Die guten Augentropfen

Er war ein stattlicher Mann, groß, kräftig, mit einem leicht gezwirbelten Schnurrbart. Man sah ihn nie in Eile, wenn er gemütlich durch das Dorf ging. Meist grüßte er mit einem freundlichem Lächeln, aber hinter diesem Lächeln verbarg sich ein Schalk, und mancher Tekeser musste gelegentlich eine seiner ironischen Bemerkungen einstecken. Dem einem oder anderen hat er auch einen Schabernack gespielt, über den man sich im Dorfe längere Zeit amüsiert hat.
Dieser Mann war Georg Filippi, von Beruf Bauer und nebenbei ein tüchtiger Fleischhauer. Er besaß auch zwei Pferde und bediente gelegentlich manche Herrschaften aus Tekes als Fuhrmann, in das 18 km entfernte Städtchen Reps oder auf den Bahnhof Reps oder Schirkanyen.
Als Herr Filippi eines Tages sich mit dem Pferdewagen dem Dorfende näherte, saß die alte, sagen wir „Lüekesnina" (Frau Lutze) vor dem Türchen und nähte. Trotz ihrer schlechten Augen erkannte sie Herrn Filippi, und wie das im Dorfe so üblich war, rief sie ihm zu: „Wör fierst te, esi harresch ugedün, he Getz?"
Freundlich sagte er ihr, dass er nach Reps fahre, um dort etwas Wichtiges zu erledigen. Sie bat ihn anzuhalten und fragte ihn, ob er ihr aus der Apotheke ein Fläschen Augentropfen mitbringen wolle. Er versprach ihr, die Augentropfen zu kaufen. Schnell holte sie ein Fläschchen und ein vergilbtes Rezept und übergab sie Herrn Filippi. Der Tag verging und als gegen Abend Herr Filippi aus Reps zurückkehrte, stand die Lüekesnina vor dem Türchen und wartete auf die von der Weide heimkehrenden Büffel.
Als Herr Filippi sie erblickte, fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, die Augentropfen zu kaufen. Noch war er an der Tränke (der „Ziep"), von der mehrere am Straßenrand im Dorf standen, nicht vorbeigefahren. Schnell lenkte er die Pferde zur Tränke, und während diese ruhig tranken, stieg er vom Wagen, holte aus der Tasche schnell das Fläschchen und füllte es mit dem klaren und kühlen Wasser aus dem Leitungsrohr.
Vor dem Haus der Lüekesnina hielt er an, und sie kam zum Wagen, nahm die Augentropfen, dankte herzlich und fragte, was sie gekostet hätten. Sich statt der Augentropfen das Tekeser „Ziepenwasser" bezahlen zu lassen, das konnte Herr Filippi doch nicht über sein Herz bringen. Er meinte, die Tropfen hätten so wenig gekostet, dass es der Mühe nicht wert sei, ihm etwas zu zahlen. Die Lüekesnina nahm dies großzügige Angebot an, denn sie war überzeugt, dass der Getz ein guter Mensch, und gleichzeitig auch nicht einer von den ärmsten sei.
Als nach einigen Tagen Herr Filippi wieder an dem Haus der Lüekesnina vorbeifuhr, diesmal aber aufs Feld und nicht nach Reps, beschlichen ihn doch gemischte Gefühle, als er die Lüekesnina vor dem Türchen sah. Diese rief ihm aber freundlich zu: „He Getz, te host mer en sier grießen Dänst erwisen. Saint ich de Tropen nien, sahn ich wedjer vil beßer." Herr Filippi lächelte freundlich, und bei sich dachte er vielleicht, wenn das Tekeser „Ziepenwasser" bei allen Krankheiten und allen Menschen solch eine Wunderwirkung haben würde, könnte man damit ein gutes Geschäft machen. Es hat das nicht getan. Es blieb bei dem einzigen medizinischen Wunder.
Aber bei einem Gläschen Schnaps im „Letschef" (Wirtshaus) hat Herr Filippi diese Begebenheit erzählt, und die Tekeser hatten eine neue Geschichte über die sie lachen konnten, und deren Urheber wieder einmal der „Krastelsgetz" war.

Erwin Thot (Nach der Überlieferung von Edith Melchior)

(Beitrag im „Heimatblatt der HOG“, Ausgabe 4, April 1999)

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