Mühlbach - Informationen

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Mühlbach in Siebenbürgen.

Dies und das, über Mühlbach und Umgebung: http://coolmann53.wordpress.com/

Zur Geschichte des Ortes

Ein Beitrag von Luigi Venturini


1000 Jahre Mühlbach - eine landschaftliche und geschichtliche Betrachtung.
Mühlbach (Sebes Alba, Szaszsebes) liegt im SW Siebenbürgens (Rumänien) in der Nähe der Mündung des Mühlbaches (Râul Sebesul) in den Marosch (Muresul). Die Stadt ist in eine Berglandschaft gebettet, die nur diesem Teil Siebenbürgens (Transsilvanien) typisch ist. Im N und NW erstreckt sich das Siebenbürgische Erzgebirge, die Westkarpaten. Im S erhebt sich das Mühlbacher Gebirge (Muntii Sebesului) mit seinem höchsten Gipfel, dem Surianul, 2061 m. Diese Berge setzen sich nach 0sten im Zibingebirge (Muntii Cibinului) fort, unter dessen höchstem Gipfel, dem Cindrelul 2245 m, auch der Mühlbach entspringt. In seinem oberen Lauf ist er ein reißender Gebirgsfluß, der früher als Transportweg für Holzstämme (Flößerei) benutzt wurde und ein malerisches Tal in einer idyllischen Landschaft benutzt (Valea Frumoasei). In unmittelbarer Nähe der Stadt, im NO, ist eine geologische Seltenheit zu sehen: der Rote Berg (Râpa Rosie). Es handelt sich um einen von Erosion geprägten Bergabschnitt, der aus eisenoxydhaltiger Tonerde besteht und nach jedem Regen seine Rotfärbung ändert.

Wie kam es zur Gründung dieser Stadt?
Um die Mitte des 10. Jahrhunderts herrschte in der westlichen Provinz des riesigen, gefürchteten Petschenegenreiches auf seiner "Weißen Burg" der Khan Gyula. Unter dem Einfluß Byzanz hatte er sich mit seiner Familie 948 taufen lassen und ließ sich auch dazu herab, seine Tochter Sarolta dem ungarischen Herzog Geza zur Frau zu geben. All diese Steppenvölker hatten die Gewohnheit, zur Sicherung ihrer Grenzen weite, menschenleere Zonen - Deserta - anzulegen. In dieser westlichen Grenzzone des Petschenegenreiches hatten sich im 10. Jahrhundert die Ungarn niedergelassen, von ihren Nachbarvölkern mehr geduldet als anerkannt und nur durch den Zufall politischer Umstände vor der Vernichtung bewahrt. Die Petschenegin Sarolta nimmt die Führung Ungarns in die Hand, ihr Gatte und ihr Sohn werden 973 Christen und das Land öffnet sich christlichen Glaubensboten. Diese kommen aus Byzanz, aber auch aus Rom und besonders vom Bistum Passau. Nach dem Tod der Sarolta wird der Einfluß Passaus stärker. Der Herzogsohn heiratet 995 die bayrische Herzogstochter Gisela und wird im Jahr 997 zum König gekrönt unter dem Namen Stefan I. Es werden wohl die ritterlichen Gefolgsleute und Ratgeber seiner Gattin Gisela gewesen sein, die Stefan zu einer äußerst gefährlichen Unternehmung veranlaßten: er überfiel die ,,Weiße Burg" und ließ deren rechtmäßigen Besitzer, seinen eigenen Vetter Gyula den Jüngeren mit dessen Familie gefangennehmen. Die grausame Austilgung aller Thronprätendenten, der Haß auf Fremde und Christen führt noch zu Stefans Zeiten zu Unruhen und läßt Ungarn in Krieg und Blutvergießen versinken. Unter Ladislaus wird die Macht des Königshauses wieder hergestellt und 1083 erfolgt die Heiligsprechung Stefans I. Die Petschenegen lassen sich den Verlust der Weißen Burg nicht gefallen. Nun wird von beiden Seiten das Desertum ausgebaut. Es hat aber eine Schwachstelle: die alten Verkehrswege über das Mühlbacher Gebirge, wo die Karpaten leicht zu überqueren sind. Diese Wege sollen Mühlbach auch in der Zeit der Türkenüberfälle zum Verhängnis werden. Um diesen Weg vor Eindringlingen abzuschirnen, werden die Grenzwächterkolonien der Szekler angelegt und auf einer größeren Flußinsel entsteht eine Siedlung, die nach dem Muster jener Steppenvölker, die noch keine steinerne Burgen bauen konnten, mit Erdwall, Wassergraben und Palisade befestigt war, und die ihren späteren Namen wahrscheinlich von einer szekler Stammesbezeichnung abzuleiten ist: der Ort Sabesus. Diese Art der Grenzsicherung reicht aber bald nicht mehr aus, denn die Petschenegen haben von Byzanz ihre Lehrmeister in Kriegs- und Waffentechnik erhalten. So entstehen an den strategisch wichtigen Ausgängen der Gebirgswege, die sieben Steinburgen von Orlat bis Schebeschel. Es gibt leider keine zeitgenössische Nachrichten, wie und durch wen diese Steinfestungen gebaut wurden. Bei ihren ersten urkundlichen Erwähnungen sind sie schon alt und zum Teil verfallen. Ausgrabungen haben ergeben, daß sich im Bereich der Jakobigasse, aber auch in dem der Petersdorfer Gasse alte deutsche Siedlungen befunden haben. Die Jakobskapelle neben der evangelischen Kirche steht auf dem Platz einer viel älteren Kapelle, die nicht wie sonst üblich in Ost-West-Richtung gebaut ist, sondern mit ihrer Achse zur Jakobigasse hin zeigt Sankt Jakobus ist bekanntlich der Schutzpatron deren, die eine Reise beendet oder vorhaben. Beim Bau der späteren Marien-Basilika wurden Gräber eines Friedhofs entdeckt, der sich weit westlich der Jakobuskapelle erstreckte und deren Bestattungsart den Steinplattengräbern des 11. Jahrhunderts ähnelt. In den Jahren 1960-1962 wurden gründliche Restaurierungsarbeiten an der evangelischen Kirche durchgeführt und im Unterbau des Eckturmes der Kirchenburg, der heutigen Küsterwohnung, fand man Spuren einer früheren Kapelle. Besteht eine Beziehung zu den Häusern in der Petersdorfer Gasse? Ist dies vielleicht einst die Sankt Petrus-KapeIle gewesen? Bestehen sogar Verbindungen zum Erbauer der Burg von Sascior die in alten Urkunden Castrum Petri (Petersburg) genannt wird? Lauter offene Fragen. Sicher ist aber, daß es vor Geisa II. schon Deutsche als Hospites gegeben hat. Die Petschenegen wurden durch ihre Kriege mit Byzanz, mit den Russen und den stammverwandten Kumanen so geschwächt, daß die ungarischen Könige einen weiteren Vorstoß wagen konnten: die Szekler Grenzwächter wurden bis an die Ostkarpaten verlegt und in das Desertum wurden deutsche Kolonisten geholt. In Mühlbach legen sie ihre ersten Siedlungen im Bereich der Rosengasse an. Dieser Name hatte, ebenso wie der Rosenanger in Kronstadt und Hermannstadt seine eigene Bedeutung: Gerichtsplatz, Richtstätte und Friedhof. In Mühlbach gab es auch einen Galgenberg hinter dem sich das Rosenfeld befand. Die Deutschen Siedler brachten ihr eigenes Recht mit und auch ihre eigenen Siedlungsformen: die dem rheinischen Raum entsprechenden langgestreckten Grundstückparzellen Sie bauten ihre eigenen Kirchen und umgaben ihre Siedlung mit einem kräftigen Schutzwall. In der Terra Syculorum Terrae Sebus wohnten immer noch die Szekler, auch nachdem die Jakobigasse in den Schutzwall der Neusiedlung einbezogen worden war und die Petrigasse angelegt wurde. Erst nach 1225 zogen sie ab und machten die Straße für die deutschen Siedler frei. Der Name der Platae Siculorum ist heute noch den Mühlbachern bekannt.
1241 (Schlacht von Wahlstatt/Liegnitz in Schlesien) treffen die Verheerungen des Mongolensturms auch einen großen Teil Europas. China, Mittelasien, Rußland und das Kalifat in Bagdad ist schon erobert und der Vorsturm geht über Ost-und Mitteleuropa weiter. Nachdem Hermannstadt vernichtet wurde, kommen die Heere des Hulagus und Buri und verwüsten auch Mühlbach. Die Stadt erholt sich wieder. Die ursprünglich zweitürmig geplante Basilika wird als einfache eintürmige beendet. Zwischen 1300 und 1320 entsteht das Dominikanerkloster. Die Anlage von zwei Wassermühlen macht den Ausbau des Mühlgrabens (Mühlenkanals) nötig. Mühlbach zählt zu dieser Zeit 2000 Einwohner, etwa ebensoviel wie Hermannstadt (Sibiu) und Broos (Orastie). KIausenburg (Kolozsvar, CIuj) und Kronstadt (Brasso, Brasov) haben aber 3000, Bistritz (Besztercze, Bistrita) über 1500, Schäßburg (Segesvar, Sighisoara) und Mediasch (Medgyes, Medias) etwa 1000. Kurz vorher hat der schwarze Tod - die Pest - ihre Opfer gefordert.
Im Süden wächst die Macht der Türken. 1341 wird Mühlbach zum ersten Mal als Civitas urkundlich bezeichnet. 1387 erhält die Stadt einige Privilegien, so daß am Bau der Stadtmauer und gleichzeitig an dem der Kirche fortgesetzt werden konnte. 1420 zerstören die Türken das Burzenland, Reps (Rupea), Broos, dann Kerz und 1438 stehen sie vor den Stadttoren von Mühlbach. Die Stadt kapituliert und viele Bürger werden in die Sklaverei geschickt oder getötet.
Von diesem Schlag hat sich die Stadt nie wieder erholt. Die Bevölkerungszahl ist weit unter 1000 herabgesunken. 1464 wird Mühlbach und die Nachbardörfer vom König Matthias dem Woiwoden Johann Pongrac verliehen.
1477 wird die Stadt von den Sieben Stühlen zurückerobert. In den nachfolgenden Jahren werden die Stadtmauern erhöht und mit weiteren Türmen verstärkt. Die Wassergräben um die Mauer werden angelegt. Zur schnellen Füllung der Wassergräben wurde auch ein Teich angelegt der heute noch vorhanden ist.
Nach der Schlacht von Mohatsch (Mohacs) 1526 gelingt es Johann Zapolya sich in Mühlbach für längere Zeit niederzulassen und diese Stadt als beliebte Residenz des Königs von Ungarn zu machen. Unter diesen besonderen Umständen entschließt sich Mühlbach als letzte der sächsischen Städte zur Reformation. Dies geschieht erst in den Jahren 1560-1561 nachdem Honterus seinen Schwiegersohn Jakob Mellembriger nach Mühlbach schickt. Die Wirren und wilden Jahre der Fürstenzeit, in denen die Sachsen schwer um ihre Rechte kämpfen und deren dunkelste Periode die Gewaltherrschaft von Gabriel Bathori ist, hinterlassen ihre Spuren.
Die siegreiche Schlacht von Zenta 1697 bringt die Befreiung vom türkischen Joch. Aber erst nach 1707 sorgt die eiserne Hand des kaiserlichen Befehlshabers, des Grafen Kornis, für vorübergehende Ruhe. Mühlbach entwickelt sich in den nächsten Jahren zu einer bedeutenden Handwerkerstadt. Die in Zünften zusammengeschlossenen Handwerker waren vorwiegend Kürschner, Schuhmacher, Küfer, Rad- und Wagenbauer, Metzger und Töpfer. Einen besonderen Rang nehmen auch die Seifenmacher (Seifenkocher) ein. Das Bäckerhandwerk, welches in der Schul- und Ratsbackstube betrieben wurde, überließ man den abgedienten Stadtreitern und den Frauen. Die Stadtverwaltung ist auch nicht untätig, sie ermöglicht es, daß schon im 16. Jahrhundert in Mühlbach Bücher gedruckt werden. Das dazu nötige Papier stammte aus der nahegelegenen Papiermühle in Langendorf (Lancram). Sogar die Goldwäscherei wird auf Anregung von Joseph Conrad, der Bruder des Königsrichters, der in der siebenbürgischen Bergwerkverwaltung eine Schlüsselposition hatte, intensiviert.
Es fällt auf, daß in den Urkunden die noch zur Verfügung stehen, nur selten Hinweise auf landwirtschaftliche Tätigkeiten zu finden sind. Dagegen tritt bei vielen Familien immer öfter die Bezeichnung vilicus auf, was soviel bedeutet wie Grundbesitzer. Wie auch in andern Städten beobachtet werden konnte, konzentriert sich der Bodenbesitz immer stärker in der Hand weniger Familien.
1740 sind die ersten Einwanderer aus dem Markgräflerland zu verzeichnen. Die Durlacher und Hanauer beginnen ihre Häuser in der Quer- und Altgasse zu bauen, sie erhalten einen eigenen Vogt, einen eigenen Richter und eine eigene Schule mit Schulmeister. Durch die Ansiedlung der Durlacher beginnt das Gewerbe der Weber und Tuchmacher sich zu verbreiten. Ab dem Jahr 1796 dürfen in den Gruften der evangelischen Kirche keine Beisetzungen mehr stattfinden. Die vielen alten Grabsteine werden als Deckplatten der Chorskulpturen verwendet oder einfach zerschlagen. Das Aufbewahren des Speckes im Kirchturm wurde auch untersagt mit der Begründung, der Duft des Speckes würde bei den andächtigen Gläubigen weltliche Gelüste erwecken. 1778 wird die rumänisch-orthodoxe Kirche gebaut. 1834 wird die Baumwoll-und Leinenweberei Baumann gegründet und 1843 die Lederfabrik Dahinten. 1840 entsteht in Reußmarkt (Miercurea Sibiului) der Feldbauern-Untertützungsverein, der Vorgänger des 1843-45 entstandenen Landwirtschaftsvereins. Dieser erhält bei der 1846 in Mühlbach abgehaltenen Tagung auch seine endgültige Form. Gleichzeitig trifft sich auch der 1840 gegründete Landeskundeverein und bei dieser Tagung hält St. Ludwig Roth seinen berühmten Trinkspruch, dessen Widerhall bis an den Kaiserhof in Wien dringt und ihm die unversöhnliche Feindschaft der Ungarn einträgt.
Es folgen unruhige Jahre die ihren Höhepunkt 1848 finden. Der Königsrichter von Mühlbach wird von den Insurgenten gehängt, die Bewohner der Durlacher Vorstadt flüchten in die Schluchten des Roten Berges und nach Daia. Der Pfarrer Michael Wellmann verhindert eine Beschießung und Plünderung der Stadt, die darauf von den Truppen General Bems besetzt wird. 1864 beginnt der Bau der neuen Schule, deren Wahlspruch Bildung ist Freiheit lautete. Auf Initiative der Sektion Mühlbach des Karpatenvereins wird die erste Schutzhütte am Surian im Mühlbacher Gebirge errichtet.
Ab dem Jahr 1891 ist für die Mühlbacher das etwa 50 km entfernte Hermannstadt durch die Fertigstellung der Eisenbahnlinie nähergekommen. Nach dem Bau des Elektrizitätswerkes (1905-1906) welches mit Wasser aus dem Mühlbach betrieben wird, beginnen in den Wohnungen Glühbirnen zu leuchten. 1909 bekommt Mühlbach auch ein neues Rathaus. Dann kommt der Krieg (1914-1918) mit all seinen Folgen. Die Kirchenglocken werden eingeschmolzen. Erst 1925 werden die neuen Glocken eingeweiht. Dann kommt der Zweite Weltkrieg und das Schicksalsjahr 1944. Für die Jahre von 1945 bis in die Gegenwart wird sich mit Sicherheit jemand finden, der diese Chronik zu Ende schreibt.


ein gebürtiger Mühlbacher


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