19. April 2006

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"Heim ins Reich" und was daraus wurde

Eine fundierte Darstellung über die Geschichte der Deutschen in Ost- und Südosteuropa ist das Buch von Ortfried Kotzian: "Die Umsiedler. Die Deutschen aus Bessarabien, der Bukowina, der Dobrudscha, Galizien, der Karpaten-Ukraine und West-Wolhynien" (= Studienbuchreihe der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat, Band 11), Langen Müller Verlag, München, 2004, 384 Seiten, Preis: 29,90 Euro, ISBN 3-7844-2860-6, das im Folgenden rezensiert wird.
Das hier zu besprechende Buch gehört zur Studienreihe in zwölf Bänden "Vertreibungsgebiete und vertriebene Deutsche", in der das Schicksal der rund 18 Millionen "Europäer deutscher Volkszugehörigkeit, die nach dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen seit 1939 ihre Heimat verlassen und zum Teil nach jahrelanger Deportation und Zwangsarbeit in den letzten Jahrzehnten des auslaufenden 20. Jahrhunderts die Urheimat ihrer Vorfahren wieder erreichen konnten". So im Vorwort des Herausgebers Professor Dr. Wilfried Schlau. Wir weisen darauf hin, dass Band 8 dieser Reihe, verfasst von Konrad Gündisch und Mathias Beer, sich mit den Siebenbürger Sachsen beschäftigt und kürzlich in einer Neuauflage erschienen ist.

Der Band von Ortfried Kotzian, auf den hier hingewiesen werden soll, verfolgt nicht nur das Umsiedlungsgeschehen, wie man dem Haupttitel entnehmen könnte, sondern präsentiert in übersichtlicher, gut strukturierter und fundierter Darstellung sowie in allgemein verständlicher Sprache die Vorgeschichte und das Nachkriegsschicksal der von der Umsiedlung betroffenen und hier genannten deutschen Volksgruppen. Der Band bietet also eine Geschichte der Deutschen aus West-Wolhynien, Galizien, der Bukowina (Buchenland), Bessarabien, Dobrudscha, Altrumänien, Bulgarien und der Karpatenukraine. In mehreren "Exkursen" erwähnt Kotzian zur Abrundung des Bildes über die allgemeine Umsiedlungsaktion auch die "West-Umsiedler" aus Südtirol, Elsass-Lothringen, Luxemburg, ferner die Umsiedlung der Deutschen aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Serbien und der Gottschee sowie aus dem Narewgebiet, dem Cholmer und Lubliner Land. Außerdem bezieht er in seine zusammenfassende Übersicht und Statistik über die Umsiedlung auch die Deutschen aus den baltischen Staaten, der Ukraine, der Krim und anderen Gebieten der Sowjetunion ein. Insgesamt wurden in den Jahren 1939 bis 1944 rund 910 000 Deutsche umgesiedelt.

Der Verfasser unterstreicht, dass das 20. Jahrhundert zum Weltflüchtlingsproblem wurde, dass Umsiedlungen, Flucht, Vertreibungen, Deportationen, Aussiedlungen, ethnische Säuberungen zu politischen Maßnahmen missbraucht werden, um ethnisch homogene Nationalstaaten zu schaffen. Die Initiative zu den Umsiedlungen der deutschen Volksgruppen aus Ost- und Südosteuropa, die verstreut als nationale Minderheiten unter anderssprachigen Staatsvölkern seit Jahrhunderten lebten und von denen hier die Rede ist, ging vom Reichsführer Adolf Hitler aus, der am 6. Oktober 1939 in einer Reichstagsrede sich dafür aussprach, die von Assimilierung bedrohten "unhaltbaren Splitter des deutschen Volkstums" ins Deutsche Reich umzusiedeln, "um auf diese Weise wenigstens einen Teil der europäischen Konfliktstoffe zu beseitigen".

Nachdem sich das Deutsche Reich und die Sowjetunion im so genannten Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 über die Aufteilung Osteuropas in Interessensphären geeinigt hatten, regelte nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ein zwischen den beiden Staaten abgeschlossenes Protokoll vom 28. September 1939 die "freiwillige Umsiedlung" deutscher Volkszugehöriger aus dem sowjetischen Interessengebiet. Bezüglich Rumänien hatte das Deutsche Reich im geheimen Zusatzprotokoll des Paktes vom 23. August 1939 sein "Desinteressement" an Bessarabien erklärt. So konnte die Sowjetunion 1940 mit deutscher Rückendeckung durch ein Ultimatum Rumänien zur Abtretung Bessarabiens und sogar der Nordbukowina zwingen. Dadurch wurden auch die dort lebenden Deutschen in das Umsiedlungsprogramm "Heim ins Reich" aufgenommen.

Aufgrund von Verträgen erfolgte die Umsiedlung von Deutschen aus Estland, Lettland, Ostgalizien, Wolhynien (1939), Bessarabien, dem Cholmer Land, der Dobrudscha, Nord- und Südbukowina (1940), aus Litauen (1941), Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina, der Gottschee und Bulgarien (1942). Aus der Ukraine, Weißrussland, aus dem sowjetischen Schwarzmeergebiet und dem Ingermanland um Leningrad wurden die deutschen Volksangehörigen von der deutschen Wehrmacht bei ihrem Rückzug evakuiert und nach Deutschland umgesiedelt.

Bei der Umsiedlung wurde zwar seitens des reichsdeutschen Umsiedlungsapparats propagandistischer Druck ausgeübt, sie erfolgte aber letztendlich meist freiwillig. Man kann Gotthold Rhode, den Kotzian zitiert, zustimmen: "Die schwerwiegende Bedeutung dieses Verlassens alter Heimatgebiete wurde überdeckt durch das Bewusstsein, der unausweichlich erscheinenden sowjetischen Herrschaft zu entrinnen, und durch die fast mystische Verehrung, die ‚das Reich' bei den verstreut in großer Entfernung siedelnden Auslandsdeutschen genoss."

Die Umsiedlung der Deutschen aus der Südbukowina und der Dobrudscha erfolgte aufgrund eines Vertrages mit Rumänien. Obwohl sie sich nicht im sowjetischen Einflussbereich befanden, akzeptierten sie, wie Kotzian ausführt, dennoch die Umsiedlung ins Reich, weil sie sich in ihrer ethnischen Existenz gefährdet sahen und sich die armen Bauern der Dobrudscha eine Verbesserung ihrer Existenz in Deutschland erhofften. Den drei erwähnten rumäniendeutschen Volksgruppen, vor allem den Buchenlanddeutschen, widmet der Verfasser den größten Raum, war er doch mehrere Jahre Direktor des Bukowina-Instituts in Augsburg.

Der Transport der Umsiedler erfolgte mit Trecks, der Eisenbahn und per Schiff auf der Donau. Sie landeten zunächst in Auffanglagern der Volksdeutschen Mittelstelle. Dort erfolgte eine Auslese und dann die Neuansiedlung. Die Neusiedler waren enttäuscht, als sie feststellten, dass sie nicht geschlossen im eigentlichen Deutschen Reich, sondern hauptsächlich auf Höfen enteigneter polnischer Bauern in Danzig-Westpreußen, im Warthegau und Generalgouvernement angesiedelt wurden. Durch die Ansiedlung der Volksdeutschen in den "eingegliederten Ostgebieten" Polens sollten diese Landstriche eingedeutscht werden. Doch schon Ende 1944 und Anfang des Jahres 1945 mussten die Neusiedler flüchten, oder sie wurden vertrieben. Jene, welche die Rote Armee einholte, wurden nach Russland zur Zwangsarbeit deportiert. Umsiedler, die sich bei Kriegsende in den sowjetischen Besatzungszonen Deutschlands oder Österreichs und in Mähren und Böhmen befanden, wurden zum Teil in ihre Herkunftsländer zwangsrepatriiert, dort in Arbeitslager interniert oder in die Weiten der Sowjetunion deportiert.

In den Westzonen bzw. in der Bundesrepublik bauten die gestrandeten Umsiedler Einrichtungen zum kirchlichen und landsmannschaftlichen Zusammenhalt auf. Es entstanden zunächst evangelische "Hilfskomitees im Hilfswerk der EKD" sowie Zusammenschlüsse in der "Caritas - Vertriebenen- und Flüchtlingshilfe" und später landsmannschaftliche Verbände sowie kulturelle Einrichtungen zur Pflege des ostdeutschen Kulturerbes. Sie bestehen auch heute noch und werden im vorliegenden Buch erfasst.

Ein Teil der Umsiedler wanderte in die USA, nach Kanada und nach Südamerika aus. In den ehemaligen Heimatländern leben heute nur noch Reste der deutschen Bevölkerung, die sich bemühen, deutsches Leben mit humanitärer Hilfe ihrer Landsleute aus dem Westen und mit Mitteln der Bundesrepublik am Leben zu erhalten. Auch darüber informiert der Band von Kotzian.

Dem an weitergehender Forschung Interessierten wird ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis geboten. Karten der Umsiedlungsgebiete und der Umsiedlung sowie ein aufschlussreiches Personenregister ergänzen die Ausführungen.

Michael Kroner

Schlagwörter: Rezension, Vertriebene und Aussiedler

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