Die alte Mühle



Der Alt-Mühlgraben ist ein Bach, der aus dem rumänischen Dorfe "Gesäß" herunterfließt, den Lechkircher Hattert von dem Alzener trennt und sich in den Harbach ergießt. An diesem Bach soll einmal eine Mühle gewesen sein, in der Gespenster ihr Unwesen trieben, hauptsächlich aber in der Neujahrsnacht. Da hörte man um Mitternacht im Wasser und auf dem Dach läuten. Selten hielt es ein Müller länger als ein Jahr aus. Aus Alzen wollte schließlich keiner mehr die Mühle pachten. So kam es, daß der letzte Müller ein Rumäne aus Eulenbach war, welcher sie übernahm, weil man ihm alle Unheimlichkeiten verheimlicht hatte. Gar bald merkte jedoch auch dieser, daß es in der Mühle und um diese herum nicht mit rechten Dingen zugehe, doch hielt er ein Jahr aus. In der Neujahrsnacht wurde das Läuten immer heftiger, so daß ihn große Angst befiel und er in größter Eile seine Sachen zusammenpackte und noch ehe die Gespensterstunde vorüber war, über den Berg Eulenbach zu wanderte. Am Neujahrsmorgen war die Mühle verschwunden, nicht eine Spur, wo sie gestanden, war geblieben, doch der Bach führte ruhig sein Wasser dem Harbach zu als ob er nie etwas Größeres geleistet hätte. Der Name Alt-Mühlengraben ist ihm geblieben und auch das Feld, wo die alte Mühle einst gestanden, heißt "bei der alten Mühle", doch die Gespenster haben die Ruhe nicht gefunden. Wenn nur möglich, vermeidet man um Mitternacht diese Stelle. Einmal kam ein Mann aus Burgberg und hatte den kürzeren Weg über Gesäß gewählt. Als er am Graben entlangging, wurde es schnell so dunkel, daß er froh war, vor sich jemanden, wie er meinte, mit einer Laterne zu sehen. "Freund, seid ihr auch von Alzen?" rief er, erhielt jedoch keine Antwort, doch schien die Gestalt, die er aber nicht sehen konnte, mit dem Licht eine bejahende Bewegung zu machen. Er lief also um sie einzuholen, er lief stundenlang und immer blieb die Entfernung dieselbe, schließlich wußte er nicht mehr, wo er war und mußte nun dem Licht folgen, ob er wollte oder nicht. Unter seinen Füßen wurde es immer nasser, er watete im Wasser bis an die Knie und konnte nicht herauskommen. Endlich vermischte sich das eine Licht mit mehreren, ihm aber ging ein anderes auf: er hatte sich von einem der alten Gespenster irreführen lassen, immer im Graben entlang und dann weiter in den Harbach bis an's Zigeunerdorf. Glücklicherweise waren diese noch nicht Ziegelmachen nach Hammersdorf gegangen, wie sie es alljährlich tun, sondern saßen noch an dem Herd und schürten das Feuer, das dann auch diesen Irregeführten erlöste.

Quelle: Siebenbürgische Sagen, Herausgegeben von Friedrich Müller 1857, 1885; Neue erweiterte Ausgabe von Misch Orend, Göttingen, 1972, Nr. LXXV., S. 76

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