Das Altarbild der Ehebrecherin in der evangelischen Kirche von Kreisch/Criș
Theologische und kulturhistorische Betrachtung

In der evangelischen Kirche von Criș (Kreisch) in Siebenbürgen befindet sich ein bemerkenswertes Altarbild des siebenbürgisch-sächsischen Malers Arthur Coulin (1869–1912). Das Bild stellt die biblische Szene der Ehebrecherin aus dem Johannesevangelium (Joh. 8,1–11) dar. Diese Darstellung ist in der Kirchenkunst ungewöhnlich, besonders als Motiv eines Hauptaltars.
Die Szene erzählt von einer Frau, die wegen Ehebruchs vor Jesus gebracht wird. Die Schriftgelehrten berufen sich auf das mosaische Gesetz, das die Steinigung vorsieht. Jesus antwortet mit den berühmten Worten: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“
Das Altarbild in Kreisch interpretiert diese Geschichte in einer sehr eigenständigen Weise. Es ist nicht nur eine Illustration des Evangeliums, sondern eine vielschichtige theologische und gesellschaftliche Reflexion.
2. Historischer Kontext
Die Kirche gehört zu den sogenannten Gustav-Adolf-Kirchen. Diese wurden mit Unterstützung der Gustav-Adolf-Stiftung errichtet und ausgestattet, einer evangelischen Hilfsorganisation des 19. Jahrhunderts, die protestantische Gemeinden in der Diaspora unterstützte.
Die Entstehung des Altars ist wahrscheinlich in die Zeit zwischen 1900 und 1910 zu datieren. Dies ist eine Phase tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen in Siebenbürgen. Nur wenige Jahrzehnte zuvor war im Zuge der Revolution von 1848 die Leibeigenschaft aufgehoben worden. Viele Dorfbewohner, die um 1900 das Gemeindeleben prägten, hatten diese Veränderung noch persönlich erlebt.
Bemerkenswert ist, dass dieser Altar nach Überlieferung der erste war, der von den ehemaligen Leibeigenen der Gemeinde selbst gestiftet und bezahlt wurde. Die Kirche wurde somit zu einem Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins der Dorfgemeinschaft.
3. Aufbau und Figuren des Bildes
Das Bild ist sorgfältig komponiert und enthält nur wenige Figuren. Dadurch entsteht eine ruhige, konzentrierte Szene. Die zentrale Figur ist Christus, der in einem weißen Gewand dargestellt ist. Er steht aufrecht und erscheint größer als die anderen Figuren. Seine Füße befinden sich näher bei der knienden Frau, während sein Kopf sich auf Höhe der Schriftgelehrten befindet. Diese Anordnung macht ihn sichtbar zum Mittler zwischen Mensch und Gesetz.
Vor ihm kniet die Frau. Sie ist teilweise entblößt und trägt ein purpurrotes Tuch über der linken Schulter. Ihre rechte Schulter und ein Teil der Brust sind sichtbar, was ihre Verletzlichkeit und öffentliche Beschämung symbolisiert. Gleichzeitig fasst sie vertrauensvoll die Hand Christi. Diese Geste verändert ihre Rolle: Sie ist nicht nur Angeklagte, sondern eine Person, die Hilfe und Gnade empfängt.
Vor Christus stehen zwei Schriftgelehrte. Ein jüngerer trägt eine Schriftrolle und ist mit einem blauen Mantel bekleidet. Er verkörpert das Gesetz und die Schrift. Ein älterer Schriftgelehrter steht näher bei Christus und spricht mit ihm. Seine ausgestreckte Hand wirkt erklärend und argumentierend, nicht unbedingt anklagend. Er repräsentiert die Autorität der religiösen Tradition.
Im Hintergrund steht der Mann, mit dem die Frau Ehebruch begangen hat. Er ist nur dürftig bekleidet und bleibt im Hintergrund der Szene. Im biblischen Text wird dieser Mann nicht erwähnt. Seine Anwesenheit im Bild macht sichtbar, dass Schuld nicht einseitig ist.
Am rechten Rand des Bildes befindet sich eine weitere Figur: der Maler Arthur Coulin selbst. Er trägt ebenfalls ein purpurrotes Tuch über der linken Schulter und blickt aus dem Bild heraus in das Kirchenschiff. Das purpurrote Tuch scheint in der Verlängerung des gleichen Tuches zu sein, das über die Sünderin quillt.
Nach dieser Deutung stellen Arthur Coulin und der Apostel Petrus dieselbe Person dar. Der Künstler setzt sich selbst in die Rolle des Petrus, des von Christus berufenen Zeugen und Verkündigers des Evangeliums. Sein Blick aus dem Bild heraus richtet sich unmittelbar an die Gemeinde und macht den Betrachter selbst zum Angesprochenen.
4. Symbolik der Gesten und Komposition
Die Hände der Hauptfiguren bilden ein deutliches Dreieck. Diese geometrische Form ist ein klassisches Mittel der religiösen Malerei. Sie schafft Stabilität und lenkt den Blick des Betrachters.
In diesem Dreieck verbinden sich drei Kräfte:
• die Frau als Symbol menschlicher Schuld
• die Schriftgelehrten als Vertreter des Gesetzes
• Christus als Quelle der Gnade.
Die Komposition zeigt somit sichtbar die Spannung zwischen Gesetz und Vergebung.
Ein weiteres bemerkenswertes Detail ist, dass alle Figuren barfuß dargestellt sind. In der religiösen Symbolik bedeutet Barfußsein häufig Ehrfurcht vor heiligem Boden. Gleichzeitig hebt es soziale Unterschiede auf. Alle Menschen stehen vor Gott gleich – ohne Rang und Schutz.
Darüber hinaus besitzt das Bild eine klare theologische Raumordnung. Die linke Bildseite mit den Schriftgelehrten und der Schriftrolle steht für das Gesetz. Die rechte Bildseite, auf der Christus, die kniende Frau und Coulin/Petrus erscheinen, verkörpert das Evangelium. Zwischen beiden Seiten steht Christus als derjenige, der das Gesetz erfüllt und den Weg der Gnade eröffnet.
5. Die Rolle des Künstlers
Die Figur des Malers am Rand des Bildes hat eine besondere Bedeutung. Während alle anderen Figuren in die Szene vertieft sind, schaut Coulin in das Kirchenschiff. Sein Blick richtet sich also auf die Gemeinde.
Damit verbindet er die biblische Geschichte mit der Gegenwart. Die Szene wird nicht nur betrachtet, sondern stellt eine Frage an die Betrachter selbst: Wie würden sie handeln?
Dass Coulin das gleiche purpurne Tuch trägt wie die Frau, verstärkt diese Verbindung. Der Künstler identifiziert sich nicht mit den Schriftgelehrten, sondern mit der menschlichen Seite der Szene. Er stellt sich selbst als Teil der sündigen Menschheit dar, die auf Gnade angewiesen ist.
Das purpurrote Tuch erhält dadurch eine weitere Bedeutung. Es ist nicht nur Zeichen der Schuld oder der Würde, sondern verweist auf das Opferblut Christi. Es symbolisiert die Autorisierung zur Verkündigung des Evangeliums, die Reinigung durch das Opfer Jesu und den neuen Bund. Indem Coulin dasselbe Tuch trägt, stellt er sich bewusst unter diese Gnade und versteht seine Verkündigung als Dienst im Auftrag Christi – in der Nachfolge des Petrus.
6. Verbindung zur Liturgie
Ein besonders bedeutendes Detail ist die Haltung der Frau. Sie kniet in einer Weise, die der Haltung der Gemeindeglieder beim Abendmahl um 1900 entspricht.
Diese Parallele verbindet das Bild unmittelbar mit der Liturgie des Altars. Die Frau wird damit zu einem Bild des Menschen, der vor Gott tritt, seine Schuld erkennt und Vergebung empfängt.
Das Altarbild wird dadurch zu einer visuellen Auslegung des Sakraments. Während die Gemeinde vor dem Altar kniet, wiederholt sich symbolisch die Szene des Evangeliums.
7. Licht und Farbe
Christus trägt ein weißes Gewand, das Reinheit und göttliche Wahrheit symbolisiert. Der untere Teil des Gewandes erscheint dunkler, wodurch die Figur stärker im Raum verankert wird.
Das purpurrote Tuch der Frau bildet den farblichen Mittelpunkt der Szene. Purpur kann sowohl Schuld als auch Würde und Erlösung symbolisieren.
Über den Figuren spiegeln sich Lichter eines Kirchenleuchters, die wie eine Glorie wirken und die sakrale Atmosphäre verstärken. Es sind zwölf Lichter sowie ein dreizehntes darüber, wodurch eine symbolische Verbindung zu Christus und den zwölf Aposteln nahegelegt werden kann.
8. Kulturhistorische Deutung
Das Bild entstand in einer Zeit, in der sich die gesellschaftliche Ordnung in den siebenbürgischen Dörfern verändert hatte. Die ehemaligen Leibeigenen waren nun freie Gemeindeglieder.
Auch wenn ein historisches „Erstschlafrecht“ nicht eindeutig belegt ist, konnten Erinnerungen an soziale Ungerechtigkeiten in der lokalen Überlieferung fortleben. In diesem Kontext könnte das Bild eine symbolische Botschaft enthalten.
Die Szene zeigt eine Frau, die öffentlich angeklagt wird, während der Mann im Hintergrund bleibt. Christus stellt jedoch die moralische Verantwortung aller in Frage. Dadurch wird das Gesetz nicht aufgehoben, aber neu interpretiert.
9. Schluss
Das Altarbild von Arthur Coulin in der Kirche von Kreisch ist ein außergewöhnliches Werk. Es verbindet biblische Erzählung, theologische Reflexion und lokale Geschichte.
Durch seine reduzierte Darstellung, die symbolische Komposition und die Einbindung des Betrachters wird die Szene zu einer Meditation über Schuld, Gesetz und Gnade.
Das Bild erinnert daran, dass die Botschaft des Evangeliums nicht nur eine Geschichte der Vergangenheit ist, sondern eine Herausforderung an jeden Menschen – auch an die Gemeinde, die vor diesem Altar kniet.
Am Ende der Erzählung spricht Christus zu der Frau: „Ich verurteile dich auch nicht; geh hin und sündige von nun an nicht mehr.“ (Joh. 8,11)
Diese Worte bilden den Schlüssel zum Verständnis des gesamten Altarbildes. Der Mensch vermag die Sünde nicht aus eigener Kraft zu überwinden. Ein neues Leben wird allein in der Kraft des Neuen Bundes möglich, der in der Taufe begründet und im Heiligen Abendmahl immer wieder erneuert und gestärkt wird.
Das Gesetz treibt zur Verurteilung und letztlich zur Handlung des Tötens. Das Evangelium hingegen eröffnet den Weg zum befreiten Leben aus der Vergebung Christi. In Christus stehen sich Gesetz und Evangelium nicht mehr unversöhnt gegenüber, sondern finden ihre Erfüllung in der Gnade Gottes, die den Sünder nicht verurteilt, sondern ihn zu einem neuen Leben beruft.
Von Pf.i.R. Martin Türk-König, Kockel Gebiet
"Der Text wurde unter Mithilfe von KI bei den Recherchen und bei der redaktionellen Bearbeitung verfasst"
Pf.i.R. Martin Türk-König