Kleinalisch im Rosengarten

20.12.2019, 19:09 Uhr

Johann Krestel

Kleinalisch im Rosengarten

Michael Krestel senior, Hausnummer 41, erzählt:
Spötteleien zwischen Nachbardörfern sind nichts Ungewöhnliches. Im Jahr 1922 besuchte Bischof Friedrich Teutsch auch Kleinalisch. Am Ende des Dorfes wurde er mit einem Lied empfangen. Am darauf folgenden Gottesdienst nahmen auch Gäste aus Rode teil. In seiner Predigt sprach der Bischof von „Kleinalisch im Rosengarten“. Ein Roder in der ersten Reihe murmelte: „…und viel dummes Volk darin.“ Der Bischof hörte das und erklärte, dass Kleinalisch rein sächsisch sei und schön liegt, also fühle man sich wirklich wie in einem Rosengarten.
*
Einer der Bauern betätigte sich auch als Friseur und Dorfbarbier. Bei ihm wollte sich der Bischof rasieren lassen. Der Barbier benutzte keinen Rasierschaum, sondern spuckte kräftig in die Hände und rieb mit der Spucke das Gesicht des Bischofs ein. Dieser rief entsetzt aus: „Ja – machen Sie das immer so?“ Der Barbier aber beruhigte ihn: „Nein, Hochwürdiger Herr, den gewöhnlichen Leuten spucke ich gleich ins Gesicht“.
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Der stärkste Mann in Kleinalisch war Michael K. Einst fällte sein Schwager im Wald hinter der Breite einen dicken Baum. Aus dem Stamm wollte er eine Kelter bauen. Allein konnte er den schweren Stamm nicht auf den Wagen laden, er rief noch sechs Leute und bat sie um Hilfe, darunter auch den starken Schwager Michael K. Dieser stellte eine Bedingung: ein Eimer Wein sollte auf den Tisch. Er trank den Holzeimer fast halb leer, dann gingen sie in den Wald. Michael K. schickte fünf Helfer an das eine Ende, am anderen blieb er mit dem Schwager. Zu zweit schafften sie das Gleiche wie die anderen fünf. Der schwere Baumstamm konnte reibungslos aufgeladen und glücklich nach Hause gebracht werden, der restliche Wein wurde ausgetrunken.
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Stefan, der Sohn von Michael K., war fast so kräftig wie sein Vater. Er hatte in der Stadt Wein verkauft an ein Gasthaus und auf dem Heimweg musste er mit dem Pferdewagen nachts durch einen Wald hindurch. Plötzlich tauchten drei dunkle Gestalten auf. Zwei von ihnen hielten die Pferde an, der dritte rief auf Ungarisch: „Geld oder Leben!“ Stefan antwortete: „Was wollt ihr? Ich verstehe euch nicht.“ Er stieg vom Wagen, ging zu ihnen und meinte: „Jetzt verstehe ich euch vielleicht.“ Die gleiche Aufforderung wurde wiederholt. Da packte Stefan zwei von ihnen am Kragen und knallte ihre Köpfe zusammen. Dem dritten ging es ebenso. Stefan warnte sie: „Wenn ihr mir noch mal in die Quere kommt, wehe euch!“ Die Gestalten verschwanden schleunigst im Gebüsch.
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Die Kleinalischer haben ursprünglich in einer anderen Ortschaft gewohnt. Weil die Ortschaft den Überfällen der Türken und Tataren ausgesetzt war, haben sich die Leute eine neue Bleibe gesucht und in diesem Seitental der Kleinen Kokel gefunden. Sie haben auch hier die damals üblichen Vorbereitungen getroffen: die Möglichkeit, innerhalb der kirchlichen Ringmauer Lebensmittel zu lagern, Bunker im Wald für Saatgut und Wertgegenstände, Verstecke für die Haustiere. Aber niemals sind Türken oder Tataren nach Kleinalisch gelangt.

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