21. April 2026
Deutsche Literaturtage in Reschitza: "Das Gedicht ist die höchste Form der Sprachkunst"
Angesichts der Vielzahl an Gedichtvorträgen hätte dieses Motto perfekt zu den 36. „Deutschen Literaturtagen in Reschitza“ gepasst. Erwin Josef Țigla, Vorsitzender des Deutschen Forums der Berglanddeutschen, begrüßte zur Eröffnung in der Alexander-Tietz-Bibliothek die Gäste und Referenten und sorgt stets dafür, dass diese Veranstaltung gepflegt wird. Eröffnet wurden die Literaturtage mit der Präsentation des Zeitzeugen-Buches „Die Banater Deutschen und ihre Geschichten“ von Katharina Kilzer und der Kulturethnologin Smaranda Vultur aus Temeswar, Herausgeberin des Buches in rumänischer Sprache von 2018.

Horst Samson und Verleger Traian Pop präsentierten die dem siebenbürgischen Autor Franz Hodjak gewidmete Zeitschrift Matrix. Adelheit Szekeresch las aus ihrem Roman „Regentränen“ nach einer Einführung durch Barbara Zeizinger aus Darmstadt. Der Abend endete mit einer Vorführung filmischer Porträts „LiterATitudini. Archive des Schreibens“ (Österreichisches Kulturforum Bukarest, ORF und Österreichische Gesellschaft für Literatur), wobei Bettina Balàka, Valerie Fritsch, Susanne Gregor, Karin Peschka, Robert Prosser und Ferdinand Schmalz – bekannte österreichische Autoren – vorgestellt wurden.
Die Geschichte des Professors Jean-Paul und der schwarzen Katze las Anton Sterbling aus dem Buch „Das vergebliche Warten Lenaus auf Kafka in Temeswar und die merkwürdige Weiterreise in das Banater Bergland“ (Pop-Verlag, Ludwigsburg). Wertvolle Beiträge des Literaturseminars umfassten auch fotografische Präsentationen, wie jene von Éva Seiler-Iszlai, die die historischen Entwicklungen in Banat und Siebenbürgen dokumentiert hat, ergänzt mit Versen von Hellmut Seiler. Ihre Fotografien aus Temeswar, Herkulesbad, Hamruden, Hermannstadt und weiteren Orten bieten eine künstlerisch anspruchsvolle Darstellung jener Regionen, die einst von Deutschen bewohnt wurden. Horst Samson las Gedichte aus dem von ihm übersetzten Gedichtband eines Freundes aus Bukarest, Nicolae Tzone. Mit den gesammelten Beiträgen in „Ansichten eines kritischen Bürgers in turbulenten Zeiten. Momentaufnahmen“ erläuterte Werner Kremm die politischen Bezüge zu Gegenwartpersonen der Politik, erschienen im „CosmopolitanArt“-Verlag Temeswar, 2025.
Eine andere Ebene beleuchtete Professor András F. Balogh aus Klausenburg in seiner Anthologie „Deutsche Lyrik aus dem Donau-Karpatenraum. Anthologie und Übungsbuch“, in dem bekannte Lyriker vertreten sind, darunter Edith Ottschofski, die nachmittags ihr KI-Experiment-Buch „Der Traum der Gurke. Ein literarisches KI-Experiment“ vorstellte. Am Nachmittag wurde die Lesung im Sozialzentrum Frédéric Ozanam unter der Moderation von Hellmut Seiler fortgesetzt. Die Bilder des Fotografen Erhard Berwanger aus den 70er und 80er Jahren in Reschitza wurden von Katharina Kilzer vorgestellt. Anschließend machte sie einen Übergang zu Temeswar, dessen historische Plätze und Geschichten sie an einigen Exemplaren herausgriff – eine Vorschau auf das im Verlag Noack & Block, Berlin, in Erscheinung begriffene Buch der „Geschichten und Legenden Temeswars“ (hrsg. von Anita Maurer und Katharina Kilzer).
Ein Höhepunkt sind stets die Präsentationen der Deutschen aus Ungarn. Gábor Ruda, Vorsitzender des Kulturvereins „Freundeskreis Murgebiet“ in Werischwar, stellte ein Buch mit Kunstwerken von Künstlern aus dem Murgebiet vor. Auch das Rosarium für 2025, herausgegeben von Győrffy Sándor, war ein zentrales Thema. Christina Arnold aus Nadasch, Leiterin der Deutschen Redaktion Fünfkirchen, las Geschichten aus „Neues Kapitel“; zudem sorgte ihre Mundartprosa für große Begeisterung. In der Wandschoner-Ausstellung, die Erwin Ţigla eröffnete, wurden Stücke aus der Sammlung des Kultur- und Erwachsenenbildungsvereins „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“ gezeigt und Erinnerungen an vergangene Zeiten geweckt. Ein besonderer Beitrag folgte von Christel Wollmann-Fiedler aus „Judaica und Israelia. Biographisches, Dichtung, Feste, Interviews, Kunst, Reiseberichte, Rezensionen“ (Hartung-Gorre-Verlag, 2024) über Begegnungen mit Manfred Winkler, der von Hans Bergel verehrte Dichter, mit dem er ein Buch veröffentlicht hat („Die Verweigerung der Negativität. Gespräch über Hiob und Apollon“, Noack & Block, Berlin 2019). Barbara Zeizinger, Mitglied der Jury des Rolf-Bossert-Preises in Reschitza, ein treuer Gast der Literaturtage, las unveröffentlichte Gedichte zu „Wie viele Herzen braucht ein Mensch?“.
Am dritten Tag standen die ehemaligen Träger des Rolf-Bossert-Gedächtnispreises im Mittelpunkt: Bastian Kienitz, 2022, stellte seine bildhaften Blankosonette vor, die dem Prinzip folgen, dass Literatur unterhalten soll. Dietrich Machmer (2024) präsentierte Gedichte, die durch ihre bildhafte Sprache und Reflexion beeindrucken und von Rolf Bossert inspiriert sind. Christian Klein, Preisträger 2023, las unveröffentlichte Texte, die trotz ihrer sprachlichen Reduktion eine meditative Wirkung entfalten und durch Körperlichkeit faszinieren.
Horst Samson eröffnete seine Lesung der Gedichte aus dem Band „Vom Auftauchen und Verschwinden der Landschaft. Gedichte“ (Pop-Verlag Ludwigsburg, 2025) mit dem Spruch, dass das Gedicht die Heimat der Menschheit sei. Während Lyrik im kommunistischen Rumänien sehr hochgehalten wurde, als Bücher in hohen Auflagen erschienen und viele Leser aufwiesen, ist das Lyrik-Leseverhalten heute geringer. Anton Sterbling stellte Samson als den letzten „Spätromantiker aus dem Banat“ vor, dessen Gedichte nun von dem Münchner Musiker Winfried Michl auch vertont wurden. Sterbling las Essays über Donauschwäbische Kultur und die Schriftsteller in der Ferne – Nachdenklichkeiten über Relevanz der Sprache und Pluralität der Anerkennung von Schriftstellern mit multiplen Identitäten.
Dr. Paul Jürgen Porr als Europäer des Jahres ausgezeichnet
Besondere Ehre wurde dem aus Hermannstadt angereisten Dr. Paul Jürgen Porr, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, zuteil. Er wurde als „Europäer des Jahres 2026 innerhalb der deutschen Gemeinschaft im Banater Bergland“ ausgezeichnet, die Laudatio hielt Erwin Josef Țigla. Porr bedankte sich und erhielt Schützenhilfe von dem Parlamentsabgeordneten Ovidiu Gant, der ihn als „besten Vorsitzenden der deutschen Minderheit“ in Rumänien bezeichnete. Die Zukunft der Minderheit in Rumänien oder den Stellenwert der Kirchenburgen in Siebenbürgen schätzte Porr positiv ein. Das Deutsche Forum pflegt gute Beziehungen auch zu anderen Gruppen von Minderheiten in den 27 Ländern der EU.Der wieder in Hermannstadt lebende Heinrich Heini Höchstmann (Autor des Buches „Einmal Deutschland und zurück“) belebte die Sitzung mit einer humoristischen Farce einer Pressekonferenz von Donald J. Trump. Die Gedichte von Hellmut Seiler, übersetzt von Eszter Benö und vorgestellt von András F. Balogh aus „A szavakat felszippantja a csend“ (Die Stille saugt die Worte auf, 2024 Exit Verlag, Klausenburg), überzeugten im Klang der Sprache, in der Präzision und mit Wortschöpfungen. Über die Kunst der Übersetzung wurde anschließend diskutiert und festgestellt, dass Sinnebene und Sinnmuster wichtig sind für die Bewahrung der kulturellen Bezüge. Leider bestätigte Professor Balogh, dass bei den heutigen Studenten das Interesse am Gedichtelesen gering sei, da sie mehr Influencer oder Blogger sind. Sie stürmen nicht die Bibliotheken!
Tobias Pagel erhält Rolf-Bossert-Gedächtnispreis 2026
Nach einer legendären Straßenbahnfahrt bei Regen durch die einstige Industriestadt bis zum neuen Straßenbahndepot, wo uns Bürgermeister Ioan Popa und der Leiter des Straßenbahnfirma erwarteten, folgte der Höhepunkt der Literaturtage: die Verleihung des Rolf-Bossert-Gedächtnispreises an Tobias Pagel aus Konstanz. Pagel dankte erfreut dem Gründer des Preises, Hellmut Seiler, dem Laudator Dietmar Machmer und allen Beteiligten und Helfern der Veranstaltung. Er zeigte sich beeindruckt von der Gastfreundlichkeit und der Vielfalt der Kulturen in diesem Land.Die Literaturtage begrüßen jährlich die Literaturrepräsentanten der Temeswarer Stafette. Diesmal waren junge Autorinnen präsent, wie Eva Bancea, Zara Chișevescu, Inke Iozsa, Isabela Lupșe und Daria Moți, die aus ihren Werken vorlasen. Auch Benjamin Burghardt und Arthur Funk trugen Gedichte vor. Davor kamen die Gäste noch in den Genuss des Essays von Dr. Kurt Thomas Ziegler (Wien, ehemals Hermannstadt) als „Eine kurze Fußnote zu dem eben verflossenen Thomas Mann-Gedenkjahr“ ein Rückblick über die prominenten Gäste im Hause Ziegler vor vielen Jahren.
Die Banater Schwaben-Mundart und das „Temeswarerisch“, die Edith Ottschofski in ihren Gedichten verewigte, hinterließen einen heiteren Eindruck. Balthasar Waitz präsentierte Kurzprosa und Lyrik. Spannend war die Präsentation der „Kärnten Dokumentation 2025 - Band 40. Dialog und Kultur. Beiträge zum Europäischen Volksgruppenkongress 2024 und Sonderthemen“, die Udo Peter Puschnig vom Amt der Kärntner Landesregierung (Klagenfurt) vorstellte, literatur- und geschichtsbezogener Arbeiten zu Südosteuropa. Eine literarische Reise nach Franzdorf im Banater Bergland, wo einst die Böhmendeutschen lebten, beendete die Tagung, und Erwin Țigla lud alle Teilnehmer ein zu den nächsten Literaturtagen.
Katharina Kilzer
Schlagwörter: Literaturtage, Reschitza
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