27. Dezember 2012

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Ergebnisse der Umfrage der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien

Die Siebenbürgische Zeitung bittet ihre Leser immer wieder, sich an Umfragen zu beteiligen. So tat sie es auch im Hinblick auf eine Studie, die die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien durch Pfarrer Stefan Cosoroabă durchführte, um ihr Profil und ihre Zukunft besser definieren zu können. Die Ergebnisse der Umfrage liegen nun vor und können unter http://umfrage-kirche-siebenbuergen.de/ eingesehen werden. Sie sind die Radiographie einer Gemeinschaft, die sich mitten in einem Transformationsprozess befindet. Einerseits freuen hohe Werte der Heimatverbundenheit 72 Prozent der Teilnehmer. Andererseits stimmt es nachdenklich, dass unter den 498 Siebenbürger Sachsen, die an der Umfrage teilgenommen haben, lediglich 17% jünger als 40 Jahre sind.
Der Ausgangspunkt der Umfrage ist für die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien der mühevolle Prozess der Zukunftssuche. Zukunft ist nicht selbstverständlich. Nach dem großen Exodus ist die Heimatkirche mit zu wenig Menschen und zu vielen Aufgaben zurückgeblieben. Heute, zwanzig Jahre nach der Wende, merkt man es mehr denn je, dass bloßes Weitermachen nicht ausreicht, um das Leben in den Gemeinden zu bewahren. Allerdings stellt man auch fest, dass nicht alles verloren ist und sich immer wieder überraschende Wege auftun. Aussiedelung ist nicht mit Abschreibung gleichzusetzen, denn als Volk kann man auch über die früheren Grenzen hinweg leben. Kann man das aber auch als Kirchenvolk, besonders da in Deutschland andere evangelische Kirchen zu Hause sind? Positive Zeichen wurden von hüben und von drüben, von Einzelpersonen und Institutionen gegeben, dass zusammenwachsen muss, was zusammen gehört. Nicht zuletzt mit der Bitte um Vergebung, öffentlich ausgesprochen von Bischof Reinhart Guib am Pfingsttag 2011 in Dinkelsbühl, hat die Heimatkirche gezeigt, dass sie es ernst meint mit der Annäherung der gegenwärtigen und der gewesenen Gemeindeglieder. Dieses geschieht nicht mit dem Ziel, eine administrative Gemeinschaft zu gründen, sondern vielmehr um die geistige Gemeinschaft wiederherzustellen.

Zu diesem Zeitpunkt entschied sich die Leitung der Heimatkirche, das Leben und den Glauben der ehemaligen Gemeindeglieder zu erforschen. Zu viele Parolen waren bisher von allen Seiten ausgegeben worden, zu vieles wurde als selbstverständlich angenommen, ohne es zu hinterfragen. Das alles zeigt aber bloß, wie tief die Betroffenheit – besonderes derer, die in Siebenbürgen geblieben sind – ist. Mit jeder Kirche, die verwüstet wird, und mit jedem Pfarrhaus, das verweist, vertiefen sich die Fragen nach Sinn und Zweck von Gemeinschaft und auch persönlichem Leben in Siebenbürgen. Deshalb wollte die Heimatkirche wissen, wie die Ausgesiedelten zu ihr und zu ihrer Zukunft stehen. Eine bekannte afrikanische Weisheit sagt, dass man einen Menschen erst versteht, wenn man hundert Meilen in dessen Schuhen gegangen ist. Nach diesem Prinzip sandte die Kirchenleitung den Schreiber dieser Zeilen, Pfarrer in Michelsberg und Dozent an der Theologischen Fakultät, nach München, um das Leben und den Glauben der ehemaligen Gemeindeglieder zu erforschen. Doch eine wissenschaftliche Studie ist das eine, das existentielle Verstehen das andere. Im Laufe des vergangenen Jahres wurde beides kombiniert. Für die wissenschaftliche Studie stand das Soziologische Institut der Ludwig-Maximilians- Universität München mit Rat zur Seite, die existentielle Seite wurde durch Interviews, Gespräche, aber auch vom Mitleben und Erleben gespeist.

An die Öffentlichkeit traten wir mit der Bitte um die Beantwortung eines Fragebogens heran. Wir versprachen, die Ergebnisse bekannt zu geben. Dieses geschieht hiermit. Dankenswerterweise wurden die gesammelten Daten von dem Umfrageinstitut IRSOP, durch dessen erfahrenen Direktor Dr. Peter Datculescu aufgearbeitet. Da die Teilnehmer über die verschiedenen Verbände und Netzwerke der Siebenbürger Sachsen auf die Umfrage stießen, gelten alle Aussagen unter dem Vorbehalt, dass die Resultate sicher nicht für die Gesamtheit der Ausgesiedelten repräsentativ sind. Allerdings bieten sie gute Tendenzaussagen über die, die sich zu der Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen zugehörig fühlen.

Zu Tage trat – ohne aber groß zu überraschen –, dass die Siebenbürger Sachsen mitten in einem Identitätswandel sind. Die Muster, die sie von zu Hause mitgebracht haben, haben sich für viele gewandelt, aber dann doch nicht für alle. Die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien, als Heimatkirche, gehört in der Geschichte (96%) und der persönlichen Biographie (73%) zu den identitätsstiftenden Faktoren. Sie konnte deshalb von den Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland nicht automatisch ersetzt werden. Dieser Letzteren wird ebenfalls eine hohe Wertschätzung entgegengebracht (79%), allerdings bei sehr geringem Engagement (36%) oder persönlicher Nähe (32%). Und jeweils die Hälfte der Befragten wünscht sich kirchlich die volle Integration (41%) in die neue Gemeinde oder, ganz entgegengesetzt, die klare Berücksichtigung der siebenbürgisch-sächsischen Identität (43%). Diese Zweiteilung hält sich in einigen Bereichen durch, was vielleicht erklärt, warum manchmal so heftig gestritten wird. So ist zum Beispiel auch die Option der Rückkehr nach Siebenbürgen zweigeteilt. Die eine Hälfte lehnt es ab, auch nur darüber nachzudenken (51%). Die andere Hälfte will überlegen.

Und nun die gute Nachricht: Die Mehrheit der Ausgesiedelten fühlt sich in Deutschland bestens integriert (93%), und damit kann die Aussiedlung als gelungen bezeichnet werde. Da kann eine Kirche, sei es auch die Heimatkirche, dafür nur dankbar sein, dass ihre Mitglieder ihren Platz im Leben gefunden haben. Wie weh die Aussiedlung den „unten Gebliebenen“ auch getan haben möge und wie schwer der Erhalt des Kulturerbes dadurch wird, so müssen wir als Kirche uns doch freuen, dass es den uns anvertrauten Menschen gutgeht. Aber es gibt auch den anderen Teil, diejenigen, die ihre Identitätsmuster, ihre siebenbürgisch-sächsische Prägung, weiterleben möchten. Das hat nicht mit Schwäche oder Unfähigkeit zu tun, sondern damit, dass unsere Landsleute ihre Wesensart als wichtig erachten. Und für diese kann und will die Heimatkirche in besonderer Weise präsent sein, soweit ihre Kräfte reichen. Dass Siebenbürgen nicht vergessen ist, zeigt die starke Heimatverbundenheit eigentlich aller. Drei Viertel sehen sich verbunden (72%), davon ein gutes Drittel sogar sehr verbunden (40%). Das wird nicht nur gefühlt, sondern auch gelebt. Die gleichen drei Viertel (72%) sind in den letzten fünf Jahren drei Mal oder mehrmals in Siebenbürgen gewesen. Jeder Vierte ist mindestens einmal im Jahr dort. Allerdings wird die Verbindung von Tag zu Tag abstrakter, die höchsten Werte erzielt die allgemeine Bindung an Landschaft und Kultur (57%) und an die Gräber (52%). Aber immerhin, ein Teil hat ganz handfeste Gründe (27%), wie Besitz oder Aufgaben, für das Pendelverhalten.

Neugierig geworden? Hoffentlich. Danke für das Mitwirken. Aufgrund dieser Ergebnisse kann die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien nun ihre Optionen und Möglichkeiten abwägen. Sie kann und muss im Rahmen der grenzüberschreitenden Gemeinschaft für die Zukunft arbeiten.

Stefan Cosoroabă

Schlagwörter: Kirche und Heimat, Siebenbürgen, Umfrage

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