15. August 2026

Hegt wird gesangen!: Hans Seiwerth

Hans Seiwerth, 1953 in Hermannstadt geboren, ist eine prägende Stimme der siebenbürgisch-sächsischen Liedkultur der letzten fünf Jahrzehnte. Stilistisch verbindet er siebenbürgisch sächsische Mundart, Folk Tradition und persönliche Poesie. Er ist nicht nur Komponist und Sänger, sondern auch Bewahrer der siebenbürgisch-sächsischen Liedtradition.
Einigen Lesern dürfte er aus den 1970er Jahren von TV-Auftritten in der Deutschen Sendung in Rumänien oder seiner frühen Single bei Electrecord „Muzică Folk. Hans Günter Seiwerth“ bekannt sein. 1975 wirkte er gemeinsam mit den Freunden der späteren „De Līdertrun“, damals „Cibinium-Quartett“, im TV-Film „Der Traum“ mit, der 2002 in gleicher Besetzung erneut produziert wurde. Am Hermannstädter Brukenthal-Gymnasium leitete er den Kammerchor „Cantores juvenes“, mit dem er 1987 bei Electrecord die LP „Stimmen der Völker in Liedern“ aufnahm. Seiwerth ist Gründungsmitglied der Gesellschaft für deutsche Musikkultur im südöstlichen Europa (GDMSE) und des Ensembles „De Līdertrun“, das sich dem siebenbürgisch sächsischen Liedgut widmet.

Im Stil etwa des Musikers und Sängers Reinhard Mey schafft er seine eigenen poetischen Lieder oder Vertonungen von Gedichten (z.B. „Die 13 Monate“ von Erich Kästner), die er zur Gitarre mit kraftvollem Gesang vorträgt, gelegentlich auch mit Unterstützung seiner Frau Angela.

2020 veröffentlichte Seiwerth die CD „Im Spiegelbild ein Kakadu“, die eigene Lieder und Bearbeitungen enthält. Mit seinem Soloprogramm ist er ein gern gesehener Gast in unseren Kreisgruppen. 2018 erlebte ich Hans Seiwerth in Fürth, als er mit seinem Soloauftritt der Einladung der Nachbarmutter Rosel Potoradi folgte. Damals gab er auch das Lied „De Zegden ändre sich“ (Äm Guërte sätzt …) von Ernst Thullner zum Besten, das er, wie er mir später erzählte, von seinen Eltern gelernt hatte. Über Ernst Thullner berichtete ich ausführlich in der Folge 9 vom 9. Juni 2026, S. 16 (siehe auch SbZ Online, www.siebenbuerger.de/go/27248A). Das Lied „Äm Guërte sätzt“ finden Sie unter siebenbuerger.de/go/2L194, gesungen von Hans Seiwerth, dem Zeidner Gesangstrio und dem Chor Cantores Cibinienses unter der Leitung von Kurt Scheiner. Kleine Textabweichungen sind durch die mündliche Verbreitung des Liedes entstanden – der Inhalt blieb dabei unverändert. Viel Vergnügen! Wie sich Seiwerths Zeiten im Laufe seines Lebens geändert haben, berichtet er im folgenden autobiographischen Text selbst.

Angelika Meltzer

Zwischen Ziel und Weg – und umgekehrt

Dass sich mit den „Zeiten“ Ziele ändern oder Wege ihre Richtung wechseln, belegt so mancher Lebensweg, unabhängig davon, auf welchem Belag wir schreiten, und wenn das jener der Erinnerung ist, begleitet unsereinen auch manches Lied, das die Eltern sangen.

Hans Seiwerth bei einem Auftritt auf Schloss ...
Hans Seiwerth bei einem Auftritt auf Schloss Horneck im Frühjahr 2022. Foto: Angelika Meltzer
So gut ich mich erinnern kann, war das ein ständiger Wechsel in den frühen Jahren meines Werdegangs, doch würde ich heute behaupten, dass die Musik mein eigentlicher Weg war, auch wenn es in frühen Zeiten Momente gab, in denen sie, die Musik, als Ziel ausgewiesen war. Spätestens mit meiner Entscheidung nach der achten Klasse für das theoretische Lyzeum war diese Zielvorgabe vom Tisch. Und das hatte einen ganz klaren Grund: Als ich in Klasse fünf meinen Querflötenunterricht mit der Begeisterung begann, die damals nur ein Meister seines Fachs wie Ferenc Lászlo hervorrufen konnte, und meine Eltern diese Einstellung bei mir förderten, schien mein Weg vorgezeichnet. Leider folgten aber mehrere Lehrerwechsel, und als ich in Klasse acht bei Wolfgang Meschendörfer Unterricht nehmen durfte – meine Eltern hatten mir im Jahr davor eine teure Metallflöte für etwa das Dreifache eines damaligen Monatsgehalts gekauft – gab es viel aufzuholen. Nach einigen Monaten erklärte mir mein verehrter Lehrer in seiner unverwechselbaren Art: „Hans, ich weiß, dass du sicher bis zu fünf Stunden am Tag Flöte spielen könntest, aber das nicht jeden Tag ...“ Für diese Einschätzung bin ich bis heute dankbar, denn im Verlauf der Jahre stellte sich bald heraus, dass mir „Können“ viel lieber als „Üben“ war.

Mir wurde nachgesagt, dass ich als Kleinkind eher singen als sprechen konnte, und ich brachte aber meine Musikalität auch sehr früh mit meiner kleinen Mundharmonika in die Aufmerksamkeit meines Umfeldes.

Aber eigentlich wollte ich erzählen! Zu meinem Glück – und das ist nicht jedem Kind beschert – hatte ich in unserem pensionierten Nachbarn Georg Sander eine Art Ersatzgroßvater, einen sehr geduldigen Zuhörer. Der frühere Bierausfahrer pflegte am Nachmittag Pfeife rauchend auf dem Sofa zu lehnen und dann durfte ich mich zu ihm setzen und in der Mundart sprechen, die ich damals kannte: Stolzenburgerisch. Nachdem ich von all meinen Heldentaten erzählt hatte, fragte mich Herr Sander: „E Hanzi, äs daut ållent uch wöüer?“ (Er stammte aus Marpod.) Meine Antwort in Stolzenburger Mundart: „Na, däüt äs en Fantasie Hans Günter Seiwerth.“ Heute freut es mich als Liedermacher, einen erzählenden Gesang zu pflegen.

Im Kindergarten wurde viel gesungen, und ich wurde auch darstellerisch gefördert. Ich sehe heute noch, wie herzlich unsere Lenchentante (Mutter von Prof. Heinz Acker) lachte, als ich als Spatz im Handumdrehen der erstaunten Vogelhochzeitgesellschaft „die schönsten Bissen all“ verzehrte.

In der Schule auf der Kleinen Erde begann ich allmählich auch mein dürftiges Straßenrumänisch etwas zurechtzurücken – hauptsächlich über die Musik. Zwar verstand ich den Inhalt der obligaten Pionierlieder nur wenig, aber die Lebendigkeit der Melodien war gut genießbar.

Vom Volksliedersingen im Klassenverband hingegen zehre ich bis heute.

In meinem Elternhaus wurde viel gesungen. Mein Vater hatte eine gesegnete Tenorstimme, die er in der Kunstschule weiterbildete. Er war in den Chören der Stadt sehr begehrt. Eines Morgens stand Prof. Dressler in unserer Einzimmerwohnung, um meinen Vater aufzufordern, trotz dreier Schichten in der Bierfabrik an dem geplanten Konzert des Bachchores mitzuwirken. Außerdem hatte er in russischer Kriegsgefangenschaft die Gitarrenschule von Carulli auf Packpapier akribisch abgeschrieben, und sein Üben auf der Gitarre war mir interessant.

Meine Mutter hatte eine besondere Gabe, die einzelnen Lieder zu sekundieren, so dass meine drei Jahre jüngere Schwester und ich schon früh mit Elementen der Harmonie vertraut wurden. Der Kauf eines Klaviers – 5 000 Lei im Jahr 1962 (!) – war das Entscheidende in unserer frühen musikalischen Entwicklung. Ich ging damals in die dritte Klasse und hatte wenig Freude am Üben. Meine Eltern waren enttäuscht. Ein Jahr später sollte meine Schwester Marianne mit ihrem Eifer diese Enttäuschung auch über die Jahre hinaus ausbügeln. Sie studierte an der Klausenburger Hochschule für Musik das Fach Klavier.

Mich interessierte mehr Vaters Gitarrenschule, die ich trotz Verschluss aus der Schublade herausangeln konnte, was eine Zeitlang gut ging – bis meine beginnende Fertigkeit an der Gitarre offensichtlich wurde und der Privatunterricht im Klavier immer magerere Früchte brachte. Anfangs durfte ich ab diesem Zeitpunkt nur nach dem Klavierüben Gitarre spielen: Der Leser erkennt: Üben steht gegen Spielen. Und spielen konnte ich gerne auch auf der Flöte. Nach vier Jahren Unterricht hatten meine Eltern ein Einsehen und befreiten mich vom Klavierunterricht.

Dass ich ab der fünften Klasse den Flötenunterricht an der Musikschule erhielt – neben Instrumentalunterricht gab es wöchentlich auch zwei Stunden Theorie und später auch Musikgeschichte –, hatte den erfreulichen Nebeneffekt, dass ich vom regulären Schulchor auf der Kleinen Erde befreit war. Ich sollte mich noch siebeneinhalb Jahre lang vom Chorgesang mit Erfüllung und Genuss fernhalten können.

Während der Gymnasialzeit spielte ich noch drei Jahre Flöte (Kunstschule), Gitarre (autodidaktisch), Blechblasinstrumente in der Blasia, wo ich es unter Kurt Scheiner im Schuljahr 1971/1972 in Klasse 12 zum Primus musicus brachte. Diesem hoch verehrten Musiklehrer verdanke ich es, meine Chorsängerblockade gelöst zu haben.

Im März 1972, wenige Monate vor Bakkalaureat und Aufnahmeprüfung, fragte mich Meister Scheiner, ob ich nicht gewillt wäre, den zwei Jahre zuvor gegründeten Kammerchor bei einem Chorwettbewerb im Bass zu unterstützen. So lernte ich die ersten Madrigale kennen, und ich sollte mich von dieser Renaissance-Leidenschaft nie mehr erholen.

1972 erfolgte auch ein kurzer Abstecher in die Welt des Jazz, als ich beim Hermannstädter Jazzfestival in der Hermannstädter Dixieland-Band mit dem Sousaphon mitwirkte. Es blieb eine amüsante Einzelepisode.

Der Abschied von der Brukenthalschule, dem sich in alle Richtungen verteilende Freundeskreis, das neue Umfeld an der Hermannstädter Hochschule waren der Nährboden für die beginnende Liedermacherei. Anfangs sang ich Lieder von Reinhard Mey, dessen Texte mir mein Klassenfreund Georg Haiser von den einzelnen zugänglichen LPs eigenhändig in einem Textheft zusammentrug.

Mit einigen dieser Lieder erfolgte 1973 auch mein erster Auftritt in der Sendung in deutscher Sprache des rumänischen Staatsfernsehens. Es folgten meine ersten Eigenkreationen und im Verlaufe der Jahre blieb die „Liedermacherei“ bis heute in unterschiedlicher Intensität Teil meiner musikalischen Betätigung. In der Studentenzeit war sie – neben der ab 1974 bestehenden Gruppe, die heute „De Līdertrun“ heißt – der Schwerpunkt meines musikalischen Tuns.

Ich durfte als Vertreter der deutschen Minderheit sogar in Adrian Păunescus „Cenaclul Flacăra“ mit einem eigenen Lied über Krähen und Schwalben in deutscher Sprache zehnmal auftreten. Als die Symbolik durchzuschimmern begann, wurde ich aufgefordert, „ihre“ größtenteils patriotischen Texte zu vertonen, was ich ablehnte, worauf ich vor dem Konzert in „meinem“ Hermannstadt „mit Schimpf und Schande“ hinausgeworfen wurde. Ein darauf zufällig erfolgter kurzer Spaziergang mit Mircea Florian, der früher auch ein ähnliches Erlebnis hatte, brachte eine reinigende Wirkung mit sich.

In diesen Jahren sang ich gelegentlich auch in den damaligen Hermann­städter Kammerchören, aber den eigenen Durchbruch in dem Bereich erfolgte, als ich nach 1976 – da war ich schon im Lehramt tätig – an der Hermannstädter Uni einen Spiritual-Chor zu leiten bekam. Damals konnte ich doch nicht ahnen, dass ich keine fünf Jahre später den Chor leiten sollte, in dem ich selbst zum Chorsänger wurde.

In den heißen Julitagen des Jahres (1976) beendete ich mit der Verteidigung meiner Diplomarbeit über frühbronzezeitliche Steinkistengräber im Karpatenraum mein Geschichtsstudium (Zweitfach: Deutsch) und nach einem sechs Wochen langen Intermezzo bei Brad in den Westkarpaten folgten vier Jahre Unterricht an mehreren Hermannstädter Schulen. An einigen davon (z.B. an Nr. 6 oder Nr. 18) konnte ich Sing- oder Gitarrengruppen ins Leben rufen, bis ich ab dem Schuljahr 1980/1981 für die folgenden zehn Jahre an der Brukenthalschule tätig sein durfte, ohne Zweifel: meine erfülltesten Jahre. Zur 600-Jahrfeier erweiterte ich meine bereits bestehende Gitarrengruppe sowohl in ihrer Größe als auch ihr Repertoire, wobei mir Erfahrungen aus der Studentenzeit mit Einbringen urtümlicher folkloristischer Instrumentalklänge sehr von Nutzen waren.

Als nach dem Besuch des Bundespräsidenten Karl Carstens im Herbst 1981 der beliebte und hoch verehrte Chorleiter Kurt Scheiner – aufgrund seines Antrags auf Ausreise in die BRD – nicht mehr unterrichten durfte, übergab er uns in einem tief ergreifenden Moment seinen Chor: Genauer nach der Wiederholung des ganzen Empfangsprogramms des Bundespräsidenten als eine schulinterne Angelegenheit. Ich sagte „uns“, weil außer mir auch meine Frau Angela, als Musikhochschulabsolventin und erfahrene Sängerin im Klausenburger Studentenchor „Capella Transsilvanica“, mit der Betreuung des Chores beauftragt wurde. Wir führten die Tradition der Jahreskonzerte fort, auch wenn die Zensur immer schwerer zu umgehen war. Wir entschieden uns zur zweisprachigen Programmansage, konnten aber das Wesen des Chores in den 1980er Jahren erhalten.

Um die Verbindung zum Gründer des Kammerchors hervorzuheben, entschieden wir uns in Anlehnung an den Namen des in Deutschland von Kurt Scheiner gegründeten Chores „Madrigalchor Samuel von Brukenthal CANTORES CIBINIENSES ...“, bestehend größtenteils aus ausgewanderten Absolventen des „Bruk“, unseren Kammerchor unter dem Namen „Cantores juvenes“ zu führen. Unter diesem Namen spielten wir 1987 die LP „Stimmen der Völker in Liedern“ ein. Darauf war die erste Aufnahme von Ernst Irtels Chor-Komposition „Siebenbürgischer Elegie“ zu hören – Irtel selbst hörte sie noch kurz vor seiner Übersiedelung in die Bundesrepublik.

1988 folgte das Video „Chorfantasie“ mit Verfilmungen bestehender Plattenaufnahmen sowie neuer Werke, darunter Beethovens „Chorfantasie“. Eine Besonderheit mit viel Gesangsbegleitung waren die sommerlichen archäologischen Ausgrabungslager im dakischen Sarmizegetusa. Für mich war es der Ausgleich dafür, dass ich nicht Archäologe werden konnte, und für die Schülerschaft und alle anderen Beteiligten waren das unvergessene Stunden mit allabendlichem Musizieren unter dem Sternenhimmel über den dakischen Heiligtümern.

Die letzten zwei Jahre vor der Wende waren besonders bedrückend. Wir hatten die Ausreise beantragt und wir verdankten es den repräsentativen Pflichten, denen der Chor bei verschiedensten Empfängen nachzukommen hatte, dass ich noch einige Randstunden unterrichten durfte, nämlich Deutsch an den rumänischen Klassen, die es damals wieder im Brukenthal-Gymnasium gab.

1990, nach dem letzten Jahreskonzert, das ich dirigierte – es trug den symbolträchtigen Titel „Es ist ein Flüstern“ (Theodor Storm / Ernst Irtel) – wurde ganz am Schluss des Auftritts der Chor nach Österreich eingeladen. Wir fuhren gemeinsam los; der Chor mit Schulleitung und Lehrerkollegen sowie meine vierköpfige Familie. Wir erlebten eine wunderschöne Tournee und beglückende Gastfreundschaft – und trennten uns in Wien am 20. Mai 1990. Mit meiner Frau, unserem siebenjährigen Sohn und der dreijährigen Tochter ging es für uns weiter in Richtung Nürnberg zur Anmeldestelle für Spätaussiedler.

Seither trifft man sich immer wieder im „Hier“ oder im „Dort“ bei Ereignissen, die etwas mit meinem Werdegang hierzulande zu tun haben, mit der im Jahr 1992 wiedererstanden Gruppe „De Līdertrun“ oder mit meiner „Liedermacherei“ … eben mal im „Hier“ oder im „Dort“. Ach ja, in einem idyllischen Dorf am Fuße der Schwäbischen Alb gibt es einen kleinen Chor, dessen musikalisches Wirken und Wollen seit nunmehr drei Jahrzehnten dem tieferen Sinne meiner chorischen Ansprüche begegnet. Lassen wir es also weiterhin klingen – auf und entlang des Weges zu einem nächsten Ziel in diesen sich so schnell ändernden Zeiten.

Hans Seiwerth

Die CD „Im Spiegelbild ein Kakadu“ kann beim Autor, E-Mail: haan.seiwerth[ät]web.de, für zehn Euro, plus drei Euro Versand, bestellt werden. Der Erlös geht als Spende für Jugendarbeit an die Gesellschaft für deutsche Musikkultur im südöstlichen Europa (GDMSE).

Schlagwörter: Hegt wird gesangen, Lieder, Mundart

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