Eine Heltauer Weihnachtsgeschichte

Es ist Heiliger Abend 1962, in Heltau, Siebenbürgen. Die Glocken ertönen feierlich von dem hohen, alten Heltauer Kirchenturm, man hört sie in der ganzen Stadt. Sie rufen die Menschen herbei, die strömen von allen Straßen: Marktgasse, Pfaffengasse, Hintergasse, Langgasse, Gräfengasse…, um einen Platz in der Kirche zu erhalten. Eine Mutter mit ihren zwei Kindern, einem Jungen, sechs Jahre alt, und einer Tochter, drei Jahre alt, betreten gerade den Haupteingang der Heltauer Kirchenburg, ein langgezogener Tunnel, dunkel, aber nicht unheimlich, sondern vertraut. „Kit schnieller, sonst bekin mer nichen Platz“, fordert die Mutter. Sie betreten die Kirche durch den Nebeneingang, so kommen sie schneller in die Nähe des großen Tannenbaumes. Er ist sehr schön geschmückt, mit roten Äpfeln und aus Stroh gefertigten Sternen. Die Kerzen sind in vier großen Eisenringen, stufenförmig um den Weihnachtsbaum befestigt. Die Kinder wollen nah am Weihnachtsbaum sein. Die Mutter findet einen Platz in der ersten Reihe, nimmt die beiden Kinder auf den Schoß. Der Gottesdienst beginnt: Die Orgel spielt das Lied „Vom Himmel hoch da komm ich her“. Die Gemeinde erhebt sich, als die beiden Pfarrer die Kirche betreten. Der Stadtpfarrer erblickt die Mutter mit ihren zwei Kindern, nimmt spontan das kleine Mädchen mit und hält es auf dem Schoß, die Kleine strahlt. Ob sie den Herrn Pfarrer als Vaterersatz sieht? Die kleine Familie hat nämlich kurz vor Weihnachten einen schweren Schicksalsschlag verkraften müssen, der Vater und Ehemann ist Anfang Dezember verstorben. Die Heltauer Liedertafel singt das Lied „Es ist ein Ros entsprungen“. Anschließend erscheint ein Engel mit Flügeln, blondem, langem Haar, in dem eine goldene Kette befestigt ist, daneben steht die Krippe mit dem Jesuskind. Der Engel verkündigt die frohe Botschaft: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ (Lukas 2,10-11) Das zweite „Engelein“ so niedlich und klein, in einem roten Mäntelchen, mit weißer Pelzmütze, gebunden mit einer weißen Schleife, einen Meter vom leuchtenden Tannenbaum entfernt, sitzt still und mit viel Geduld, auf dem Schoß vom Herrn Stadtpfarrer, er in seinem schwarzen Talar mit, einer breiten Kette mit großem Kreuz. Dieser schöne Anblick, war und ist für die Mutter ein Bild, dass sie ihr ganzes Leben begleitet, besonders zu Weihnachten. Für sie war es eine große Ehre, Freude und Trost in ihrem traurigen Schicksal. Es war wie eine schöne Botschaft und ein großes Geschenk, ein Lichtstrahl in der heiligen Nacht. Die wuchtige, schöne Orgelmusik ertönt, die Gemeinde singt „O du fröhliche, o du selige“, die Mutter wird aus ihren schönen Gedanken, ins normale Leben geholt. Zum Ausklang des Weihnachtsgottesdienstes ertönt das wunderschöne Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ gesungen von der Liedertafel. Die Gemeinde verlässt die Kirche, trifft sich vor dem Hauptausgang, man wünscht sich „Igenem Fertoch“, die Familien versammeln sich, um gemeinsam den „Heligen Ovent“ zu feiern. Die Mutter, mit ihren beiden Kindern, begibt sich auf den Heimweg, beeindruckt und gestärkt von dem Erlebten, mit der Hoffnung, dass sie ihr Leben und das ihrer Kinder meistern wird.
Wahre Begebenheit Rosemarie Hannert, geborene Schmidt

Rosemarie Hannert, geborene Schmidt

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