23. Dezember 2002

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Geschichten rund um den Handball in Siebenbürgen (XIX)

Durch Zufall den Weg ins Handballtor gefunden / Michael Redl ist mit zwei WM-Titeln, einer Silber- und einer Bronzemedaille erfolgreichster Torhüter Rumäniens / Sohn Michael tritt in Papas Spuren und beendet seine Karriere in der Bundesliga.
Das macht ihm so rasch keiner nach. Michael Redl nimmt in seiner Laufbahn an vier Handball-Weltmeisterschaften teil, wird zweimal Weltmeister und einmal Vizeweltmeister. Dazu kommt eine WM-Bronzemedaille. Dass er all das erreicht hat, verdankt er einem Zufall. 1950 beginnt er Fußball zu spielen. Zuerst als Feldspieler, dann als Torwart beim Arbeitersportklub CSM Lugosch. 1953 spricht ihn jemand aus der Handballmannschaft von Constructorul an, der Torwart sei erkrankt. Mischi, wie ihn alle nennen, springt ein und macht ein hervorragendes Spiel. Und dieses Spiel soll ihn zum Handballer machen, zu einem der besten in Rumänien. Mischi ist nicht nur der beste Handballer, den Lugosch hervorgebracht hat, sondern auch der Erfolgreichste Rumäniens überhaupt und wahrscheinlich der Weltbeste.

Mannschaftsfoto des frisch gebackenen Landesmeisters auf dem Großfeld, Dinamo Bukarest, am 5. Juli 1959, von links: Trainer Oprea Vlase, Kapitän Petre Ivanescu, Michael Redl, Ilie Alexandru, Gheorghe Badulescu, Lucian Popescu, Horst Niemesch, Ion Ionescu, Helmut Zikeli, Kurt Kamilli, Gheorghe Covaci, Tudor Ristoiu, Constantin Tanasescu und Gheorghe Iliescu.
Mannschaftsfoto des frisch gebackenen Landesmeisters auf dem Großfeld, Dinamo Bukarest, am 5. Juli 1959, von links: Trainer Oprea Vlase, Kapitän Petre Ivanescu, Michael Redl, Ilie Alexandru, Gheorghe Badulescu, Lucian Popescu, Horst Niemesch, Ion Ionescu, Helmut Zikeli, Kurt Kamilli, Gheorghe Covaci, Tudor Ristoiu, Constantin Tanasescu und Gheorghe Iliescu.

Der am 23. April 1936 in Lugosch geborene Michael erlernt zuerst den Beruf eines Elektrikers, um 1956 in die Offiziersschule einzutreten und 1958 das Offizierspatent zu erhalten. Das Abitur wird er 1964 in Bukarest ablegen. Doch Lugosch kann ihn nicht mehr lange halten: 1956 spielt er bereits in Bukarest bei Dinamo. Dort nimmt eine sagenhafte Karriere ihren Anfang: Er wird zweimal den Landeswettbewerb (Vorläufer der Meisterschaft) auf dem Kleinfeld gewinnen. Ferner wird er neunmal Landesmeister auf dem Kleinfeld. Dem steht ein einziger Landesmeistertitel auf dem Großfeld gegenüber.

Der Wechsel zu Dinamo ist zudem das Sprungbrett in die Handball-Nationalmannschaft. 1959 nimmt der 1,86 Meter große Mischi mit der rumänischen Mannschaft an der Großfeld-Handball-Weltmeisterschaft in Österreich teil und wird Vizeweltmeister. Das Spiel geht, wie Handball-Verbands-Präsident Johnny Kunst später einmal sagen wird, nur deshalb verloren, weil eine Reihe von deutschen Spielern, wie Dieter Jochmann, Rudi Jost oder Walter Lingner nicht mitfahren dürfen. Doch die große Zeit des Michael Redl sollte noch kommen. 1961 wird er in Dortmund mit der rumänischen Mannschaft Weltmeister, im Finale gegen die Tschechoslowakei ist Mischi ihr Kapitän. Zusammen mit der rumänischen Mannschaft verteidigt Mischi, der bei den WM-Turnieren in Österreich und in Deutschland zum weltbesten Torhüter gekürt wird, erfolgreich den Weltmeistertitel 1964 in der Tschechoslowakei. Ein Jahr darauf gewinnt er mit Dinamo den Europapokal der Landesmeister in Paris. 1967 ist Mischi bei der vierten Weltmeisterschaft dabei und gewinnt in Schweden Bronze.

Mischi wird 129 Mal in die rumänische Nationalmannschaft berufen. In der Landesmeisterschaft wird er 440 Spiele absolvieren: 154 auf dem Großfeld und 286 auf dem Kleinfeld. Insgesamt wird er elf Jahre lang für Rumänien auflaufen. Die Erfolge mit dem Klub und der Nationalmannschaft bringen dem Ausnahmehandballer eine Reihe von Auszeichnungen und Orden ein. 1970, nach Beendigung der aktiven Laufbahn, wird Mischi Trainer bei Dinamo. Acht Jahre lang wird er die Jugend des Polizeiklubs betreuen, um dann drei Jahre lang als Assistent von Cheftrainer Oprea Vlase bei Dinamo zu arbeiten. Seine Militärkarriere beendet Mischi im Rang eines Oberstleutnants.

1982 kehrt sein Sohn Michael von einer Reise aus Deutschland nicht heim. Für Mischi und seine Frau beginnt ein langer Kampf um den Pass. 1987 bekommen sie die Genehmigung auszureisen. Mischi lässt sich in München nieder, wo er in einem Mercedes-Zentrum Arbeit findet und bis zur Rente 1996 tätig ist. Nach der Ankunft in Deutschland wird Mischi Trainer bei Schwabing in München, wo sein Sohn das Tor hütet. Doch nach einem Jahr ist alles vorbei, denn die Mannschaft hat keinen Geldgeber mehr, die Spieler zerstreuen sich in alle Winde.

Michael junior tritt früh in die Fußstapfen des Vaters. Als 13-Jähriger steht er bereits bei den Dinamo-Junioren im Tor. Nach dem Abitur wechselt er vom Bukarester Klub zu Uni Galatz, weil er an der dortigen Universität studiert. Zwei Jahre lang spielt der am 12. Dezember 1957 in Lugosch geborene Michael für Uni. 1980 ist er wieder bei Dinamo in Bukarest, spielt in der ersten Liga und wird einige Male in die Nationalmannschaft berufen. In der rumänischen Junioren- und Jugend-Auswahl bringt er es auf 140 Einsätze. Im Dezember 1982 setzt sich Michael nach einem EC-Spiel im holländischen Arnheim von Dinamo Bukarest ab und kommt nach Deutschland. Er geht nach München, wo er Verwandte hat.

Bereits im Januar 1983 steht er in den Reihen des MTSV Schwabing. Für den Münchener Klub spielt er fünf Jahre lang. 1988 wechselt der 1,85 Meter große Athlet zu Niederwürzbach ins Saarland. Mit dem Zweitligisten steigt Michael auf. Nach dem Ausflug ins Saarland kehrt er im nächsten Jahr nach München zurück und verpflichtet sich beim TV Milbertshofen. Ein Jahr lang wird er bei dem Klub als Springer fungieren. Er hilft in der Drittliga- und in der Erstligamannschaft des Vereins aus, wenn Not am Mann ist. 1991 hört Michael auf.

Heute ist er selbstständiger Kaufmann in Burgen, etwa 100 Kilometer südlich von München. Er betreibt ein Lebensmittelgeschäft. Mit dem Handball hat er heute nichts mehr zu tun. Er hält sich fit durch Waldläufe. Michael Redl junior hat drei Kinder, zwei Mädchen (13 und 11 Jahre alt) und einen fünfjährigen Jungen. Ob der Junior in Opas und Papas Fußstapfen treten wird, könne heute freilich noch nicht gesagt werden, meint Vater Michael.

Johann Steiner


(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 15 vom 30. September 2002, Seite 16)

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