28. Januar 2005

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Lebhafte Debatte über Deportation auch nach 60 Jahren

Die Ulmer Bürgermeisterin Sabine Mayer-Dölle zeigte sich am Freitagabend des 14. Januar 2005 völlig überrascht angesichts der rund 300 Gäste, die zur Podiumsdiskussion gekommen waren und in den Gewölberäumen im Erdgeschoss des Donauschwäbischen Zentralmuseums (DZM) kaum Platz fanden. Die vorherrschende drangvolle Enge hatte derartige Ausmaße, dass weit angereiste achtzig- bis neunzigjährige Zeitzeugen auf Treppenstufen kauerten, der Sicht- und Hörkontakt zum Podium zumindest stark eingeschränkt war. Die Verantwortlichen des DZM hätten rückblickend besser der landsmannschaftlichen Empfehlung Folge geleistet, die Podiumsdiskussion in der viel geeigneteren Donauhalle zu veranstalten.
Unter den Ehrengästen begrüßte Mayer-Dölle neben Weihbischof Gerhard Pieschl u.a. auch die Bundesvorsitzenden der Landsmannschaften der Siebenbürger Sachsen, Dip.-Ing. Arch. Volker Dürr, der Banater Schwaben, Bernhard Krastl, der Deutschen aus Ungarn, Dr. Friedrich Zimmermann, der Donauschwaben, Hans Supritz, und der Sathmarer Schwaben, Helmut Berner.

Diskussionsleiterin Anita Schlesak (Hörfunkjournalistin beim Südwestrundfunk, Studio Ulm) erläuterte kurz den geplanten Verlauf der Abendveranstaltung, ehe sie Dr. Renate Weber (Münster) als Mitarbeiterin des Projektes „Die Deportation von Siebenbürger Sachsen in die Sowjetunion 1945-1949“ vorstellte und diese um einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Deportation der Deutschen aus Südosteuropa in die Sowjetunion bat. Weber ging in ihrem Kurzreferat ein auf den zeitgeschichtlichen Rahmen, beginnend mit dem von General Winogradow dem rumänischen Ministerpräsidenten Radescu überreichten Deportationsbefehl vom 6. Januar 1945 für alle arbeitsfähigen deutschen Einwohner (Männer im Alter von 17 bis 45, Frauen im Alter von 18 bis 30 Jahren) auf der Basis eines von Stalin unterzeichneten Beschlusses vom 16.12.1944 zur Mobilisierung Deutscher aus Rumänien, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien und der Tschechoslowakei für die Arbeit in der Sowjetunion. Die Referentin äußerte sich zur Reaktion der Rumänischen Regierung. Diese habe zunächst unter Anführung juristischer, ökonomischer und humanitärer Argumente protestiert, dann aber doch mit den Sowjets kooperiert. Da die Forscher bislang keine Einsicht in die Protokolle der einschlägigen Ministerratssitzungen erhielten, fragte Weber: „Hat Rumänien etwa doch etwas zu verbergen?“ - Die Wissenschaftlerin führte einige statistische Daten aus der empirischen Forschung an - so u.a. dass 30 336 Siebenbürger Sachsen im Januar 1945 ausgehoben worden seien, wovon 3 076 Personen gestorben seien (18 Prozent der Männer gegenüber 7 Prozent Frauen) - und ging ein auf die Auswertung von Zeitzeugendokumenten (Briefe, Tagebücher etc.). Allen Schilderungen gemein sei, dass eine Odyssee in überfüllten Güterwaggons im eisigen Januar durch ein vom Krieg zerstörtes Land geführt habe, dass die hygienischen Verhältnisse in den 85 Lagern erbärmlich, die Arbeit bei extremer Witterung, ob im Bergbau, im Hoch- und Tiefbau, in der Industrie oder Landwirtschaft schwer gewesen sei. Berichtet werde ferner von der katastrophalen eintönigen Ernährung, vielen Arbeitsunfällen und von der Willkür von Lagerkommandanten.

Diskussionsleiterin Anita Schlesak im Gespräch mit den Zeitzeugen Kornel Kwieczinsky (Mitte) und Johann Stein. Foto: Christian Schoger
Diskussionsleiterin Anita Schlesak im Gespräch mit den Zeitzeugen Kornel Kwieczinsky (Mitte) und Johann Stein. Foto: Christian Schoger

Auf dieser Informationsgrundlage lud Schlesak zwei Zeitzeugen ein, ihre persönlichen Erinnerungen aus jener Zeit zu schildern. Johann Stein, aus Ulmbach (Banat) deportiert, sowie der Schäßburger Kornel Kwieczinsky, im Alter von 17 Jahren zur Zwangsarbeit im Donez-Becken deportiert, beschrieben ihren Lageralltag. Stein erklärte sein Überleben damit, einen gesunden Körper als auch Glück bei der Arbeitseinteilung gehabt zu haben, Kwieczinsky führte dies vornehmlich auf seine Jugend und (spärliche) Momente der Freude (Post aus der Heimat) zurück.

Im weiteren Verlauf der Podiumsdiskussion kamen die in der Runde vertretenen internationalen Wissenschaftler, eine Journalistin sowie ein Verbandspolitiker aus Rumänien zu Wort. Ignaz Bernhard Fischer, Vorsitzender des „Vereins der ehemaligen Russlanddeportierten“ in Rumänien und selbst fünf Jahre in der Deportation, machte rückblickend „die hohen Politiker“ verantwortlich, während der kleine Mann „als Kanonenfutter und Wiederaufbauer“ die Zeche zu zahlen gehabt hätte, ohne persönliche Schuld („Wenn es wahr ist, dass nur die Kapitalisten Blutsauger sind, dann waren die Wanzen in der Sowjetunion die größten Kapitalisten der Welt.“).

Hannelore Baier, Redakteurin der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien und Herausgeberin eines Buches über die Deportation, äußerte sich zur Rolle Rumäniens bei der Aushebung. So seien die Transporte zweifellos mit der Unterstützung rumänischer Beamter zusammengestellt worden. Es fänden sich freilich keine Belege dafür, dass die rumänische Bevölkerung diesen Maßnahmen wohlwollend gegenüber gestanden hätte.

Dr. Zoran Janjetović, Historiker am Institut für Zeitgeschichte in Belgrad, der die Geschichte der Deutschen in der Vojvodina erforscht, konstatierte, dass die Gräuel im damaligen Jugoslawien schlimmer gewesen seien als die Deportation in die Sowjetunion. Die jugoslawischen Behörden hätten die Deportation „nur als Zusatzmaßnahme“ betrachtet. Es habe bereits Monate zuvor Massenerschießungen und Massenentrechtungen gegeben. Janjetović, der anhand von Erlebnisberichten die Situation in Russland und Jugoslawien zu vergleichen versucht - die Archive in Belgrad seien, so der Historiker, von den relevantesten Dokumenten „gesäubert“ worden - , führte aus, dass es in russischen Lagern weniger Willkür, Folterungen und Misshandlungen gegeben habe, da das Interesse an der Arbeitsleistung der Deportierten in der Sowjetunion vorrangig gewesen sei.

Dr. Pavel Polian, Zeithistoriker an der Universität Freiburg (u.a. Autor des Buches „Die Geographie und Geschichte der Zwangsmigration in der UdSSR“), hat sowohl die Zwangsmigration nach Osten wie die nach Westen erforscht. Polian zog den ihm von Anita Schlesak aufgegebenen Vergleich als wenig statthaft in Zweifel, nämlich zwischen der Deportation der Zivilisten für die Rüstungsindustrie nach Hitlerdeutschland mit der Deportation der Deutschen aus Südosteuropa nach Russland. Schon allein angesichts der unterschiedlichen Dimensionen: Rund 4,5 Millionen „Ostarbeitern“ ständen etwa 112 000 deportierte Deutsche („Internierte Mobilisierte“) gegenüber. Der Zeithistoriker berief sich auf sowjetische Angaben aus dem russischen Militärarchiv, die er als relativ zuverlässig bezeichnete. Polian kritisierte andernorts publizierte, abweichende Zahlen als viel zu hoch gegriffen (z.B.: Rotes Kreuz, München: 400 000). Außerdem empfahl der Historiker den ehemaligen Russlanddeportierten, in Russland materielle Entschädigung einzuklagen.

Das Publikum brachte sich engagiert in die Diskussion ein. Foto: Hans-Werner Schuster
Das Publikum brachte sich engagiert in die Diskussion ein. Foto: Hans-Werner Schuster

Prof. em. Dr. Dr. Georg Weber, Professor am Institut für Soziologie in Münster und Herausgeber der mehrbändigen Publikation „Die Deportation von Siebenbürger Sachsen in die Sowjetunion 1945-1949“, hat im Archiv in Gundelsheim ca. 700 Zeitzeugendokumente gesammelt, gelesen und ausgewertet. Er appellierte an die anwesenden ehemaligen Deportierten, sie sollten ihre persönlichen Erfahrungen nicht absolut setzen, und sich darin hineinzudenken und -fühlen versuchen, was andere erlebt haben, auch wenn es sich nicht mit den eigenen Erfahrungen decke: „Es war so, aber auch anders.“ Weber, der sich gegen unzulässige Verallgemeinerungen gegen „die“ Rumänen, Russen oder Deutschen aussprach, lehnte kategorisch jede Aufrechnung ab. So verweigerte sich der Soziologe Schlesaks Frage, ob die Deportation ein Racheakt der Rumänen oder Russen gewesen sei. Renate Weber konstatierte in diesem Zusammenhang: „Die historische Redlichkeit gebietet es zu sagen: Der Deportation der Deutschen in die Sowjetunion ging die Verschleppung von rund 6 Millionen Zwangsarbeitern, zivilen Arbeitskräften ins nationalsozialistische Deutschland voraus.“

Indes hatte sich die Podiumsdiskussion längst dem Publikum geöffnet, das sich lebhaft beteiligte. Die zahlreichen Wortmeldungen von Zeitzeugen wie von Angehörigen der Kinder- bzw. Enkelgeneration konnten an diesem Abend allenfalls andiskutiert werden. U. a. wurden seitens der Bundesrepublik, Staat und Gesellschaft, Zeichen der Solidarität mit den ehemaligen deutschen Zwangsarbeitern und ihrem Schicksal gefordert. „Welches Signal geht von dieser Veranstaltung aus in diesem Gedenkjahr?“ fragte Weihbischof Pieschl, und beklagte das Fehlen einer Resolution. Nicht nur die Regierung, auch die eigenen Landsleute müssten dieses Thema verstärkt zur Kenntnis nehmen. Trotz vieler weiterer Wortmeldungen musste die Diskussionsleiterin Anita Schlesak die (bereits überzogene) Veranstaltung endlich schließen. Dessen ungeachtet gingen die Debatten und Gespräche weiter an diesem Abend, an dem noch die Ausstellungseröffnung „Bilder aus dem GULag“ im Foyer des Donauschwäbischen Zentralmuseums (siehe Bericht in der Siebenbürgischen Zeitung Online) anstand.

Christian Schoger

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 2 vom 31. Januar 2005, Seite 1, 4)

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