6. Mai 2026
Die Spuren einer Eigenwilligen: Grafik und Malerei von Gertrud Hornung in einem Album
Zur Ausstellung „,Aber du, Herr, machst mich frei …‘ Die Bildwelten der Künstlerin Getrud Hornung 1937–1977“ hat Helga Lutsch ein Begleitbuch herausgebracht, das „Werden“, „Wirken“ und „Werke“ – so die Schlagworte des Untertitels – einer zu Unrecht kaum bekannten Künstlerin mit siebenbürgischen Wurzeln in den Blick nimmt.

Im Eingangskapitel wird das familiäre Umfeld ausgelotet, mit besonderem Verweis auf den Einfluss des Vaters auf die Erweckung und Förderung der musischen Begabungen der jungen „Gerti“. Während ihres Studiums an der Klausenburger Kunsthochschule „Ion Andreescu“ rüsten ihre akademischen Lehrer sie mit dem erforderlichen technischen und gestalterischen Handwerkszeug aus, wobei Letzteres zwischen Realismus, Impressionismus und Expressionismus anzusiedeln ist. Aufhorchen lässt der Hinweis auf Heinrich Neugeboren (1901–1959), den Vetter ihres Vaters, der unter dem Namen Henri Nouveau als Maler und Bildhauer, Komponist, Schriftsteller und Kunsttheoretiker bekannt ist. Die Frage nach dessen Rezeption durch seine Nichte bleibt allerdings ausgeblendet.
Nach zweijähriger Tätigkeit als Kunstlehrerin am Lyzeum in Agnetheln erhält Gertrud zusammen mit ihrer Mutter 1962 die Genehmigung zur Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland und lässt sich in Quakenbrück nieder, wo sie wieder als Kunstlehrerin an einem Gymnasium arbeitet. Die Kapitel „Im neuen Leben angekommen?“, „Ein Hilferuf“ und „Austritt aus der Kirche“ dokumentieren die innere Zerrissenheit einer Frau, die parallel zu ihrem „Brotberuf“ ein umfangreiches malerisches, zeichnerisches und grafisches Oeuvre vorlegt und dabei das künstlerische Schaffen kompromisslos in den Dienst der Sinnstiftung für ihr eigenes Leben nimmt.
„Entwicklung und Etappen“ innerhalb des Werks werden anhand von Selbstaussagen skizziert. Von den frühen, noch in Rumänien entstandenen Arbeiten, die für den „gegenständlichen Realismus der Ausbildungszeit“ stehen, distanziert sich die Künstlerin ausdrücklich, wobei zu überprüfen wäre, inwiefern diese ablehnende Haltung berechtigt ist bzw. ob nicht zumindest ein Teil der Arbeiten aus diesem Werkabschnitt nicht bloß dokumentarisch, sondern – im Kontext der Zeit – durchaus auch künstlerisch bestehen können. Der tiefgreifende biografische Einschnitt, den die Aussiedlung bedeutet, ist deckungsgleich mit einer Schaffenskrise, die erst 1966 überwunden wird. Bemerkenswert selbstanalytisch unterscheidet Gertrud Hornung drei Schaffensphasen, die von „abstrakt wirkenden Linearkompositionen“ über die Hinwendung zur abstrahierenden, auf ihre ausdrucksstarken Einzelteile Kopf, Hände und Füße reduzierte Figur sowie zum einengenden oder entgrenzten („gesprengten“) Raum und letztlich bis hin zu einer umsichtig strukturierenden Gestaltung, die christliche Inhalte oder mystische Quellen und Mythen aus vielen Kulturen – von Ägypten bis zur nordischen Sagenwelt – mit rational gegliederten „Schichtungsrhythmen“ verbindet.

Eine umfassende kunsthistorische Einordnung des Werkes von Gertrud Hornung steht noch aus, trotz der Ansätze in den Selbstaussagen der Künstlerin oder der vorsichtigen Annäherung durch Brotschi. Anhand des von Helga Lutsch erarbeiteten Werkverzeichnisses kann nun das gesamte Oeuvre der Künstlerin einer noch zu leistenden eingehenden Analyse und Würdigung unterzogen werden. Die Rezensentin beschränkt sich hier auf einige Beobachtungen und Hinweise.
In der ersten Schaffensperiode 1952–1962 sind fast ausschließlich Arbeiten auf Papier entstanden. Die Landschaften, Veduten siebenbürgischer Orte, etwa ihrer Heimatstadt Schäßburg, ihres Studienortes Klausenburg oder ihres Dienstortes Agnetheln, Genreszenen, Porträts und Akte sind teils sorgfältig ausgearbeitet, teils temperamentvoll festgehaltene Skizzen und Fingerübungen. Die Linolschnitte lassen Anregungen durch die Künstler der „Brücke“ vermuten: Sie wählt deren expressionistische Bildsprache und nicht die des sozialistischen Realismus für Sujets wie Industrielandschaften oder Arbeiterporträts (vgl. zum Beispiel Kat.Nr. 39 „Peisaj“ – Landschaft – und Kat.Nr. 40 „Muncitori obosiţi din seria ‚ieri și azi‘ – Müde Arbeiter aus der Reihe ‚Gestern und heute‘“). Aus ihrer siebenbürgischen Lebens- und Schaffensphase sind nur zwei Gemälde überliefert: Die „Dorfstraße mit Büffeln in Siebenbürgen“ wie auch die Agnethler Grodengasse (Kat.Nrn. 93, 94) gestaltet sie mit expressiver Verve und pastosem Farbauftrag, beherzt schwarze Akzente und weiße Höhungen setzend und dadurch die Leuchtkraft der Farben steigernd.
Ihr Schaffen in der Bundesrepublik setzt 1963 ein. Es sind einige selbstgestaltete Postkarten (1968–1974) und Skizzen (1964–1967) überliefert, viele Tempera-Bilder allerdings nur als Foto im Künstlerarchiv des Siebenbürgischen Museums Gundelsheim. Den überwiegenden Teil bilden Arbeiten auf Papier: Aquarelle, Pastelle, Feder- und Kohlezeichnungen, Blätter in Mischtechnik. Ihre abstrakten Arbeiten verstehen sich wohl als Befreiung von dem Akademismus ihrer Ausbildungsjahre und vom allseits erwarteten Realismus ihres künstlerischen und sozialen Umfeldes in Siebenbürgen. Ihre Selbstzeugnisse geben keinerlei Auskunft darüber, welche damals aktuellen Kunstströmungen sie rezipiert und ob eine Auseinandersetzung mit den surrealistischen Tendenzen sowie der abstrahierenden Formsprache im äußerst wandlungsfähigen Werk ihres Onkels Henri Nouveau stattgefunden hat. Ähnlich wie dieser dürfte sie sich nicht unbedingt an bestimmten Vorbildern orientiert, sondern die Auseinandersetzung mit der Kunst ihrer Zeit als offene Möglichkeit begriffen haben.
Das französische „Informel“ mit seiner Ablehnung klassischer Form- und Kompositionsprinzipien, seiner zum Prinzip erhobenen Formlosigkeit im „Spannungsfeld von Formauflösung und Formwerdung“ (Rolf Wedewer) hatte sich in den Fünfzigern in Paris entwickelt und war in den Sechzigern noch sehr präsent; es dürfte der Künstlerin neue gestalterische Horizonte eröffnet haben. In ihren abstrakten „Kompositionen“ (Kat.Nrn. 122-127) setzt sie Farbe spontan und autonom ein, verweigert sich einer konkretisierenden Formgebung und baut spannungsreiche Beziehungen zwischen (Farb-)Fläche und Linie auf. Auch Jean Dubuffets Konzept der „art brut“, unter der er die von ihm gesammelte und in seinem eigenen Malstil verwirklichte Kunst von Kindern, ungeschulten Laien und Geistergestörten subsummierte, war im öffentlichen Diskurs noch präsent. Hornungs autonome Köpfe sowie ihre Strichfiguren in räumlichen Kontexten, etwa eingezwängt in schmale Türme oder eingerollt in Häuser (vgl. Kat.Nrn. 130-131 bzw. 141-171), legen ihre Auseinandersetzung mit Dubuffet nahe. Häufig scheint augenzwinkernder Humor durch, etwa wenn eine Figur die Hände vors Gesicht schlägt, anscheinend am Bau des hinter ihr befindlichen Gebäudes verzweifelnd (Kat.Nr. 168 „Schwierigkeiten beim Bau eines Westwerks I“).
Diese unbekümmerte Spontaneität weicht zunehmend einer sorgfältigen Ausarbeitung der Köpfe, Hände und Füße zu Ausdrucksträgern in rhythmisierten Kompositionen. In diesen Arbeiten schlägt sich die Hinwendung der Künstlerin zur kontemplativen Haltung der Mystik nieder, die sie – nach ihrem Austritt aus der evangelischen Kirche 1970 – in einem Benediktinerinnenkloster kennengelernt hatte. Gertrud Hornung findet zu einem unverwechselbaren Stil, einer irritierenden Verbindung surrealer Bildsprache und mystischem Bedeutungshintergrund. Auffallend ist die teils strenge, teils schwungvolle Aufteilung des Bildfeldes in Böcke oder Bogenformen, wodurch die disparaten Körperteile in übergreifenden Strukturen zusammengebunden werden. Ab ca. 1973 reizt sie ihren Motiv- und Formenschatz in zahllosen, oft verstörenden Varianten aus. In den letzten Arbeiten unternimmt sie den Versuch, christlichen Mythos mit nordischer Götterwelt zu verbinden.
Gertud Hornung hat sich zu ihrer Entwurzelung aus den heimatlichen Strukturen Siebenbürgens bekannt wie auch zu ihrem Fremdbleiben im neuen persönlichen und beruflichen Umfeld der Bundesrepublik. Mystik und klösterliche Kontemplation vermochten sie nicht aufzufangen. Dass ihr Versuch, ihr Leben durch Malerei zu bewältigen, scheiterte und sie als Vierzigjährige den Freitod wählte, ist tragisch. Ausstellung und Begleitbuch bewahren das bemerkenswerte Frauen- und Künstlerleben der Gertrud Hornung vor dem Vergessen. Sie bieten dem Publikum Gelegenheit zur Auseinandersetzung, wobei speziell jenes mit siebenbürgischem Hintergrund eigene Erfahrungen gespiegelt finden kann.
Ruth Fabritius
Helga Lutsch: „Gertrud Hornung 1937–1977. Werden – Wirken – Werke“. Gundelsheim am Neckar 2026, Begleitbuch zur Ausstellung „Aber du, Herr, machst mich frei …“. Die Bilderwelten der Künstlerin Gertrud Hornung, die noch bis zum 28. Juni 2026 im Siebenbürgischen Museum Gundelsheim zu sehen ist. Das Buch ist zum Preis von 30 Euro an der Museumskasse und im Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-9821131-5-9).Schlagwörter: Künstlerin, Hornung
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