagen sie: „Die hatten ja alle dieselben Namen! Gab es da keine Inzucht in den siebenbürgisch-sächsischen Dörfern?“. Da ist der rumänische junge Mann, der mir, als ich von der Deportation der Deutschen in die Arbeitslager der Sowjetunion nach dem 2. Weltkrieg erzähle, erklärt, dass auch Rumänen deportiert wurden. Und mir wird bewusst, wie einseitig meine Perspektive ist und wie vorbestimmt man von dem ist, woher man kommt. Da ist die Gruppe vier ca. 50-jähriger Siebenbürger-Sachsen, die mir begeistert von den Trachten ihrer Großeltern erzählen, an die sie sich noch aus Kindertagen erinnern können. Da ist die junge Frau, die selbst in Siebenbürgen geboren wurde, aber als kleines Kind nach Deutschland ging und nun auf den Spuren ihrer Eltern und Großeltern durch Siebenbürgen reist. Sie schimpft auf die schlechten Straßen in Rumänien und die Fahrweise der meisten Autofahrer. Da sind die älteren Paare, die mit jungen rumänischen Reisebegleitern vorbeikommen. Diese Reisebegleiter fahren immer wieder dieselbe Strecke ab, von Hermannstadt bis Schäßburg und weiter nach Kronstadt. Sie waren bereits oft in Holzmengen. Und so lernt man sehr verschiedene Perspektiven kennen und wie man sich anpasst, an die jeweiligen Bedürfnisse der Besucher. Manche hören aufmerksam zu und erwarten eine ausführliche Erläuterung, während andere lieber selbst reden und erzählen wollen, was sie wissen. Dann ist es relativ zwecklos noch zu versuchen, seine Führung durchzugehen, da man ohnehin nicht dazwischenkommt. In einem solchen Fall ist es ratsamer, kurze Sätze wie Stichpunkte dazwischenzuwerfen, sodass diese als Inspiration für eine erneute Ausführung des Besuchers dienen können. Es geht bei den Führungen also nicht nur um die verschiedenen Perspektiven auf die Geschichte der Sachsen in Siebenbürgen, sondern auch und vor allem um die verschiedenen Menschen, auf die man trifft. In dieser Weise, wie ich in Holzmengen mit unterschiedlichsten Menschen konfrontiert wurde und das in extrem kurzen Zeitabständen, wurde ich noch nie gefordert.
Oft kommen Paare, kleine Familien oder auch einzelne Menschen vorbei, sodass zwangsläufig jede Führung etwas Persönlicheres ist als das, was man eigentlich unter einer Touristenführung versteht. Auch sind die Besucher fast ausschließlich sehr interessiert, sodass immer eine positive Stimmung während der Führungen herrschte. Von den Besuchern wurde mir viel Dankbarkeit und persönliches Interesse entgegengebracht, was meine Arbeit angenehm und bereichernd machte.
Während der ersten Woche war ich zum Mittagessen bei verschiedenen Sachsen zu Hause, sodass ich von Anfang an Kontakt zu den Deutschen im Dorf hatte. Überall wurde ich sehr gut bekocht und liebevoll aufgenommen. Mir wurde das Dorf gezeigt, viel von früher erzählt und alle Fragen, die ich hatte, beantwortet. So hatte ich von Beginn an Anlaufpunkte im Dorf. Für diese Unterstützung seitens der Sachsen bin ich sehr dankbar.
Die drei Wochen in Holzmengen waren eine intensive Zeit für mich, von der ich viel mitnehme und in der ich viel verstanden habe über die siebenbürgische Geschichte und wie heute damit umgegangen wird.

Für Interessierte -
Infos können bei Ursula Stoll Tel. 0171-8146039
Oder E-Mail: ursheimat@t-online.de bezogen werden.

September 2019 Ellen H.

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