15. September 2002

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Andreas Mausolf

Der Diplomsozialwissenschaftler und Publizist Andreas Mausolf, gebürtiger Bremer (Jahrgang 1959), zog 1999 nach Schäßburg, wo er seitdem in der Tourismuswerbung tätig ist. Das Gründungsmitglied der Bürgerinitiative "Nachhaltiges Schäßburg" setzt sich gegen Korruption, Interessenverflechtung und den absurden Dracula-Park ein. Die Fragen stellte Robert Sonnleitner.
Was hat Sie eigentlich nach Siebenbürgen verschlagen?

Angefangen hat alles mit dem Banat. 1996 wirkte ich mit an der Abwicklung eines Transportes von Bremer Trams, die in der Hansestadt nicht mehr benötigt wurden, aber noch voll funktionstüchtig waren, nach Temesvar. Daraus entwickelte sich eine rege Kooperation zwischen den beiden Städten und es kamen viele Freundschaften zu Stande. Ich habe mich damals in dieses Land verliebt. Als meine Frau vor drei Jahren ein Angebot bekam, als Austauschlehrerin in Schäßburg zu unterrichten, haben wir uns entschlossen, gemeinsam nach Siebenbürgen zu gehen.

Erzählen Sie uns bitte etwas über Ihren beruflichen Werdegang.

Nach Abschluss meines Studiums als Diplomsozialwissenschaftler arbeitete ich lange Jahre für Hörfunk und Presse sowie bei einem großen deutschen Umweltverband und in der Bremer Kommunalpolitik. 1999 kündigte ich meinen Job, um noch einmal eine neue berufliche Herausforderung zu suchen. Seither engagiere ich mich für den nachhaltigen Tourismus in Rumänien.

Wieso Ihr Interesse für Siebenbürgen? Seit wann leben Sie in Schäßburg?

Mein Interesse für Siebenbürgen war von dem Moment an vorhanden, als ich über die Kontakte ins Banat auch über die deutsche Minderheit in diesem Teil des heutigen Rumäniens erfuhr. Ich bin der Überzeugung, dass etwas getan werden muss, um a) dem Land eine Zukunft zu geben, was kurzfristig am ehesten durch nachhaltigen Tourismus gelingen kann, und um b) dazu beizutragen, dass die deutsche Minderheit hier im Lande weiter ihre Chance sieht. Deshalb habe ich mich bemüht, insbesondere junge Menschen mit entsprechenden Qualifikationen in die touristischen Projekte einzubeziehen. Ich lebe seit drei Jahren in Schäßburg. Konkreter Auslöser für meine auf Schäßburg bezogenen Aktivitäten war das in vielerlei Hinsicht fragwürdige Projekt "Dracula Park". Als ehemals in der Kommunalpolitik Verantwortlichen hat mich gerade die Art und Weise des Vorgehens verärgert. Es wurden Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger verletzt und das kulturelle Erbe der Stadt mit Füßen getreten.

Sie wollen die touristische Entwicklung der Stadt vorantreiben. Wo muss man in einer Stadt wie Schäßburg als erstes anpacken?

Meine Rolle bestand vielmehr im Hinweisen. Das habe ich gemeinsam mit den Kollegen der Initiative "Nachhaltiges Schäßburg" getan. Schwierig wird es nur, wenn kein echter Dialog zwischen einer engagierten Initiative und der Kommunal- und Landespolitik entsteht. Hier stehen eindeutig fremdbestimmte Interessen im Vordergrund, die stark personenbezogen sind und mit der Zukunft der "Perle Siebenbürgens" wenig im Sinn haben. Wichtig ist, die kulturhistorischen Besonderheiten eines Ortes hervorzuheben und behutsam zu entwickeln, so dass sie nicht zerstört werden durch kurzsichtige Profitinteressen. Die Verquickungen von Personen, die in der Kommunalpolitik eine Rolle spielen, mit persönlichem Profit sind fatal für die touristische Entwicklung eines so bedeutenden Ortes wie Schäßburg. Dazu kommt, dass Voraussetzungen geschaffen werden müssen, um das kulturelle Erbe - die Burgstadt Schäßburg an sich - zu entwickeln und für die Touristen zu erschließen. Dafür wäre z.B. dringend erforderlich, dass der Burgkomplex endlich vom Individualverkehr befreit wird. Das Bürgermeisteramt mit seiner kurzsichtigen Leitung, Danesan, unternimmt das genaue Gegenteil, bewirtschaftet den Burgplatz als Parkplatz und lässt neue Hotels auf der Burg zu, die zu einer immensen Parkbelastung führen. Da dieser Bürgermeister offensichtlich sein Amtsgebäude am liebsten an einen internationalen Hotelkonzern veräußern möchte, verwundert diese Vorgehensweise kaum.

Haben Sie von den Behörden die nötige Unterstützung erhalten?

Dazu muss ich auf die Beantwortung der vorigen Frage verweisen. Es fehlt jegliches Interesse an der Verwirklichung nachhaltiger Projekte. Der Fall Dracula beweist, auf welchem inhaltlichen wie formellen Niveau die Verantwortlichen hier denken und handeln.

Sie sind Gründungsmitglied der Bürgerinitiative "Nachhaltiges Schäßburg". Was hat Sie dazu bewogen?

Auch die Enttäuschung darüber, dass in Rumänien noch immer "ollen Kamellen", wie der Norddeutsche sagt, nachgehangen wird. Themenparks wie dieser sind out, und es gibt eine Vielzahl äußerst attraktiver Möglichkeiten nachhaltige Tourismusangebote zu entwickeln. Wir haben in unserem Konzept darauf hingewiesen und versucht, auch hier in Schäßburg den Bürgern klarzumachen, welche negativen Auswirkungen der "Dracula-Park" auf die Arbeitsplatzsituation in Schäßburg haben wird, und welche Chancen auch für die Bevölkerung in nachhaltigen Projekten liegen. Leider erschwerte es uns das Bürgermeisteramt durch seine Politik immer wieder, mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen. Das Bürgermeisteramt organisierte sogar Demonstrationen, auf denen mit der Frage der Arbeitsplätze in übelster Weise umgegangen wurde. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass wir in Schäßburg ein stärkeres Engagement der Bürgerinnen und Bürger bewirkt haben.

Wird die Schäßburger Burg - als siebenbürgisch-sächsisches Kulturerbe - auch als Bestandteil des multikulturellen Erbes Rumäniens gesehen?

Ja. Rumänien ist in seinem heutigen Erscheinungsbild ein multikulturelles Land, das jedoch nicht in der Lage ist, aus diesem Umstand touristischen Profit zu ziehen. Die Schäßburger Burg ist ebenso Erbe der Siebenbürger Sachsen wie Bestandteil des heutigen Rumänien. Dies haben die politisch Verantwortlichen offensichtlich nicht begriffen. So bevorzugen sie als Bezugspunkt für ein touristisches Großprojekt eher eine äußerst fragwürdige Figur wie Dracula, einen riesigen Legendenmischmasch, der mit der Realität wenig zu tun hat und sich in der Form des Vlad Dracul kaum touristisch verwerten lässt. Es tut mir leid für dieses Land, dass es sich international derart blamiert und das wahre Kulturerbe in den Hintergrund zu rücken versucht.

Ist der "Dracula-Park" bei Schäßburg endgültig vom Tisch?

Die Infopolitik in diesem Land ist eine Katastrophe. Man hört dies und jenes. Vor meinem Deutschlandaufenthalt vor zwei Monaten hieß es, die englische Beraterfirma, von der Herr Agathon seine Entscheidung wohl abhängig gemacht hat, habe gesagt, das Projekt sei aus vielen Gründen ein Flop. Nun höre ich wieder, es sei noch nichts definitiv entschieden. Ein Kreuz für die Bürger, wenn ihre Regierung keine transparente Politik zu betreiben vermag.

Inwieweit haben Sie zur Verhinderung dieses Vergnügungsparks beigetragen?

Ich war ein Teil der Schäßburger Opposition und habe versucht, meine Erfahrungen aus vielen anderen touristischen Projekten einfließen zu lassen. Gerade auch meine durchweg positiven Erfahrungen aus dem Banat und der Maramuresch sind im Wesentlichen auf Schäßburg übertragbar.

Arbeiten Sie an sonstigen Projekten zur Verbesserung der Infrastruktur in Rumänien mit?

Im Rahmen der Unterstützung der Verkehrsbetriebe bestehen zahlreiche Kooperationen und Beratungsnotwendigkeiten, um ein Mindestmaß an Verkehrsökologie hier zu verankern. Das ist bitter nötig in einem Land, das durch unverantwortliche Kurzschlüsse in der Infrastruktur viel riskiert. Auch nach meiner Rückkehr nach Deutschland im Oktober werde ich in diesem Bereich wachsam bleiben.

Arbeiten Sie mit anderen Verbänden und Vereinigungen im In- und Ausland zusammen?

Ja, vor allem auf touristischem Gebiet kooperieren wir intensiv und versuchen eine Art Netz für Menschen zu schaffen, die an Rumänien Interesse haben. Das ist aber alles noch im Aufbau.

Gibt es Neues bezüglich der Rettung der eingestellten Schmalspurbahn von Hermannstadt nach Agnetheln?

Leider mangelt es an Unterstützung und seitens der Kommunalpolitik von Hermannstadt wohl an Interesse, obwohl diese Bahn reichlich touristisches Potential birgt. Von der CFR kommen nur unsinnige Antworten auf Anfragen, das Bürgermeisteramt Hermannstadt hat bis heute nicht auf unsere Schreiben reagiert, in denen wir um Unterstützung baten. Ich sehe schwarz. Die Bahn fährt nach wie vor nicht. Anlässlich einer Gruppenfahrt war ich mit einigen Teilnehmern vor einigen Tagen in Kornatzel, wo sich ein Gespräch mit CFR-Mitarbeitern ergab, die gerade die Strecke mit einer Draisine zur Kontrolle befuhren und uns einluden, mitzufahren. Das örtliche Personal geht offensichtlich davon aus, dass die Strecke irgendwann wieder in Betrieb geht. Man kümmert sich dort rührend um die Betriebsanlagen und unterhält sie mit dem Ziel, diese nicht verrotten zu lassen. Für mich unverständlich, dass sich CFR und Ortspolitik nicht zu Stellungnahmen über die Zukunft der Bahn durchringen können. Gemeinsam könnte man sicherlich gute Konzepte für ihre touristische Nutzung erarbeiten, die auch Arbeitsplätze - nicht nur bei der Bahn - sichern könnten.

Wie lange bleiben Sie noch in Rumänien?

Ich gehe Ende Oktober diesen Jahres, weil ich das Gefühl habe, dass ich im Moment nicht mehr tun kann, als ich getan habe. Ich gehe mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Ich sehe die Entwicklung des Landes im Hinblick auf notwendige Nachhaltigkeit weiterhin mit großer Besorgnis und auch die demokratische Situation, die fehlende politische Transparenz bereitet mir als altem Kommunalpolitiker große Sorge. Da ist noch viel zu tun. Beteiligungsrechte sind hier noch unbekannt. Sie werden so, wie das Fallbeispiel "Dracula Park" belegt, in Bälde auch nicht verankert werden können. Nun ist es an den Kräften im Lande, die international geltenden Grundsätze umzusetzen.

Geben Sie jetzt auf?

Ich gebe nicht auf, das würde heißen, dass ich Rumänien den Rücken kehre. Ich habe versucht, Zusammenhänge aufzuzeigen und Anregungen zu geben. Ich halte es jetzt für geboten, den hier bereits aktiv gewordenen Kräften das Feld zu überlassen und - wenn gewünscht - meine Hilfe anzubieten. Ich werde weiter meine Vorschläge unterbreiten, Gruppen hierher bringen und auch begleiten. Aber es war von vornherein klar, dass mein Aufenthalt begrenzt sein würde.

Wie sehen Sie die Zukunft Rumäniens?

Ich möchte mir nicht anmaßen, eine Einschätzung abzugeben. Nur soviel: So einfach, wie es sich jene vorstellen, die im Moment an der Regierung sind, wird die Zukunft nicht zu bewältigen sein. Vieles, was hier noch an der Tagesordnung ist, muss vom Tisch. An erster Stelle Korruption und Interessenverflechtung. Siehe Schäßburg! Das politische Europa ist für dieses Land noch in weiter Ferne und die EU wäre mit dem Klammerbeutel bepudert, ein Land in dieser Verfassung in allzu kurzer Zeit aufzunehmen.

Welchen neuen Aufgaben werden Sie sich in Deutschland zuwenden?

Ich werde weiterhin journalistisch arbeiten und dabei wird Rumänien eine große Rolle spielen. Es ist ein wundervolles Land mit wundervollen Menschen, die eine realistische Antwort auf die Frage nach der Zukunft brauchen. Aber, sie müssen auch begreifen (und viele haben das bereits getan), dass Eigeninitiative notwendig ist, um voranzukommen.

Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen.

Schlagwörter: Interview, Wissenschaft

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