29. Februar 2004

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Ottmar Strasser (1905-2004) - ein begnadeter Schauspieler

Selten ein Jahrhundert, welches das Lachen so nötig hatte wie das Vergangene! Wenig Landstriche, die des Lachens so bedurften wie Siebenbürgen und das Banat! Lachen gegen den Gang der Geschichte, Lachen gegen Not und Mangel, Lachen, gegen den eigenen Untergang! Lachen als Trost, als Trotz, als Hoffnung! Lachen über versteckte Zusammenhänge, die kein Außenstehender verstanden hätte. Lachen über Anmaßung und Gigantomanie und manchmal sogar über sich selbst! Ein Allheilmittel in schwerer Zeit.
Ottmar Strasser, der am 22. Januar im Alter von 98 Jahren in Dornstadt von dieser Welt gegangen ist, war ein Meister des Lachens. Geboren wurde er am 15. November 1905 in der Banater Kleinstadt Weißkirchen (heute: Bela Crkva). Es war mir vergönnt, viele Jahrzehnte lang dieses Leben zu begleiten. Zunächst als Zuschauer bei den Aufführungen des Deutschen Landestheaters in Hermannstadt. Strasser war bei dessen Gründung 1933 mit dabei. Er war ein intriganter „Schreiber Licht“ in Lessings Zerbrochenem Krug, ein bezaubernder „singender, verliebter Jüngling“ in der Operette Das Mädel aus dem Kokeltal von Richard Oschanitzky, mit dem er 50 Aufführungen quer durch Deutschland zu jubelndem Erfolg verhalf, und dann als unvergesslicher „Eugen Klapproth“ in Pension Schöller, der Schauspieler, der kein „L“ aussprechen kann. Jahrzehnte später traf ich immer wieder Zuschauer, die sich an diese herrliche Darstellung erinnerten.

Ein begnadeter Schauspieler: Ottmar Strasser.
Ein begnadeter Schauspieler: Ottmar Strasser.

Es waren nicht immer die „großen“, „wichtigen“ Stücke, in denen er sein ungezügeltes Talent verströmen konnte, aber es waren die unvergesslichen!

Der Krieg brachte seinem Schaffen ein jähes Ende. Zwangsarbeit in Russland und nachher ein quälendes Buchhalterdasein in Hunedoara vergeudeten seine Fähigkeiten in einer Zeit, die seine „Aufforderung zum Lachen“ so sehr gebraucht hätte! Dann, 1953, bei der Gründung des Temeswarer Theaters, war er in erster Reihe dabei. Und nun folgte Stück auf Stück. Vom „Hofmarschall Kalb“ in Schillers Kabale und Liebe zu Molieres Meisterwerk Der Geizige, von dem finsteren Großbauern in Hans Kehrers Versunkene Äcker zu der Travestie-Rolle der Madame Chirita, das ich mit ihm in der Titelrolle inszenieren durfte, reihte sich Erfolg an Erfolg.

In den Banater Dörfern, aber auch in Siebenbürgen, wenn das Theater auf Tournee kam, hieß es: „Der Strasser spielt. Da gehen wir hin!“ Und dann kam sein Meisterstück: der „Schneider Zwirn“ in Nestroys Lumpazivagabundus, eine Rolle, mit deren Gestaltung er auch auf den größten Bühnen Deutschlands Furore gemacht hätte. Leider waren die Zeiten so, dass daran nicht gedacht werden konnte. Der Raum, den die Regierenden ihm zudachten, wurde ihm zu eng. Über siebzigjährig wagte er den Sprung über die Mauer, die damals quer durch Europa ging.

In Deutschland spielte er am Schlosstheater Massbach. Später, als seine Söhne nachgekommen waren, gründete er die Ost-Bühne (Ottmar-Strasser-Bühne), mit der er Gastspiele in zahlreichen Ortschaften gab, wo seine – inzwischen ausgewanderten – Zuschauer jetzt lebten. Doch er, der Künstler, kam mit der Kulturbürokratie der neuen Heimat nicht zurecht. Es wurde still um den alten Mann, der nun an seinen Erinnerungen arbeitete, die er leider nicht vollenden konnte.

Schiller schrieb: „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze!“ Ottmar Strasser war einer, den die, die ihn kannten, nicht so schnell vergessen werden. Ein Ehrenplatz in der Geschichte des deutschen Theaters in Rumänien ist ihm gewiss.

Hanns Schuschnig

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