18. Oktober 2001

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Geschichten rund um den Handball in Siebenbürgen (I)

Kein Spiel hat Rumänien solche Erfolge beschert wie der Handball. Der Aufstieg des rumänischen Handballs ist eng verbunden mit den Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben. Die Rumäniendeutschen sind die Wegbereiter des Siegeszuges, den der Handball in dem südosteuropäischen Land erfahren hat. Sie führten die Handballregeln ein und verbreiteten sie, sie machten das Spiel in den Landstrichen, in denen sie zu Hause sind, zum Massensport. In einer Reihe von mehreren Artikeln geht die „Siebenbürgische Zeitung“ auf die Geschichte und Geschichten rund um den Handball in Siebenbürgen und dem Banat ein.
Der in Siebenbürger und Banater Städten und Dörfern eingeleitete Siegeszug des rumänischen Handballs gipfelte in dem Gewinn von vier Weltmeistertiteln bei den Männern - das ist Weltrekord - und drei WM-Siegen bei den Frauen: sieben Weltmeistertitel in 18 Jahren, von 1956 bis 1974 errungen! Der Triumphzug des rumänischen Männer-Handballs vom Nobody zum Rekord-Weltmeister dauerte gar nur 13 Jahre: von 1961 bis 1974.
Der rumänische Handball ist in diesem Sommer 80 Jahre alt geworden. Doch die Erfolge und Medaillen des Rumänischen Handball-Verbandes drohen zu verblassen. Der Abschwung hat längst eingesetzt. Ruhm ist vergänglich.
Das Handballspiel war kaum in Deutschland erfunden, und schon trugen Siebenbürger Sachsen das erste Spiel aus. Der Handball in Siebenbürgen und im Banat entwickelte sich fast im Gleichschritt mit jenem im Mutterland.
Das erste Handballspiel zwischen zwei Männermannschaften findet am 1. Februar 1920 in Berlin statt. Zwei Teams des Berliner Sportvereins Guts Muths stehen sich gegenüber und spielen nach den Regeln, die der Sportlehrer Karl Schelenz und sein Kollege Erich König erfunden haben. Schelenz, der Vater des Handballspiels, setzt durch, dass die neue Sportart obligatorisches Lehrfach an der Berliner Sporthochschule wird. Noch 1920 wird das Regelwerk veröffentlicht. Auf der Suche nach einer geeigneten Mannschaftssportart für Frauen hatte der Oberturnrat Max Heiser bereits 1917 ein erstes Handball-Regelwerk ausgearbeitet.
Mitglieder des Hermannstädter Turnvereins im Jahre 1932.
Mitglieder des Hermannstädter Turnvereins im Jahre 1932.


Der 1886 geborene Wilhelm Binder, der von 1910 bis 1948 an Schulen in Hermannstadt lehrt und in einer Reihe von Vereinen tätig ist, sitzt an jenem denkwürdigen 1. Februar 1920 in Berlin als „Spion“ auf der Tribüne und bringt das Schelenz-Regelwerk von der Studienreise aus Deutschland mit. Über das wohl erste Handballspiel in Rumänien berichtet das Hermannstädter Tageblatt im Frühsommer 1921. In dem Bericht vom traditionellen Schauturnen an der Brukenthalschule heißt es: „...das Korbballspiel konnte das Gymnasium 2:1 für sich entscheiden, während im Handballspiel die Realschule 1:0 die Oberhand behielt“. 1912 war Binder in Leipzig gewesen und dort mit dem Raffballspiel vertraut geworden, in dem zwei Mannschaften um den Ball kämpfen. 1913 lanciert er dieses Spiel in Hermannstadt. Die Schülermannschaften, die er antreten lässt, treten, stoßen und werfen den Ball. Spieler krachen gegeneinander, die geschickten und starken kommen mit heiler Haut davon. Es ist ein Spiel, in dem zugleich Fußball, Handball, Rugby und amerikanischer Fußball zusammengewürfelt sind.
Der Vater des Handballspiel, Karl Schelenz, ist nach den Olympischen Spielen, im Frühjahr 1937, zu Gast in Siebenbürgen, erinnert sich Wilhelm Heidel, der zur rumänischen Olympiamannschaft gehört hat. Binder kennt den Berliner Turnlehrer seit 1912 und kann ihn zu diesem Siebenbürgen-Aufenthalt bewegen. Schelenz ist Gast des Hermannstädter Turnvereins (HTV). Nach Angaben des Nationaltorwarts Ernst Wolf führt Schelenz die „schöne und moderne Spielweise“ in Siebenbürgen ein.
In Deutschland kommt es erst 1931 zu einer echten nationalen Meisterschaft, vorher finden drei Meisterschaften parallel statt, ohne dass ein deutscher Meister ermittelt wird. Die drei Meisterschaften werden ausgetragen unter der Regie der Deutschen Turnerschaft, der Deutschen Sportbehörde für Leichtathletik und des Arbeiter-Turn- und Sportbundes Deutschlands. Ein Jahr später wird auch die rumänische Landesmeisterschaft aus der Taufe gehoben.
Kurz nach Veröffentlichung der Handballregeln wird das neue Spiel auch in Österreich eingeführt. Auch Ungarn, die Tschechoslowakei, die Schweiz, Polen, Belgien und Holland interessieren sich für den Sport, bauen Mannschaften auf und streben erste internationale Kontakte an. Am 13. September 1925 ist in Halle an der Saale eine Weltpremiere angesagt: Deutschland und Österreich stehen sich im ersten Handball-Länderspiel gegenüber, das die Gäste 6:3 gewinnen. Das erste Hallenhandball-Länderspiel werden zehn Jahre später - am 8. März 1935 - in Kopenhagen Dänemark und Schweden bestreiten. Auch diesmal siegen die Gäste, und zwar 18:12.
Mit diesen Angaben wollen wir eine Serie einläuten unter dem Titel „Geschichte und Geschichten um den Handball in Siebenbürgen und dem Banat“, in der Daten und Fakten vor dem Vergessen gerettet werden sollen. Handballtrainer und Handballer kommen zu Wort, die etwas geleistet oder es zu etwas gebracht haben. Es wird eine Serie sein, die nicht den Anspruch erheben will und kann, vollständig oder perfekt zu sein. Sie hätte viel früher gestartet werden sollen. Denn inzwischen sind Personen gestorben, die einen Platz darin verdient hätten, die etwas zu erzählen gehabt hätten: Georg Gunesch oder Hans Schuschnig beispielsweise. Ein weiterer Mann, der auch an der Basis gearbeitet hat, „durch dessen Hände“ auch ein Hans-Günther Schmidt „gegangen ist“, ist nicht mehr zu sprechen: Sportlehrer Adam Fischer aus Triebswetter.
Weil die Serie fortgesetzt wird, nimmt der Autor gerne weitere Anregungen entgegen. Wer meint, zusätzliche Informationen liefern zu können, sollte sich bei ihm über die Rufnummer (0 22 46) 21 66 melden.

Johann Steiner


(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 15 vom 30. September 2001, Seite 8)

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