30. September 2026

Ein Leben im Dienste der Musik: Nachruf auf den Musikpädagogen, Musikwissenschaftler und Dirigenten Wilhelm Stirner

Als der Verfasser dieser Zeilen im Herbst 1984 seinen Dienst im Pädagogischen Lyzeum in Hermannstadt antrat, fand er in Wilhelm Stirner, dem Musiklehrer, einen vorbildlichen Kollegen, der sich in Hermannstadt nicht nur als Musikpädagoge einen Namen gemacht hatte, sondern auch als umtriebiger Gestalter der Musikszene. Beeindruckend waren seine Arbeitskraft, sein Engagement in viele Bereichen des Musiklebens und sein Durchhaltevermögen. Als Lehrer hatte er ein vollständiges Deputat inne, dazu unterrichtete er alle Schülerinnen und Schüler im Akkordeonspiel, leitete die Blaskapelle der Schule, übte mit dem gemischten Chor des 7. November-Klubs und dirigierte über mehrere Jahre den „Hermannstädter deutschen Männerchor“ des Kulturhauses der Gewerkschaften. Wilhelm Stirner ist im Alter von 84 Jahren am 9. September 2026 in Peißenberg (südlich von München) gestorben. Die Trauerfeier findet am 2. Oktober um 11.00 Uhr in der Sankt Johann Baptist-Kirche, Hauptstraße 5, in Peißenberg statt.
Wilhelm Stirner Mitte der siebziger Jahre. ...
Wilhelm Stirner Mitte der siebziger Jahre. Fotoarchiv Alfred Mrass
Am wichtigsten war ihm aber die musikalische Ausbildung seiner Schüler. Als zukünftige Grundschullehrer und Erzieher fiel diesen die Gestaltung der Kulturarbeit auf den Dörfern, wo sie nach Abschluss der Schule später arbeiten würden, zu. Neben Musikvermittlung war dem Pädagogen dementsprechend auch die Einstimmung der jungen Leute auf die sie in den sächsischen und banatschwäbischen Gemeinden zu erwartenden gesellschaftlichen Aufgaben in einem offiziell-kommunistischen Umfeld.

Wilhelm Stirner kannte die akute Bedeutung dieser kulturellen Tätigkeiten für die deutschen Minderheiten im Lande, die Wichtigkeit und Tradition eines Gemeindechores, der örtlichen Tanzgruppe und der Laienschauspieler bereits aus seinem Heimatdorf Mergeln, wo er am 4. Juni 1942 geboren wurde. Schon früh beschäftigte ihn die Musik. Als Zehnjähriger begann er unter privater Anleitung das Harmonium- und Orgelspiel zu erlernen und vertrat noch als halbes Kind hie und da den Organisten der Kirchengemeinde. Anschließend wurde er Schüler am Brukenthal-Gymnasium in Hermannstadt und erlernte zeitgleich an der Musikschule am Hunsrück das Spielen der Blechinstrumente. Ein Jahr nach dem Abitur arbeitete als Hilfslehrer. Von 1963 bis 1968 studierte er am Konservatorium „George Enescu“ in Jassy Komposition, Chorleitung und Pädagogik. 1968 schloss er sein Studium mit der Diplomprüfung „Licenţiat în Musică“ ab und begann seine Tätigkeit als Lehrer. 1971 schaffte 1971 er seine Definitivatsprüfung, später die zweite und erste Lehrgradprüfung. Der Titel seiner wissenschaftlichen Lizenzarbeit lautete: „Die musikalische Erziehung im Vornotationsstadium“. Daneben war er schon früh wissenschaftlich tätig. Er verfasste zwei Lehrbücher für den Musikunterricht an den deutschsprachigen Schulen Rumäniens. Sein Buch „Wir lernen und spielen im Kindergarten“ war für viele Erzieherinnen ein willkommener Wegweiser.

Wilhelm Stirner ging es nicht nur darum, bei den zukünftigen Lehrern und Erziehern die Rolle des Musikunterrichts im Zusammenspiel mit den anderen Lehrfächern genau zu positionieren, sondern sie auch auf ihre zukünftige menschliche Rolle neben jener der Kulturträger am Lande vorzubereiten, indem er sie befähigten, einen Chor, eine Volkstanzgruppe oder auch eine Laien-Theatergruppe zu leiten und zu fördern. Den Jugendlichen vermittelte er zudem ein ihm wichtiges Anliegen, nämlich das Vertrauen der sächsischen und Banater Gemeinschaften anzustreben, um letztlich die vielen Schätze jahrhundertealter Kultur- und Musiktraditionen, die im Kommunismus verloren zu gehen drohten, wieder zu heben. Diese wichtigen Ziele behielt er auch über die Fachvermittlung im Unterricht stets im Auge. Obwohl der Lehrplan es nicht vorsah, führte er das Akkordeonspiel als Pflichtinstrument am Pädagogischen Lyzeum ein. Auch gründete er eine schuleigene Blaskapelle, die anlässlich von Ausfahrten aufspielte. Da die Schülerinnen und Schüler aus allen Landesteilen mit deutschen Schulen in die Hermannstädter Lehranstalt kamen, richtete es Wilhelm Stirner meistens ein, in Zusammenarbeit mit den Klassenlehrern seiner Schüler, nach Möglichkeit mit vollem Kulturprogramm im Gepäck, deren Wohnort im Laufe der vier Jahre einen Besuch abzustatten. Im ländlichen Kulturhaus traten dann die Tanzgruppe der Klasse, die Gitarrengruppe, der Klassenchor vor das dankbare Publikum. Die Ausfahrten in die Dörfer Siebenbürgens und des Banats bereiteten den Mitwirkenden und den Zuschauern eine besondere Freude. Diese Veranstaltungen waren nicht nur eine Vorbereitung auf die Leitung des Kulturbetriebs in den Dörfern, in denen sie zukünftig arbeiten würden, sondern informierten auch die Eltern und alle Zuschauer über die Kulturarbeit am Pädagogischen Lyzeum. Diese Ausfahrten sind heute legendär.

Plakat aus dem Buch „Der Hermannstädter deutsche ...
Plakat aus dem Buch „Der Hermannstädter deutsche Männerchor, 1972 – 1990“, S. 37
Regelmäßige Ausfahrten und niveauvolle Kulturprogramme wurden auch mit dem Gemischten Chor aus dem Theresianum und mit dem „Hermannstädter Deutschen Männerchor“ aus dem Kulturhaus der Gewerkschaften organisiert. Wilhelm Stirner leitete Letzteren von 1977 bis 1989 und brachte es in dieser Zeitspanne mit durchschnittlich ca. 65 Sängern auf 50 Auftritte im Kulturhaus selbst sowie in zahlreichen Ortschaften. Ein besonderes Ereignis waren jedoch die in ganz Siebenbürgen erwünschten Ausfahrten und Darbietungen Stirners mit der Seniorenblasia. Zwischen 1975 bis 1988 gab es zahlreiche Blaskonzerte hauptsächlich in den Dörfern der Hermannstädter Gegend. Der Orchesterleiter kümmerte sich nicht um das Repertoire, organisierte einen Bus, und selbst die Beschaffung von Dieseltreibstoff für die Fahrt fiel in den Zeiten des kommunistischen Mangels öfters in seinen Aufgabenbereich.

Die Ereignisse vom Dezember 1989 brachten Veränderungen und Einbrüche ins gesellschaftliche Leben in Stadt und Land. Durch die massive Auswanderung war der Bestand der Chöre und der Musikkapellen gefährdet und auch die Anzahl der Schüler der deutschen Abteilung schrumpfte zusehends. Demnach entschied sich Wilhelm Stirner im Jahr 1990 in die Bundesrepublik auszuwandern. Er zog mit seiner Frau und seiner Tochter nach Bayern, wo er, wie konnte es auch anders sein, im Schuldienst Fuß fasste. Trotz seiner langjährigen Tätigkeit als Lehrer und Musikmethodiker musste er anfänglich ein verkürztes, einjähriges Referendariat absolvieren und erhielt verdient eine Einstellung als Musiklehrer am Fränkischen Schweiz-Gymnasium in Ebermannstadt. Hier leitete er neben seiner Tätigkeit als Gymnasiallehrer bis zu seiner Verrentung den Schüler-Lehrer-Chor der Schule und auch eine Flötengruppe. Als Anerkennung wurde ihm die Mitgliedschaft im Verein der Chorleiter von Bayern erteilt.

Wenn nun nach seinem Tode Wilhelm Stirner auch als Musikwissenschaftler und -schöpfer gewürdigt werden soll, kann man leider nur auf wenige publizistische Dokumentationen zurückgreifen. Vieles ist bei ihm aus Bedarf praktischer Notwendigkeiten heraus entstanden und Manuskript geblieben. Es gibt Tausende Mosaiksteinchen, die sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen ließen, jedoch sind große Teile seines Nachlasses verloren gegangen oder aber derzeit nicht zugängig. Ein Überblick über ein so gewaltiges Schaffen ist allerdings auch nicht leicht, wenn man betrachtet, dass Wilhelm Stirner ab 1968 in Siebenbürgen 22 Jahre lang tätig war, danach ab 1990 bis zu seiner schweren Erkrankung 2017 nochmals 27 Jahre in Deutschland, hauptsächlich in Bayern. Streiflichter erhellen einiges. So berichtet Prof. Heinz Acker in einem Artikel der Siebenbürgischen Zeitung, Folge 8 vom 25. Mai 2012, S. 12, über die beschwerliche Tätigkeit kreativer Menschen, Künstler, Musiker, Pädagogen. Erstrecht wenn es ab der 1970er Jahre im 20. Jahrhundert um die Kunst und Kultur der Minderheiten in Ceaușescus Nationalkommunismus ging. Acker erwähnt folgende Begebenheit, wo er über eine von Wilhelm Stirners oft angewendete Taktik der erfolgreiche Umgehung von Entscheidungen der politischen Klasse berichtet: „Interessante Einblicke in oftmals abstruse Verordnungen der kommunistischen Machthaber werden gewährt, etwa das Verbot der geplanten 100-Jahrfeier [Dirigent Wilhelm Stirner] zur Gründung des Männerchores ‚Hermania‘ im Jahre 1979 durch die Partei und die Umwandlung [durch die Betroffenen] dieser Feier in ein ‚Sozialistisches Chorfestival‘.“ Die Notiz lässt erahnen, unter welchen widrigen Umständen und einer restriktiven Minderheitenpolitik Menschen wie Wilhelm Stirner doch Großes in ihrem Bereich vollbrachten.

In der Festschrift zum 40-jährigen Jahrestag seit Gründung des Hermannstädter Deutschen Männerchors (Konzeption und Koordination Alfred Mrass, Heilbronn 2012) schreibt Wilhelm Stirner (S. 44-45): „Pflicht war es auch, ein Loblied auf die allwissende und allgegenwärtige kommunistische Partei anzustimmen. Mit vielen Tricks umschiffte der Dirigent oft diese kulturfeindlichen Klippen… Texte, die nicht in das Schema der Partei passen, wurden durch kleine Wortänderungen, also durch Sprachkosmetik, bühnenreif gemacht. Ein Beispiel: Statt ,Leb wohl du deutscher Wald‘ wurde ‚Leb wohl du grüner Wald‘ gesungen.“

Weitere Einblicke in spätere Veranstaltungen des Gesangvereins gewährte uns anlässlich einer rezenten Festveranstaltung in Ludwigsburg die gebürtige Ziederin Hilde Rottmann. Sie berichtet darüber, dass Mitglieder des Hermannstädter Deutschen Männerchor sich Ende der 1990er Jahre und Anfang der 2000er Jahre in Deutschland wieder zusammengefunden hatten und sich regelmäßig im Gartenvereinsheim in Backnang trafen. Es wurde gesungen, aber auch zünftig gefeiert. Frau Rottmann berichtet, dass der Dirigent oft ganz streng zur Disziplin aufrief und alle der ca. 45 Mitglieder sich ohne Murren den Anweisungen des von ihnen verehrten Dirigenten fügten. Den organisatorischen Teil übernahmen hierbei Michael Beckert, der selbst in Backnang wohnte, und der Chorvorstand von 1978-1986 Alfred Mrass.

Das Besondere am Lebenswerk von Wilhelm Stirner liegt in der Vielseitigkeit seiner Tätigkeit in Bereich der Musikerziehung, der Musikpflege, des Erhalts und der Rettung alter Kultur- und Musiktraditionen und nicht letztendlich seiner Bemühungen zum Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen. Einem leider undatierten Artikel von Waltraut Lenz entnehmen wir die folgende Aussage eines leidenschaftlichen Dirigenten, wie es Wilhelm Stirner einer war: „Mit den rund 50 Sängern (des Hermannstädter Deutschen Männerchors) bieten wir“, so Stirner, „ein anspruchsvolles Repertoire, von Beethoven, Schubert, Mendelssohn, Wagner, Verdi und anderen Vertreter der Weltmusik. [Diese] stehen in unserem Programm neben dem Volksliedgut. Um das Repertoire möglichst vielfältig zu gestalten, sind wir im konstanten Notenaustausch mit dem Zeidner Chor. Überhaupt sind unsere Beziehungen mit anderen deutschsprachigen Chören sehr rege.“

Im Jahre 2010 trafen sich in Kempten im Allgäu zahlreiche siebenbürgisch-sächsische Chöre aus ganz Bayern. Die großzügige Veranstaltung unter Beteiligung von 800 Sängern wurde zum 60-jährigen Bestehen mehrerer Chöre unter dem Titel „Frisch gesungen im Kreise der Lieben“ organisiert, wobei Wilhelm Stirner die Schirmherrschaft über das Sängerfest übernahm.

Wilhelm Stirner widmete sich mit der gleichen Begeisterung wie der Chorleitung, die hohe Ansprüche an das musikalische Können des Dirigenten stellte, der Musikausbildung seiner Gymnasiasten bis hin zur der musikalischen Früherziehung der Vorschulkinder. In einem Kurs der Volkshochschule in Hammelburg etwa brachte er den Kindern spielerisch bei, aus Farben und Tieren Rhythmen und Melodien zu erkennen und mit Spaß ohne Noten das Musizieren zu erlernen.

Durch den Tod von Wilhelm Stirner am 9. September 2026 in Peißenberg haben nicht nur viele Generationen Absolventinnen und Absolventen des Hermannstädter Pädagogischen Lyzeums einen begnadeten Lehrer und ein berufliches Vorbild verloren, sondern auch zahlreiche Sänger und Bläser und die Zuhörer seiner Veranstaltungen in Rumänien und Deutschland einen engagierten Kulturschaffenden. Er hat Zeit seines Lebens die Musik gelebt.

Im Namen aller, die ihn gekannt und geschätzt haben, darf ich seiner Familie unser tiefstes Beileid ausdrücken mit dem Versprechen, ihm ein ehrendes Andenken zu bewahren.

Werner Sedler

Schlagwörter: Porträt, Nachruf, Musiker

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