22. August 2004

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Ein schwarzer Tag für die Deutschen

Der Frontwechsel Rumäniens vor 60 Jahren, am 23. August 1944, bedeutete die folgenschwerste Zäsur in der Geschichte der Siebenbürger Sachsen. Es folgten Jahre der Diskriminierung und Verfolgung, die Deportation der arbeitsfähigen Frauen und Männer zu Zwangsarbeit in die Sowjetunion, Enteignung, Entzug einiger staatsbürgerlicher Rechte sowie pauschale Diffamierung als Hitleristen und Faschisten.
Seit 1940 wurde Rumänien von Staatsführer Marschall Ion Antonescu diktatorisch geführt. Er versuchte dem jungen König Michael I., der bei der Thronübernahme 1940 erst 18 Jahre alt war, jede Einflussnahme auf das politische Geschehen zu entziehen, was zu einem gestörten Verhältnis und zu starken Spannungen führte. Im Krieg gegen die Sowjetunion war Rumänien der wichtigste Bündnispartner Deutschlands. Es betrachtete dieses Unternehmen als „heiligen Krieg“ zur Befreiung von Bessarabien und der Nordbukowina, welche die UdSSR aufgrund eines Ultimatums 1940 annektiert hatte. Als jedoch nach der Niederlage des deutschen und rumänischen Heeres bei Stalingrad die Rote Armee zu einem Gegenstoß ansetzte und sich die Niederlage des Dritten Reiches abzeichnete, versuchte man sich rumänischerseits aus dem Bündnis mit Deutschland zu lösen und einen Separatfrieden mit den Alliierten abzuschließen. Die geheimen Verhandlungen wurden in Stockholm, Madrid, in der Schweiz, in Ankara und Kairo geführt. Sie erfolgten auf zwei Ebenen, auf Regierungsebene hauptsächlich unter der Regie des Außenministers Mihai Antonescu einerseits und von Politikern der Opposition – das waren die Liberale und die Nationalzaranistische Partei unter Constantin Bratianu bzw. Iuliu Maniu – sowie dem Königshof auf anderer Ebene. Beiden Gruppen ging es darum, günstige Waffenstillstandsbedingungen auszuhandeln, um nicht der Sowjetunion ausgeliefert zu werden. Man rechnete mit einer Landung der Anglo-Amerikaner auf dem Balkan und einem Vorstoß nach Rumänien. Als die Landung ausblieb und die Rote Armee im April 1944 bereits rumänisches Territorium erreicht hatte, entschloss man sich in Bukarest zum Handeln, um einer sowjetischen Besetzung zuvorzukommen. Am 12. April 1944 hatte nämlich die Sowjetunion in Übereinstimmung mit ihren britischen und amerikanischen Verbündeten Rumänien die Waffenstillstandsbedingungen mitgeteilt. Sie sahen Folgendes vor:

1. Bruch Rumäniens mit Deutschland und Frontwechsel unter dem Kommando der Roten Armee gegen die deutsche Wehrmacht; 2. Anerkennung der sowjetisch-rumänischen Grenze vom 22. Juni 1941, also der Annexion Bessarabiens und der Nordbukowina durch die UdSSR im Jahr 1940; 3. Zahlung von Reparationen; 4. Entlassung der alliierten Kriegsgefangenen; 5. Bewegungsfreiheit für die Rote Armee auf rumänischem Territorium; 6. Rückgabe Nordsiebenbürgens von Ungarn an Rumänien.

Staatsführer Antonescu, der über Stockholm Geheimverhandlungen mit den Sowjets führte, lehnte das offizielle 6-Punkte-Angebot ab, weil ihm dort inoffiziell günstigere Bedingungen in Aussicht gestellt worden waren. Es ging ihm vor allem darum, den Abzug der deutschen Truppen zu gewährleisten, für die rumänische Staatsführung ein von der Roten Armee nicht besetztes Gebiet sicherzustellen und durch die Garantie der Westalliierten die Ansprüche der Sowjetunion zu konterkarieren.

Die Opposition, deren Verbindungsmänner mit den Alliierten in Kairo und in Ankara Gespräche führten, akzeptierte die Waffenstillstandsbedingungen als Verhandlungsbasis. Die Alliierten ließen sich aber auf keine Verhandlungen ein, so dass die vereinte Opposition schließlich die Bedingungen annahm. Um die Sowjets als Gesprächspartner wohlwollender zu stimmen, entschlossen sich die Führer der Liberalen und der Nationalzaranistischen Partei, auch Vertreter der Sozialdemokratischen und der Kommunistischen Partei heranzuziehen und in ihre Pläne einzuweihen. So entstand aus diesen vier Parteien der „Nationaldemokratische Block“. Der Königshof sowie einige hohe Offiziere waren in diese Vorbereitungen eingeweiht und trugen sie mit.

König Michael I. (links) und General Ion Antonescu an der Front in Bessarabien.
König Michael I. (links) und General Ion Antonescu an der Front in Bessarabien.

Am 20. August 1944 ließ Maniu durch seinen Emissär in Kairo den Alliierten mitteilen, dass alles für den Waffenstillstand vorbereitet sei, die oppositionellen Kräfte würden die Macht übernehmen und Antonescu stürzen. Gleichzeitig bat er anglo-amerikanische Luftlandetruppen um Unterstützung. Dadurch sollte jedoch eher eine Auslieferung Rumäniens an die Sowjets verhindert werden.

Weder Antonescu noch die oppositionellen Kräfte und der Königshof wussten, dass die Westalliierten Rumänien bereits dem Kreml zugesichert hatten. Am 5. Mai 1944 hatten sich Briten und Sowjets dahingehend geeinigt, dass Rumänien zur sowjetischen und Griechenland zur englischen Operationszone, sprich Interessensphäre, gehören sollte. Am 12. Juni gab der amerikanische Präsident Roosevelt seine Zustimmung zu diesem Plan. Damit war das Schicksal Rumäniens besiegelt, und die Hoffnung rumänischer Politiker auf Hilfe seitens der Westalliierten erwies sich als Wunschtraum. Die Abmachung sollte zwar nur für drei Monate gelten, wurde aber in Wirklichkeit auf der alliierten Konferenz von Moskau im Oktober 1944 bekräftigt, indem Churchill dem Diktator im Kreml den mittlerweile berühmt gewordenen 90-Prozent-Einfluss in Rumänien zusagte. Wir sind damit den Ereignissen etwas vorausgeeilt, sie verdeutlichen aber, dass es für Rumänien kein Entrinnen aus den Krallen des Sowjetimperialismus gab.

Die militärische Lage hatte sich für Rumänien im Sommer 1944 sehr verschlechtert. Die Rote Armee hatte bereits Teile von Bessarabien und der Moldau erobert und bereitete sich auf eine Großoffensive vor. Gleichzeitig verstärkten anglo-amerikanische Luftgeschwader die Angriffe gegen Rumänien. Bombardiert wurden vor allem das Erdölgebiet um Ploiesti, die Städte Bukarest und Kronstadt sowie die Donauhäfen und Eisenbahnknotenpunkte.

Die deutsch-rumänische Heeresgruppe „Südukraine“, die seit dem 25. Juli unter dem Oberbefehl von Generaloberst Hans Frießner stand, stellte zu jenem Zeitpunkt noch eine schlagkräftige Streitmacht dar: 24 deutsche und 27 rumänische Divisionen bzw. Brigaden mit insgesamt 900 000 Mann, die zur Verteidigung Rumäniens bereitstanden. Die Front hatte eine Länge von 900 km und spannte sich wie ein Bogen von den Ostkarpaten an der linken Flanke über Jassy, Kischinew, Tiraspol bis zum Schwarzen Meer an der rechten Flanke.

Als Frießner das Oberkommando übernahm, erkannte er sofort, dass die in einem Bogen nach Osten vorgeschobene Front die Rote Armee zu einem Zangenangriff geradezu aufforderte und die deutsch-rumänischen Heeresverbände von einer Einkesselung bedroht waren. Seine Forderung, die vorgeschobenen Einheiten bis an den Pruth-Fluss zurückzunehmen und die Frontlinie zu begradigen, wurde von Hitler abgelehnt. Dadurch war die Katastrophe vorprogrammiert.

Den deutsch-rumänischen Verbänden standen zwei sowjetische Heeresgruppen mit etwa 930 000 Mann gegenüber, die von 90 Schützendivisionen, 1 400 Panzern und Sturmgeschützen sowie 1700 Flugzeugen unterstützt wurden.

Die sowjetische Offensive, bekannt als Operation Jassy-Kischinew, begann am 20. August 1944. Ihr erstes Angriffsziel war, wie Frießner vorausgesehen hatte, die Einkesselung der 6. deutschen Armee. Sie wurde nach einer sowjetischen Zangenoperation aus dem Raum nordwestlich von Jassy und aus dem Brückenkopf südwestlich von Tiraspol im Raum Kischinew eingeschlossen. Schon am ersten Tag durchbrachen die Sowjettruppen die deutsch-rumänischen Verteidigungslinien an mehreren Stellen. Da Hitler eine Zurücknahme der Front auf eine günstigere Linie immer noch verweigerte, befahl Frießner sie am 21. August eigenmächtig. Die Katastrophe konnte jedoch nicht mehr verhindert werden.

Am 20. August erschien der rumänische Staatsführer Antonescu persönlich beim Oberkommando von Frießners Heerestruppe, das sich in der Nordmoldau in Slanic Moldova befand. Antonescu war sehr niedergeschlagen. Er soll trotzdem Frießner versprochen haben, weiterhin alle notwendigen Maßnahmen zur Verteidigung Rumäniens zu ergreifen. Diese Aussage widerspricht allerdings anderen Äußerungen. Deutscherseits soll man ihm versichert haben, dass die Front gehalten werde. Nach dieser Begegnung kehrte Marschall Antonescu nach Bukarest zurück.

Die Verhaftung des Staatsführes Antonescu

Hier war in der Nacht vom 21. auf den 22. August in einer Geheimberatung aller beteiligten Parteiführer des Nationaldemokratischen Blocks, der in den Putsch eingeweihten Offiziere und des Königshofes beschlossen worden, die Regierung Antonescus am 26. August zu stürzen und mit den Alliierten einen Waffenstillstand abzuschließen.

Die Ereignisse überstürzten sich jedoch. Der von der Front zurückgekehrte Staatsführer meldete sich für den 23. August zu einer Audienz beim König an. Nach einer anderen Version wurde er vom König zum Treffen geladen. Der König und seine Berater beschlossen daraufhin, entgegen dem in der Nacht zuvor gefassten Beschluss, die Gelegenheit wahrzunehmen und den Staatsführer sofort zu verhaften. Nach der lange offiziell gehandelten Version wollte Antonescu nach der Audienz an die Front zurückkehren und soll entschlossen gewesen sein, den Krieg fortzuführen. Der König habe ihn aus diesem Grunde entlassen und verhaften lassen.

Die um eine Rehabilitierung Antonescus bemühten Darstellungen glauben indessen beweisen zu können, dass der „Conducator“ bereits am 22. August über seinen Emissär in Stockholm den Sowjets mitgeteilt habe, dass er bereit sei, einen Waffenstillstand abzuschließen. Über seine Absicht soll er auch Dr. Carl Clodius, den deutschen Gesandten mit besonderen Aufgaben, der die politischen Verhandlungen mit der rumänischen Regierung führte, informiert haben. Am Vormittag des 23. August hat nach dieser Version Antonescu die Parteichefs Maniu und Bratianu wissen lassen, dass er entschlossen sei, den hoffnungslosen Kampf einzustellen und zurückzutreten, falls das den Abschluss eines Waffenstillstands erleichtere. Die Frage eines Waffenstillstands habe somit in der Audienz Antonescus beim König nicht mehr zur Debatte gestanden, er habe bloß die Antwort der Alliierten abwarten wollen. Der König und seine Berater sollen sich trotzdem zum selbstständigen Handeln entschlossen haben, weil sie befürchtet hätten, dass aufgrund der Mitteilung Antonescus über Waffenstillstandsabsichten an Clodius die deutsche Wehrmacht, wie im Falle Ungarns, Rumänien besetzen würde. Daher habe der König Antonescu verhaften lassen.

Wie dem auch sei, so viel ist gewiss: Beim Empfang im Palast um 16 Uhr, zu dem auch Außenminister Mihai Antonescu gekommen war, hat Ion Antonescu in Anwesenheit von General Sanatescu den König über die Lage an der Front informiert. Im Nebenzimmer verfolgten die Berater Michaels I. das Gespräch. Nach der Darlegung von Antonescu zog sich der König zu einer Beratung zurück. Als er zurückkehrte, teilte er dem Staatsführer ohne Kommentar mit, dass er mit sofortiger Wirkung entlassen sei und verließ den Raum. Die bereitstehende Garde nahm den Marschall und seinen Außenminister in Haft. Unmittelbar danach wurden auch andere Politiker verhaftet. Sie wurden einer von dem Kommunisten Emil Bodnaras kommandierten Garde übergeben und später gegen den Protest der rumänischen Regierung an die Sowjets ausgeliefert.

Noch am selben Abend verkündete der König um 22 Uhr in einer Rundfunkproklamation den Bruch mit Deutschland, die Einstellung der Kampfhandlungen gegen die Alliierten und speziell an der Front gegen die Rote Armee.

Nach der Verhaftung Antonescus ernannte der König mit sofortiger Wirkung eine neue Regierung unter der Führung von General Sanatescu. Dem neuen Kabinett gehörten hauptsächlich Militärs an, die am Umsturz beteiligt gewesen waren. Außenminister wurde Niculescu-Buzesti. Seitens der vier Parteien des National-Demokratischen Blocks wurde je ein Minister ohne Geschäftsbereich in die Regierung aufgenommen. In der Hauptstadt wurden Rundfunk, Post- und Telefonzentrale, Ministerien und andere strategisch wichtige Punkte sowie das deutsche Gesandtschaftsgebäude von rumänischen Armeeeinheiten besetzt oder umstellt.

Die Kündigung des Waffenbündnisses mit Deutschland hat Rumänien zweifellos davor bewahrt, von einer verheerenden Kriegswalze überrollt zu werden. Darüber sind sich heute alle Historiker einig. Strittig ist jedoch die Frage, ob sich die Akteure des 23. August 1944 nicht etwas beeilt haben, bevor der Waffenstillstand unter Dach und Fach war und ob man nicht auch zu diesem Zeitpunkt noch etwas bessere Bedingungen hätte erzielen können.

Der geschilderte Verlauf der Ereignisse lässt keinen Zweifel daran, dass der König der Held des Umsturzes war. Es sollte übrigens sein erster und letzter gewichtiger Auftritt auf der politischen Bühne bleiben. Bedeutungslos war beim Umsturz jedenfalls der Beitrag der Kommunisten, sie wurden aber die wichtigsten Nutznießer. Sie haben nach der Machtergreifung, die geschichtlichen Tatsachen fälschend, über 40 Jahre lang behauptet, den Hauptanteil an dem von ihnen als „antifaschistisch und antiimperialistisch“ bezeichneten „bewaffneten Aufstand“ bzw. an der „sozialen und nationalen Revolution“ vom 23. August 1944 gehabt zu haben.

Sowohl für die deutsche Gesandtschaft und Militärmission in Bukarest als auch für das deutsche Führerhauptquartier kam der Frontwechsel Rumäniens überraschend, obwohl sie seit 1943 von verschiedenen Seiten, nicht zuletzt in einem ausführlichen Bericht des deutschen Volksgruppenführers in Rumänien, Andreas Schmidt, darauf aufmerksam gemacht worden waren, dass die Regierung Marschall Antonescus und andere Kreise geheime Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten führten.

Der deutsche Gesandte in Bukarest, Baron Manfred von Killinger, hatte alle Meldungen über einen Abfall Rumäniens als „Latrinengerüchte“ abgetan und anlässlich der letzten Zusammenkunft Hitlers mit Antonescu (5. August 1944) in einer Einschätzung der Lage die Loyalität der Rumänen und ihre Bereitschaft versichert, an der Seite Deutschlands weiterzukämpfen; der Garant des Bündnisses mit Deutschland, so Killinger, sei König Michael. Auch Generalleutnant Gerstenberg, Chef der Militärmission für die deutsche Luftwaffe in Rumänien und Kommandant der Truppen im rumänischen Erdölgebiet, hatte sich Ende Juli gegenüber seinen Vorgesetzten geäußert, dass im Falle eventueller Unruhen in Bukarest eine einzige deutsche Flackbatterie genüge, um jeden „Putsch“ niederzuschlagen.

Im Führerhauptquartier Hitlers waren vom 23. bis zum 25. August 1944 alle Blicke auf Paris gerichtet, da dort der Sturm der alliierten Truppen auf die französische Hauptstadt im Gange war. Paris fiel am 25. August. Der rumänische Kriegsschauplatz wurde daher weniger beachtet. Am Spätnachmittag des 23. August erhielt die deutsche Gesandtschaft in Bukarest einen Telefonanruf vom rumänischen Geheimdienstchef Eugen Cristescu mit der Hiobsbotschaft, dass Marschall Antonescu wahrscheinlich verhaftet worden sei, dass auf alle Fälle „Verdächtiges“ im Gange sei. Gesandter von Killinger war nicht zugegen, als die Nachricht eintraf. Als er, von den Vorgängen verständigt, gegen 19.30 Uhr im Gesandtschaftsgebäude eintraf, waren alle Mitarbeiter und die Befehlshaber der Militärmission versammelt. Was eigentlich geschehen war, wusste zu dieser Stunde niemand von ihnen.

Killinger suchte sofort um eine Audienz beim König an. Beim Empfang wurde ihm bereits der neue Ministerpräsidenten Sanatescu und dessen Außenminister Grigore Niculescu-Buzesti vorgestellt. König Michael soll ihm gestanden haben, „dass er als Hohenzoller die Entwicklung bedauere“, für sein Land aber keinen anderen Ausweg sehe. Er soll gleichzeitig Killinger gebeten haben, die Reichsregierung zu veranlassen, die deutschen Truppen unverzüglich aus Rumänien abzuziehen, um das Ärgste abzuwenden.

Erst nach dieser Audienz konnten das Führerhauptquartier in Rastenburg, das Oberkommando der Wehrmacht und General Frießner in der Moldau über die Vorgänge in Bukarest informiert werden. Gerstenberg und Killinger versuchten auch jetzt, die Sachlage zu bagatellisieren. Marschall Antonescu sei zwar gestürzt, das sei aber noch kein Grund zur Besorgnis.
Was die Haltung Killingers betrifft, gibt es auch die Meinung, er habe der Widerstandsgruppe gegen Hitler angehört und die deutsche Staats- und Heeresführung bewusst falsch informiert. Kein Geringerer als sein Schwiegersohn Hans von Holtzendorff, der zeitweilig an der Gesandtschaft in Bukarest beschäftigt war, behauptet, dass sein Schwiegervater in die Geheimpläne Antonescus eingeweiht gewesen sei. Mysteriös bleibt auch, warum sich Killinger am 2. September 1944 mit seiner Sekretärin im Keller des Gesandtschaftsgebäudes erschossen hat.

General Frießner erkannte den Ernst der Lage in vollem Umfang. Er gab sich Rechenschaft, dass mit Rumänien nicht mehr zu rechnen war und es folglich keine andere Lösung gab, als alle deutschen Truppen von der Südflanke möglichst schnell hinter die ungarische Grenze zurückzuziehen. Gegen 23 Uhr ließ er sich mit Hitler verbinden, um für den Rückzug die Erlaubnis zu erhalten. Der Führer schlug, wie so oft, die realistische Lagebeurteilung ab und befahl, die „Verräterclique“ in Bukarest zu beseitigen und eine deutschfreundliche Regierung einzusetzen. Dass dieser Plan nicht durchzuführen war, wollte er nicht zur Kenntnis nehmen.

So wurde den um Bukarest und im Prahovatal stationierten deutschen Einheiten der Befehl gegeben, Bukarest anzugreifen. Die von Otopeni-Baneasa aus erfolgten Angriffe wurden schon im Norden von Bukarest gestoppt. Rumänische Militäreinheiten versperrten den Weg.

Angesichts dieser Bedingungen und Kräfteverhältnisse war es ein großer taktischer Fehler, dem deutschen Luftgeschwader des Stützpunktes von Baneasa, nördlich von Bukarest, die Bombardierung der Hauptstadt zu befehlen. Das bewirkte einen brüsken deutschfeindlichen Stimmungsumschwung in der rumänischen Öffentlichkeit. Rumänische Einheiten gingen nun selbst zum Angriff über und entwaffneten die deutschen Wehrmachtsangehörigen, deren Rückzug sie bis dahin gebilligt hatten. Mehr noch, am 25. August erklärte Rumänien dem Verbündeten von vorgestern, Deutschland, den Krieg.

Ein zweites Stalingrad

Tausende deutscher Soldaten gerieten danach in rumänische Gefangenschaft, darunter etwa 15 000 Mann, die Bukarest hatten rückerobern wollen. Ihr Versuch, sich nach Siebenbürgen oder Bulgarien durchzuschlagen, misslang. Sie wurde in der Nähe von Ploiesti zur Kapitulation gezwungen. Alle deutschen Kriegsgefangenen mussten an die Sowjets ausgeliefert werden. Viele starben aber schon in den rumänischen

Lagern und auf den Fußmärschen bis zur sowjetischen Grenze. Die Mitglieder der deutschen Gesandtschaft, einschließlich Frauen und Kinder, wurden desgleichen interniert und erst nach Kriegsende aus der rumänischen Gefangenschaft entlassen.

Verheerend wirkte sich die Entwicklung in Rumänien auf den Südflügel der deutschen Ostfront aus. Innerhalb weniger Tage trat ein, was General Frießner befürchtet hatte. Nachdem die Rumänen das Feuer an der Front eingestellt und sich aus ihren Stellungen zurückgezogen hatten, öffneten sie der schon im Gange befindlichen Offensive der sowjetischen Truppen Malinowskis und Tolbuchins solche Breschen, dass die gesamte 6. deutsche Armee und etwa die Hälfte der 8. Armee südwestlich von Husi und Kischinew eingeschlossen wurden. Bloß Reste der 8. Armee konnten sich über die Karpaten nach Ungarn zurückziehen. Auch die in Rumänien eingesetzte Luftflotte sowie die auf dem Schwarzen Meer und auf der Donau befindlichen Teile der deutschen Kriegsmarine erlitten hohe personelle und materielle Ausfälle. Der 23. August 1944 wurde auf diese Art zum „schwarzen Tag der deutschen Wehrmacht in Rumänien“, wie Frießner in seinen Memoiren bekennt. General Hans Kissel schreibt in der bisher ausführlichsten Veröffentlichung über die „Katastrophe in Rumänien“ wörtlich: „Das Ausmaß sowie die militärischen und politischen Folgen dieser Niederlage waren nicht weniger schwerwiegend als diejenigen der Schlacht von Stalingrad.“

Durch den Austritt Rumäniens verlor Deutschland nicht nur einen Verbündeten und die Karpaten als Verteidigungslinie sowie das rumänische Erdöl, sondern es brach zugleich die gesamte Balkanfront zusammen.

Für die Masse der deutschen Volksgruppe Rumäniens kam der Frontwechsel in Bukarest unerwartet. Sie stellte sich die Frage nach der Zukunft, da ihre zur Waffen-SS und zur deutschen Wehrmacht einberufenen Angehörigen weiterhin unter deutschen Waffen verblieben und somit über Nacht ins „feindliche Heer“ geraten waren. Angesichts der neuen Lage erwarteten die Deutschen Rumäniens Repressalien. Diese ließen tatsächlich nicht auf sich warten, hielten sich aber anfangs in Grenzen. Es wurden zunächst bloß die nicht geflüchteten Amts- und Ortsgruppenleiter sowie andere deutsche Persönlichkeiten, die sich politisch exponiert hatten, interniert.

Eine allgemeine Evakuierung und Flucht der Deutschen aus Rumänien erwies sich als undurchführbar, und sie wurde auch nur von der geflüchteten Volksgruppenführung in Erwägung gezogen. Bloß aus einigen an der damaligen ungarischen Grenze gelegenen Ortschaften in Siebenbürgen und im Banat ergriff die deutsche Bevölkerung die Flucht. Aus Nordsiebenbürgen, das seit dem Wiener Schiedsspruch zu Ungarn gehörte, konnte im September 1944 fast die gesamte deutsche Bevölkerung evakuiert werden. Für die Deutschen Rumäniens folgten Jahre der Diskriminierung und Verfolgung, die Deportation der arbeitsfähigen Frauen und Männer zu Zwangsarbeit in die Sowjetunion, Enteignung, Entzug einiger staatsbürgerlicher Rechte sowie pauschale Diffamierung als Hitleristen und Faschisten. Der 23. August 1944 bedeutete die folgenschwerste Zäsur in der Geschichte der Siebenbürger Sachsen.

Für Rumänien brachte der Frontwechsel weder das Kriegsende und noch viel weniger die Befreiung, es wurde vielmehr den Sowjets ausgeliefert. Diese beeilten sich nach dem 23. August keinesfalls, den Waffenstillstandsvertrag zu unterzeichnen. Sie behandelten das rumänische Militär in den ersten Tagen nach dem Staatsstreich nicht als Verbündeten und machten bis zum 31. August mehr als 120 000 Kriegsgefangene, nachdem diese, ohne Widerstand zu leisten, die Waffen niedergelegt hatten. Diese unmittelbar nach der so genannten „Befreiung vom hitleristischen und faschistischen Joch“ gefangenen rumänischen Soldaten wurden erst vier bis fünf Jahre später aus sowjetischer Gefangenschaft entlassen.

Die rumänische Armee beteiligte sich mit 12 Divisionen bis Mai 1945 auf ungarischem und tschechoslowakischem Territorium am Krieg gegen Deutschland und hatte dabei Verluste von rund 150 000 Mann. Die Gesamtzahl der rumänischen Gefallenen und Verwundeten im Zweiten Weltkrieg beläuft sich auf eine halbe Million.

Dr. Michael Kroner

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 13 vom 10. August 2004, Seite 6-7)

Der Beitrag ist ein leicht gekürzter Auszug aus dem im Herbst 2004 erscheinenden Buch von Michael Kroner: „Die Hohenzollern als Könige von Rumänien - Lebensbilder von vier Monarchen 1866-2004“. ca. 40 Abbildungen und Karten, ISBN 3-937320-30-X, zu bestellen zum Preis von 14,50 Euro, zuzüglich Versand, auf der Seite des Johannis Reeg Verlags im Shop von Siebenbuerger.de.

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