27. November 2006

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Cronen - die malerische Stadt

Muss nicht jede Aussage über das Oeuvre von Juliana Fabritius-Dancu mit einem Hymnus anheben? Die Malerin, Ethnographin und Kunsthistorikerin (1930-1986) hat in einmaliger Weise das kulturelle Erbe der Siebenbürger Sachsen dokumentiert, sie hat das Bild der Städte und Dörfer in leuchtenden Aquarellen und detaillierten Federzeichnungen festgehalten und mit sachkundigen Texten erläutert – die Bausubstanz der Kirchenburgen wurde zu einem ihrer wichtigsten Themen – daneben hat sie in hunderten von Trachtenbildern den Farbenreichtum unseres Brauchtums präsentiert und sie hat als Publizistin Bücher übersetzt, illustriert und veröffentlicht.
Am 21. Januar 1930 in Hermannstadt als Tochter eines Architekten geboren, hatte sie einen wachen Blick für die selbst gestellten Aufgaben. Dies zeigte sich in frühen Arbeiten, beispielhaft dann aber im großformatigen Text- und Bildband „Spaziergang durch Alt-Hermannstadt“, dessen Aquarelle zügig gemalt und durch Texte mit einer Fülle stadtgeschichtlichen Wissens angereichert sind.


Ähnlich diesem 1983 in Hermannstadt erschienenen Werk wollte Juliana Fabritius-Dancu auch Bildbände über Kronstadt und über weitere siebenbürgisch-sächsische Städte herausgeben. Als Verfasserin für das Projekt Kronstadt hatte sie die Historikerin Dr. Maja Philippi (1914-1993) um deren Mitarbeit ersucht; Malerin und Historikerin haben das Projekt in der ersten Hälfte des Jahres 1985 besprochen und unverzüglich zu malen und zu schreiben begonnen. Größte Schwierigkeiten stellten sich in Bukarest, Hermannstadt und Kronstadt damals dem Projekt in den Weg; der Tod beider Frauen verhinderte schließlich das Erscheinen.

Nun ist es Hansgeorg von Killyen als Herausgeber geglückt, das Werk „Alt-Kronstadt“ doch herauszubringen. Er berichtet dazu in seinem Vorwort: Der vorliegende Bildband ... geht auf eine Initiative aus dem Jahre 2000 zurück, als nach dem Ankauf der 28 Originale durch das Siebenbürgische Museum in Gundelsheim/Neckar diese Kunstwerke für die Öffentlichkeit zugänglich wurden. Von den 50 Bildern von Kronstadt, die Juliana Fabritius-Dancu zum größten Teil 1985 anfertigte, stehen uns nur die 28 im vorliegenden Band enthaltenen zur Verfügung. Über den Verbleib der 22 anderen Aquarelle ist uns bislang leider nichts bekannt.

Juliana Fabritius-Dancu auf dem Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl, 1984. Foto: Konrad Klein
Juliana Fabritius-Dancu auf dem Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl, 1984. Foto: Konrad Klein
Dass die abhanden gekommenen Aquarelle besonders kennzeichnende Objekte darstellen dürften, lässt sich nur vermuten: in Briefwechsel und Nachlass sind noch keine Hinweise darauf gefunden worden. Aber Maja Philippi hatte Tipps für bedeutsame Darstellungen gegeben. So schrieb sie am 7. Oktober 1985 an Juliana Fabritius-Dancu: Das Schwierige bei Kronstadt im Vergleich zu Hermannstadt ist die Tatsache, dass durch den Brand von 1689 so viel zerstört wurde, also die bestehende alte Substanz viel geringer ist. Und auch aus ihrem Buch „Kronstadt. Historische Betrachtungen über eine Stadt in Siebenbürgen“ (1996, Bukarest/Heidelberg) lässt sich erkennen, wie wichtig ihr kultur- und stadthistorische Motive waren, z. B. die Wiedergabe des Wappens von Kronstadt. Es findet sich, 1545 in Stein gehauen, über dem Eingangsportal zum Apollonia-Hirscher-Haus, es findet sich als Renaissanceskulptur über dem Torbogen des Katharinentors und natürlich am Alten Rathaus.

Ebenso wichtig waren Maja Philippi die Bildhauerarbeiten an der Schwarzen Kirche, z.B. die Figuren an den zwölf Strebepfeilern des Chors. Keines dieser Motive findet sich unter den für diesen Bildband verbliebenen Aquarellen; wer auch immer die Originale an sich genommen hat: er hat gut ausgewählt! – Briefe und Nachlass sind unter dem Titel „Projekt Alt-Kronstadt“ im Archiv des Siebenbürgen-Instituts in Gundelsheim (Signatur BI 75, Band VI) archiviert, sie lassen erkennen, wie lebendig und erfüllt die Zusammenarbeit war. So schreibt Juliana Fabritius-Dancu am 8. September 1985 an Maja Philippi: Inzwischen habe ich nach Cronen [gemeint ist Kronstadt] auch die restlichen Städte verewigt: Reps, Schäßburg, Mühlbach, Bistritz ... Ob ich in diesem Herbst noch einmal nach Cronen kommen werde, ist ungewiss, ... vielleicht im Oktober, zur Herbstfärbung.

Juliana Fabritius-Dancu, Motiv in Kronstadt mit Rathausturm und „Dunklem Gang“. Aquarell, 1985 (Ausschnitt).
Juliana Fabritius-Dancu, Motiv in Kronstadt mit Rathausturm und „Dunklem Gang“. Aquarell, 1985 (Ausschnitt).

Die Autorinnen waren sich dessen bewusst, dass sie unter Zeitdruck standen. Das diktatorische Regime hatte bereits damit begonnen, mancherorts im Zuge der so genannten Systematisierung die alte Bausubstanz einzureißen. In Kronstadt waren die alten Bauernhäuser in Bartholomä (die Langgasse und Mittelgasse) besonders bedroht. – So ist auch die Hast zu verstehen, die in manchen Aquarellen von Juliana Fabritius-Dancu deutlich wird. Das Bild „Schwarze Kirche vom Roßmarkt gesehen“ ist in den Proportionen verunglückt, die Turmspitze kopflastig, einige Konturen verzeichnet. Vermutlich hätte die Malerin dieses Bild nochmals gefasst. Doch dazu blieb ihr nicht mehr die Zeit. Am 23. März 1986 schrieb sie an Maja Philippi: „Ich bin leider sehr krank.“ Von einer unerbittlichen Krankheit wurde sie am 7. August 1986 dahingerafft. – Die Einleitung zu dem damals geplanten Werk schrieb Maja Philippi, es ist einer der schönsten Texte über Kronstadt; er ist mit Widmung an die Malerin im soeben erschienenen Bildband veröffentlicht.

Ein Beitrag zum außergewöhnlichen Leben und Wirken von Juliana Fabritius-Dancu stammt von Rohtraut Wittstock, die der Künstlerin freundschaftlich verbunden war. Dieser Text nimmt von der ersten Zeile an gefangen: er stellt die Vermittlung des siebenbürgisch-sächsischen Kulturerbes als Lebensaufgabe bekenntnishaft dar.

Die 28 Aquarelle von Juliana Fabritius-Dancu sind dies zu Entdeckungen führende Thema, wobei die zugeordneten Texte von Gernot Nussbächer überraschend viel Neues vermitteln. Der kenntnisreiche Archivar informiert nicht nur über stadtgeschichtliche Details, er führt seine Erläuterungen bis in die Gegenwart, bis 2006, fort. Damit wird der Bildband zum lebendigen Zeitbild. Auch Geschehnisse, die sich kürzlich erst vollzogen haben, werden genau beschrieben, so z. B. die Bemalung der Turmuhren der Schwarzen Kirche, die unter Leitung von Architekt Ullrich Keicher durch die hervorragende Restaurierungswerkstatt von Reiner Neubauer erfolgte.

Ausgewählte Literaturangaben schließen den in Hermannstadt auf schweres Kunstdruckpapier gedruckten Groß-Oktav-Band ab.

Wie hätte die Malerin beim Erscheinen reagiert? Vermutlich impulsiv und in hochfahrendem Zorn! Sie hätte die Farbbogen dem Drucker um die Ohren geschlagen – obwohl der im fernen Hermannstadt am wenigsten dafür kann, dass die Farben von denen der Originalaquarelle abweichen. Er war von Herausgeber und Verlag alleingelassen, ein Vergleich zur Farbjustierung war ihm nicht möglich.

Aber der Bildband ist da! Wir wollen den Hymnus auf Juliana Fabritius-Dancu mit höchstem Lob ausklingen lassen und allen, die am Erscheinen mitgewirkt haben, danken!

Hermann W. Schlandt

Alt-Kronstadt. Bilder einer Stadt. Aquarelle von Juliana Fabritius-Dancu. Vorwort von Hansgeorg von Killyen. Beiträge von Maja Philippi, Rohtraut Wittstock, 28 Farbbilder mit Texten von Gernot Nussbächer, ein Briefwechsel zur Entstehungsgeschichte der Aquarelle und eine Schwarz-Weiß-Reproduktion nach einem Selbstbildnis von Juliana Fabritius-Dancu. Herausgeber: Hansgeorg von Killyen und Karl Dendorfer. Johannis Reeg Verlag, Heilbronn, 2006, kartoniert, 80 Seiten, 13,00 Euro, ISBN 3-937320-34-2, zu bestellen im Buchhandel oder SiebenbuergeR.de-Shop

Schlagwörter: Rezension, Malerei, Kronstadt

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