1. November 2006

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Auswirkungen des Ungarn-Aufstandes 1956 auf das Banat

Die ungarischen Aufständischen von 1956 waren sich nicht bewusst, dass ihre Revolution letztlich zum Untergang der Sowjetherrschaft führen würde, während sie nur für ihre eigene Freiheit zu kämpfen glaubten. Die kommunistischen Nachbarstaaten dagegen sahen die drohende Gefahr sofort. Deshalb wurde zeitgleich auch in Rumänien eine militärische Gegenbewegung ins Leben gerufen. Ein Zeitzeugenbericht von Walter Klemm:
Beim Lesen dieser Tage in der Tagespresse über den 50. Jahrestag des Aufstandes der Ungarn gegen die Sowjetunion, kommen Erinnerungen hoch, die kaum aufgearbeitet wurden. Über die Auswirkungen dieser ungarischen Tragödie, zeitgleich in ihrem Ablauf im benachbarten Rumänien, ist bisher meines Erachtens kaum etwas geschrieben worden.

Spontan fällt mir dazu ein, wie ich Ende Oktober 1956 ahnungslos und uninformiert über das Tagesgeschehen im Ausland, an einem Sonntagmorgen per Eilzug aus Reschitza (Reşiţa) nach Temeswar (Timişoara) fuhr. Als Bau-Hilfsarbeiter einer Hochspannungs-Trafostation für das neue Stahlwerk in Reschitza beschäftigt, lebte ich als 17-Jähriger Absolvent des Brukenthal-Lyzeums fern der Heimat. Per Post hatten wir mit dem Klassenkameraden Conradt H. ein Treffen an einem Oktobersonntag in Temeswar vereinbart. Der Freund studierte Mathe-Physik an der dortigen Hochschule und war Mitglied der Studenten-Turnauswahl der Stadt. Ich sollte ihn vom Studentenwohnheim abholen und mit ihm Turnwettkämpfe besuchen. Die Polizei hatte das Wohnheim hermetisch abgeriegelt. Warum, das wusste ich nicht. Die Studenten standen unter Hausarrest. Dem Freund konnten wir nur zu seinem Fenster im 5. Stock etwas zurufen. Irgendwie verbrachte ich den freien Sonntag in der Hauptstadt des rumänischen Banats und fand mich abends auf dem Hauptbahnhof zur Rückfahrt per Schnellzug nach Reschitza ein.

Nachts erreichten wir unser Ziel. Der gesamte Zug wurde umzingelt und alle Aussteigenden wurden von Polizei und Militär aufgefordert, auf bereitstehenden PRAGA-Militär-LKW rittlings auf Bänken Platz zu nehmen. Es mögen an die 300 Mitreisende gewesen sein, die da nachts zur Polizei gefahren wurden. Dort wurde jeder Einzelne nach dem Woher und Wohin gefragt und seine Personalpapiere geprüft. Weil meine provisorische Aufenthaltsgenehmigung (viză de flotant) im Personalausweis fehlte, musste ich die restliche Nacht in Polizeigewahrsam verbringen. Aus dieser misslichen Lage konnte mich tags darauf nur der Leitende Bauingenieur meiner Baufirma befreien.
Im Rückblick hatten wohl die damaligen Behörden eine Heidenangst vor einem Überschwappen der Revolutionsgedanken aus dem kämpferischen Ungarn und versuchten die Studenten in Temeswar zu isolieren, die Arbeiter in Reschitza zu kontrollieren und in Schach zu halten.

Walter Klemm


Schlagwörter: Zeitgeschichte, Ungarn

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