10. Juni 2026

Die „Bildermacher“ Gert und Uwe Tobias: Ausstellung zum Lovis-Corinth-Preis 2026

Das Foyer des Kunstforums Ostdeutsche Galerie in Regensburg zeigt sich zur diesjährigen Verleihung des Lovis-Corinth-Preises in neuer Gestalt: Die Pfeiler des Oktogons in der Eingangshalle sind auf den Vorderseiten schwarz eingefärbt, so dass die Architektur noch eckiger, kantiger, härter wirkt. Die Wände des Foyers – gleichfalls in schwarzer Farbe auf weißem Grund gestaltet – sind dagegen mit zart-verspielter, arabesk anmutender Malerei bedeckt. Wie aus Tuscheklecksen erwachsen Fantasiewesen, Getier und Kokons, auch andere Blattrandträumereien, ganz so wie sie manche Schulhefte säumen. Die Formen fließen und tanzen über die Wand, geheimnisvoll tauchen sie aus einem verborgenen Untergrund hervor. Der Kontrast zur strengen Architektur des Oktogons könnte kaum größer sein. So wird gleich zum Auftakt der Ausstellung ein Moment der Irritation gesetzt.
Gert & Uwe Tobias im von ihnen gestalteten ...
Gert & Uwe Tobias im von ihnen gestalteten Museumsfoyer im Kunstforum Ostdeutsche Galerie. Foto: KOG/Stefanie Heske
Gerade in dieser Reibung wird aber ein entscheidender Aspekt für das künstlerische Werk von Gert und Uwe Tobias herausgestellt. Die beiden wurden als Zwillinge 1973 in Kronstadt/Brașov in Rumänien geboren und wanderten noch als Kinder mit ihren Eltern nach Deutschland aus. Der Möglichkeitssinn und das Ausloten von Freiheitsentwürfen sind wichtige Elemente ihrer Kunst, was vielleicht auch mit der Biographie zu tun haben mag.

Gert & Uwe Tobias, lovis corinth preis, 2026, ...
Gert & Uwe Tobias, lovis corinth preis, 2026, Holzschnitt auf Leinwand © VG Bild-Kunst, Bonn 2026. Foto: Alistair Overbruck
Die beiden arbeiten stark mit dem Medium des Holzschnitts. In der Ausstellung macht das eine große Arbeit deutlich, die ebenfalls zentral im Foyer ausgestellt ist. Wie die Wandmalerei ist auch sie eigens für diese Ausstellung entstanden. Das Hauptmotiv: drei rote Zahnradformen vor lichtdurchfluteter Himmelssphäre, die darauf warten, ineinandergreifen zu dürfen. Erst in der Zusammenschau fügt sich das Ensemble von Wand und Tafelbild zur Einheit.

Als Künstlerduo, das gemeinsame Autorschaft pflegt, haben sich Gert und Uwe Tobias längst international profiliert. Die Liste der Ausstellungen in renommierten Häusern ist lang und bezeugt ihren durchschlagenden Erfolg. Holzschnitt und Malerei sind die bevorzugten Medien des künstlerischen Ausdrucks, aber die Collage ist ihnen das oberste Prinzip der Gestaltung. Formen und Zeichen aus unterschiedlichen Kontexten, die aus Heften und Postern ausgeschnitten und eingeklebt werden, geben ihren Bildwerken ein nicht unbedingt klassisch-künstlerisches Format. Die Arbeitsmethode passt gut zu den beiden Brüdern selbst, die sich durchaus unabhängig voneinander als Künstler begreifen, allerdings zu einem äquivalenten Miteinander gefunden haben, in dem „jeder jedes kann“. So wie beide als Individuen doch zusammenwirken, finden sich auch in ihren Werken die überraschendsten Konstellationen von Dingen und Wesen zueinander und werden als ganz reale Gegenwart erfahrbar.
Das von Gert & Uwe Tobias gestaltete Museumsfoyer ...
Das von Gert & Uwe Tobias gestaltete Museumsfoyer im Kunstforum Ostdeutsche Galerie © VG Bild-Kunst, Bonn 2026. Foto: Uwe Moosburger, www.altrostudio.de
Während bisherige Ausstellungen mit Gert und Uwe Tobias mehr auf die Präsentation der jeweils aktuellen Arbeiten ausgerichtet waren, geht es bei dieser repräsentativen Schau im Rahmen der Verleihung des Lovis Corinth-Preises darum, einen retrospektiven Überblick über ihr Gesamtwerk zu geben. Insofern ist die Präsentation im Kunstforum Ostdeutsche Galerie eine Premiere. Zugleich ist es eine Gelegenheit, um näher an das vielschichtige Werk dieser beiden Künstler heranzukommen und ihren Impetus zu verstehen. Dass dies möglich wurde, ist auch dem Kurator der Ausstellung, Dr. Sebastian Schmidt, zu verdanken. Er musste sich nicht nur auf die von den Künstlern erdachte, wirkmächtige Gestaltung des Museumsfoyers einlassen, sondern auch die irritierende Gegenüberstellung von traumhafter Zeichnung und konkreter Architektur als zentrales Movens der gesamten Präsentation aufgreifen. Das ist überzeugend gelungen.

Ausstellung „Gert & Uwe Tobias. Lovis-Corinth ...
Ausstellung „Gert & Uwe Tobias. Lovis-Corinth-Preis 2026“, Kunstforum Ostdeutsche Galerie © VG Bild-Kunst, Bonn 2026. Foto: Uwe Moosburger, www.altrostudio.de
Insgesamt sechs Ausstellungsräume stehen dafür zur Verfügung. Die nicht chronologisch gefasste, sondern nach Schwerpunkten gegliederte Rückschau gewährt eine gute Orientierung über 20 Jahre des gemeinsamen Arbeitens von Gert und Uwe Tobias. Anschaulich wird greifbar, wie sich nach und nach eine von Leichtigkeit geprägte Bildsprache entwickelt und ein ganz eigenes Maß an Abstraktion entsteht. Auch die Prozesse der Entstehung – also das Ausschneiden der Druckstöcke – und auch der Akt des Druckens selbst werden anschaulich und greifbar. Klug sind hier die Gegenüberstellungen gesetzt. Ein echter Augenöffner ist zudem ein kurzer Künstlerfilm, der am Ausgang der Ausstellung gezeigt wird und eindrücklich die zum Bild führenden Gestaltungs- und Herstellungsabläufe greifbar werden lässt.

Eigene Räume werden jeweils der Auseinandersetzung mit der Figuration beziehungsweise dem Stillleben gewidmet. Großzügig und zum Erproben immer neuer Blickachsen angelegt, eröffnet sich im Gang durch die Räume eine regelrecht barocke Bilderfreude. Dass dafür fein glasierte Keramiken zusätzliche Akzente setzen und mit den Stillleben korrespondieren, erscheint nur konsequent.

In etwas anderem Licht und doch im Herzen der Raumfolge erscheint ein Zimmer, in dem eine Reihe von Schreibmaschinenzeichnungen ausgestellt werden. Sie gehören zu einer frühen Werkgruppe mit dem Titel „come and see before the tourist will do – the mystery of transilvania“. Diese Aufforderung, Siebenbürgen noch rechtzeitig, vor den Touristenströmen zu besuchen, wird aber nicht etwa mit einer Präsentation von sanften Hügellandschaften, Burgen und historischen Stadtkernen flankiert. Im Vordergrund steht hier vielmehr die Konfrontation mit dem kommunistischen Rumänien und dem verzerrenden Mythos um Graf Dracula. In schwarz-weißer Musterung, aus Kreuzen, Punkten und anderen Interpunktionszeichen zusammengefügt, schälen sich die Horrorportraits des moldauischen Fürsten, aber auch des Diktators aus dem Papier. Dazwischen: Bilder von zerbrochenen (roten) Sternen, halben Siegertreppchen und Plattenbauten, Versatzstücke von Ehrendenkmalen. Die Annäherung fällt nicht leicht. Warum sollte sie auch? Schließlich war das einmal der Grund zu gehen.

Dennoch, und das trägt auch diesen Raum, ist das Verhältnis der Brüder Tobias zur Welt eines, das lust- und fantasievoll vom Erfinden eigener Handlungsräume lebt. Jedes Bild, jeder Raum tritt als Produkt eines konzentrierten Aktes hervor. Das Gestalten ist frei und experimentell, es verfügt über Distanz zu sich selbst und gesteht sich ein, hier und da auch mal einfach dekorativ sein zu dürfen. Das ist eine Stärke, die man mitnehmen kann – Freude inbegriffen.
Ausstellung „Gert & Uwe Tobias. Lovis-Corinth ...
Ausstellung „Gert & Uwe Tobias. Lovis-Corinth-Preis 2026“, Kunstforum Ostdeutsche Galerie © VG Bild-Kunst, Bonn 2026. Foto: Uwe Moosburger, www.altrostudio.de
Die Ausstellung GERT & UWE TOBIAS, LOVIS-CORINTH-PREIS 2026 im Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg ist vom 9. Mai bis 27. September zu sehen. Ein Katalog mit einem Interview der Künstler und weiteren Texten von Sebastian Schmidt, herausgegeben vom Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg und Sebastian Schmidt, ist für 23 Euro erhältlich (ISBN 978-3-89188-152-1).

Heinke Fabritius

Schlagwörter: Regensburg, Ausstellung, Kunst

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