23. Mai 2002

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Christa Stewens: Bayern setzt sich intensiv für Siebenbürger ein

Entscheidend für die Zukunft der Siebenbürger Sachsen sei es, „die Jugend der deutschen Minderheit in Siebenbürgen im Kern zu erhalten und die Bindungen der Jugend der Landsmannschaft zur siebenbürgischen Heimat zu verstärken“. Dies erklärte Bayerns Sozialministerin Christa Stewens am 19. Mai beim Heimattag in Dinkelsbühl. Die Bayerische Staatsregierung sei aufgeschlossen für die Belange der Siebenbürger Sachsen, die ähnlich heimatbewusst wie die Bayern seien. Die CSU-Politikerin kritisierte die massiven Kürzungen der Bundesregierung im kulturellen Bereich, die die „fachliche Kulturarbeit und Arbeitsfähigkeit der Landsmannschaften an sich getroffen haben“. Die Festrednerin forderte zudem eine Geste der Anerkennung und Wiedergutmachung für die Opfer der Zwangsarbeit.
Das Motto dieses Heimattages „Mit der Jugend in die Zukunft“ heißt für mich nichts anderes, als dass der Jugend unsere Zukunft gehört. Für dieses Motto danke ich Ihnen. Es bedeutet auch ein Stück Integration. Und für die hervorragende Integrationsarbeit, die Sie in Bayern und Deutschland leisten, möchte ich mich heute bei den Siebenbürger Sachsen ganz herzlich bedanken. Und lassen Sie mich auch eine Bitte anschließen: Es muss uns Verpflichtung und Auftrag sein, auch den Aussiedlern, die künftig noch zu uns kommen werden - ich weiß, dass sie nicht vorrangig aus Rumänien, sondern aus Russland und Kasachstan stammen - zu helfen, sich in Bayern und Deutschland besser integrieren zu können. Dazu brauchen wir auch Ihre Hilfe, liebe Siebenbürger Sachsen.
Bayerns Sozialministerin Christa Stewens forderte in Dinkelsbühl eine Geste der Anerkennung und Wiedergutmachung für die Opfer der Zwangsarbeit. Foto: Günther Melzer
Bayerns Sozialministerin Christa Stewens forderte in Dinkelsbühl Anerkennung und Wiedergutmachung für die Opfer der Zwangsarbeit. Foto: Günther Melzer


Und bezüglich Dinkelsbühl, Herr Oberbürgermeister Sparrer: Bei der Aufnahme der Stadt in das Weltkulturerbe der UNESCO kann ich Ihnen die Unterstützung der Bayerischen Staatsregierung zusichern. Ebenso möchte ich Ihnen allen heute die herzlichsten Grüße des Bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber überbringen. Mein besonderer Gruß gilt den heute unter uns weilenden Siebenbürger Sachsen, die aus Rumänien nach Dinkelsbühl gekommen sind und mit ihrer Anwesenheit den Brückenschlag nochmals verdeutlichen.
„Hermannstadt - mit den Augen eines Freundes gesehen“, so lautet der Titel einer Fotoausstellung, die im Rahmen der Feierlichkeiten zum Abschluss der Städtepartnerschaft zwischen Hermannstadt und Landshut im April dieses Jahres in Landshut gezeigt wurde. So wie sich die Freundschaft des Landshuter Fotografen Dr. Karl Heinz Rothenberger mit Hermannstadt entwickelt hat, so wünsche ich mir die weitere Entwicklung der bestehenden Sympathien zwischen Siebenbürgen und Bayern und seinen Menschen zu einer festen Freundschaft über die Grenzen hinweg.
Auch durch den diesjährigen Heimattag in Dinkelsbühl werden die Siebenbürger Sachsen weitere Freunde gewinnen. Wer hier in die Runde schaut und die prächtigen Fahnen und Trachten auf dem Schrannenplatz sieht, wer sich mit dem eindrucksvollen und vielseitigen, bunten Programm des Heimattages beschäftigt, der weiß: Die Siebenbürger Sachsen kommen gerne zusammen, um ein Wiedersehen zu feiern und gemeinsam jahrhundertealte Traditionen zu pflegen. Sie lieben ihre angestammte Heimat Siebenbürgen und sie sind mit Recht stolz darauf, Siebenbürger Sachsen zu sein. Mit dieser den Bayern sehr ähnlichen Haltung - auch wir sind sehr heimatbewusst und stolz auf unsere Heimat - können Sie versichert sein, dass die Bayerische Staatsregierung für die Belange der Siebenbürger Sachsen aufgeschlossen ist und Sie auch in mir als der zuständigen Ministerin eine Freundin gewonnen haben.
Bundesvorsitzender Volker Dürr überreichte der bayerischen Sozialministerin Christa Stewens den Bildband 'Siebenbürgen im Flug'. Foto: Günther Melzer
Bundesvorsitzender Volker Dürr überreichte der bayerischen Sozialministerin Christa Stewens den Bildband 'Siebenbürgen im Flug'. Foto: Günther Melzer

Über 100 000 Siebenbürger Sachsen leben bei uns in Bayern und damit mehr als in jedem anderen Bundesland. Zusammen mit den Banater Schwaben, den Sathmarer Schwaben, den Buchenlanddeutschen und anderen haben heute rund 300 000 Deutsche aus Rumänien in Bayern eine neue Heimat gefunden. Sie haben einen ganz wichtigen Anteil am grenzüberschreitenden kulturellen und gesellschaftlichen Austausch. Sie leisten großherzig und umfangreich humanitäre Hilfe in Rumänien und vermitteln wirtschaftliche und wertvolle politische Kontakte.
Die Bayerische Staatsregierung ist sich der Entwicklungsmöglichkeiten bewusst, die die Deutschen aus Rumänien in kultureller, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Hinsicht für uns alle bieten: für Bayern, für Deutschland, für die Europäische Union und vor allem für Rumänien in Bezug auf die EU-Osterweiterung sowie den NATO-Beitritt und die Überwindung der Folgen des Kommunismus.
Auch der Rumänischen Regierung ist dies bewusst. Staatspräsident Iliescu hat erst vor zwei Wochen am Rande einer Fachtagung in Garmisch-Partenkirchen über den geplanten NATO-Beitritt Rumäniens wieder Gespräche mit den Vorständen der Landsmannschaften der Deutschen aus Rumänien geführt und sie um Unterstützung für die rumänischen Wünsche und Vorstellungen gebeten.
Aus diesem Wissen heraus unterstützt die rumänische Regierung zunehmend die deutsche Minderheit. Für sie wurde mit Ovidiu Gant, einem Banater Schwaben aus Temeschburg, ein eigener Unterstaatssekretär ernannt. Der für Minderheitenfragen zuständige rumänische Informationsminister Vasile Dancu hat bei seinem Besuch kürzlich in München den Landsmannschaften der Deutschen aus Rumänien den Abschluss von Vereinbarungen über gemeinsame Projekte mit der Rumänischen Regierung angeboten. Die Rumänische Regierung hat sich formell für das vom früheren rumänischen Regime den Deutschen in Rumänien zugefügte Unrecht entschuldigt. Dafür gebührt der rumänischen Regierung unser Dank und unsere Anerkennung.
Sie unterscheidet sich damit auch diametral von der Tschechischen Regierung, die erst kürzlich die Benes-Dekrete von 1945/1946 parlamentarisch gerechtfertigt und noch einmal bekräftigt hat.
Zum Prozess des Zusammenwachsens Europas gehören aber nicht nur der Wille zum Miteinander im Hier und Jetzt, sondern auch der Blick in eine gemeinsame Zukunft und in die Vergangenheit. Gerade ein Festtag wie heute erinnert an die Opfer von Krieg, Flucht und Deportation, derer auch Sie heute Abend wie bei jedem Heimattag in Dinkelsbühl an der würdigen Gedenkstätte vor der Altstadt gedenken. Die Bayerische Staatsregierung hat immer auf das schwere Schicksal der deutschen Volksgruppen im Osten und Südosten aufmerksam gemacht. Wir wenden uns entschieden gegen die nach wie vor verbreitete Praxis des Tabuisierens, des Verschweigens und des Verdrängens. Wir setzen gegen diese Schlussstrichmentalität eine Kultur des Erinnerns. Denn die Kultur des Erinnerns bedeutet auch mit dem eigenen Schicksal fertig zu werden, bedeutet aufzuarbeiten und zu verarbeiten. Gerade deshalb haben wir in Nürnberg ein zentrales Denkmal „Flucht und Vertreibung" errichtet und fördern daneben viele örtliche Denkmäler und Gedenkstätten in ganz Bayern.
Wir setzen uns auch ein für die Errichtung eines „Zentrums gegen Vertreibungen" an zentraler Stelle in der Bundeshauptstadt Berlin. Natürlich wäre es schön, wenn Zentren gegen Vertreibungen auch in den östlichen Nachbarländern errichtet würden. Für wichtig halten wir es aber, dass ein solches Denkmal in Berlin steht. Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber hat dazu beim Festakt des Tages der Heimat im September 2001 in Berlin gesagt: „Dieses Zentrum gehört in den nationalen Erinnerungsbogen der gesamtdeutschen Geschichte. Dieses Zentrum entspringt unserer Solidarität gegenüber den Heimatvertriebenen, aber auch der Selbstachtung und der Selbstvergewisserung unserer eigenen Geschichte.“
Nicht nur das Gedenken allein, sondern auch die Frage der Entschädigung von Zwangsarbeitern gehört zur Aufarbeitung von Unrechtsmaßnahmen im Zusammenhang mit dem zweiten Weltkrieg. Wir erwarten auch denen gegenüber, denen oft unsägliches Leid widerfahren ist und die von Wiedergutmachungsleistungen bisher nicht erreicht worden sind, eine Geste der Anerkennung und der Würdigung ihres schweren Schicksals.
Die direkte Förderung der Landsmannschaften und der deutschen Minderheiten bedeutet immer auch die Erfüllung der gesetzlichen Verpflichtung von Bund und Ländern zur Erhaltung, Bewahrung und Weiterentwicklung der Kultur der deutschen Siedlungsgebiete in den östlichen Nachbarstaaten.
Bayerns Sozialministerin Christa Stewens mit siebenbürgisch-sächsischen Trachtenträgern der HOG Agnetheln beim Heimattag 2002 in Dinkelsbühl. Foto: Walter Fielk
Bayerns Sozialministerin Christa Stewens mit siebenbürgisch-sächsischen Trachtenträgern der HOG Agnetheln beim Heimattag 2002 in Dinkelsbühl. Foto: Walter Fielk

Entschieden wende ich mich daher gegen die Kürzungen und die Einstellung der Bundesförderung für die bei den Landsmannschaften angesiedelten Kulturreferenten, mit der die Bundesregierung nicht nur die fachliche Kulturarbeit der Landsmannschaften, sondern auch die Arbeitsfähigkeit der Landsmannschaften an sich getroffen hat. Mit uns wird es eine Politik gegen die Landsmannschaften nicht geben.
Und wie wichtig die Kulturförderung ist, das zeigt Ihr Heimattag in Dinkelsbühl! Denn Sie könnten die Brückenfunktion erst gar nicht erfüllen, wenn Sie sich nicht Ihrer Heimat und Tradition bewusst wären. Für eine überzeugende Breitenarbeit und die Bereitstellung der dafür erforderlichen Mittel ist es notwendige Voraussetzung, die Jugend in die Pflege der Kultur der Siebenbürger Sachsen mit einzubinden. Jeder Mensch bedarf seiner kulturellen Wurzeln und entsprechender Kenntnisse seiner Herkunft, auch wenn viele Jugendliche hier geboren und aufgewachsen sind. Für mich steht fest: Man kann mit ganzem Herzen Bayer, Baden-Württemberger oder Westfale sein, dieses Deutschland lieben, und doch der Heimat seiner Vorfahren in Treue verbunden bleiben. Und man kann sich gleichzeitig in diesem Europa, das so großartig verschieden und doch so ähnlich ist, auf unmittelbare Weise wiederfinden, ohne dass die eine Bindung die andere ausschließt oder mindert. Im Gegenteil, sie wird sich letztlich sogar vertiefen.
Das ist die Überzeugung der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen und auch die Botschaft, die hinter ihrem Leitspruch zum Heimattag der Siebenbürger Sachsen 2002 steht: „Mit der Jugend in die Zukunft"
Entscheidend für die Zukunft der Siebenbürger Sachsen erscheint mir, dass es gelingt, die Jugend der deutschen Minderheit in Siebenbürgen im Kern zu erhalten und die Bindungen der Jugend der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen zu ihrer Heimat Siebenbürgen und den dort lebenden Menschen zu verstärken.
Der größte Teil der Fördermaßnahmen der Bayerischen Staatsregierung in Siebenbürgen gilt genau diesen Zielen. So haben wir dazu beigetragen, das Evangelische Landeskirchliche Schülerheim in Hermannstadt von 40 auf 50 Plätze zu erweitern und wir wollen den weiteren Ausbau dieser Einrichtung unterstützen. Wir setzen uns ein für eine Vernetzung der verschiedenen, bereits bestehenden und künftigen Unterkunftsmöglichkeiten für Jugendliche in Siebenbürgen und ganz Rumänien durch eine zentrale Agentur für Jugendbildung, Begegnung und Jugendtourismus. Auch in diesem Jahr wird es wieder Hospitationen von Erzieherinnen aus deutschsprachigen Kindergärten in Rumänien an Kindergärten in Bayern geben, weil wir diese Form der Vernetzung und Zusammenarbeit als äußerst wichtig erachten.
Für die Bayerische Staatsregierung kann ich sagen: Es ist uns Aufgabe und Verpflichtung zugleich, dass wir uns auch in Zukunft für die Belange der Siebenbürger Sachsen intensiv einsetzen und an Ihrer Seite stehen.

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