28. August 2001

Druckansicht | Empfehlen

Mattis-Teutsch-Retrospektive in München

Angesichts der großen Retrospektive "Mattis-Teutsch und Der Blaue Reiter", die im Münchner Haus der Kunst bis zum 7. Oktober zu sehen ist, stellt sich die Frage: Ist der 1960 im fernen Siebenbürgen gestorbene Künstler tatsächlich wieder "unter uns"? Blickt man jedoch in die bundesdeutschen "Pressestimmen", muss man bezweifeln, ob das vom Künstler ersehnte "Europa" im heutigen München liegt.
Als Hans Mattis-Teutsch am 17. März 1960 im siebenbürgischen Kronstadt diese Welt verließ, soll er kurz vorher zu seiner Frau gesagt haben, dass er "nach hundert Jahren wieder kommen" werde, denn "die Dummheit kann nicht ewig an der Macht bleiben... Einmal werden wieder Menschen vor meinen Bildern stehen, dann aber werde ich in Europa sein..." Bereits vier Jahre vor seinem Tod, am 30. November 1956, hatte er sich bei einem Gespräch ähnlich geäußert: Er wollte sich mit dem Verfasser dieser Zeilen "in hundert Jahren in München oder Paris" treffen. Das war zur Zeit der kommunistischen Diktatur – und wenig- stens solche Gedanken waren damals frei, auch wenn man sie nicht immer auszusprechen wagte.
Doch angesichts der großen Retrospektive "Mattis-Teutsch und Der Blaue Reiter", die im Münchner Haus der Kunst bis zum 7. Oktober zu sehen ist, stellt sich primär die Frage: Ist der Künstler aus dem fernen Siebenbürgen tatsächlich wieder "unter uns" und sind die "hundert Jahre" rascher verstrichen, als man annehmen könnte, und wir wissen es noch nicht?
Blickt man in die "Pressestimmen", müsste man eine annährend ehrliche Antwort wenigstens bezweifeln, ob das vom Künstler ersehnte "Europa" im heutigen München liegt; und es ließe sich dann auch feststellen, dass jenes Europa, von dem Mattis-Teutsch einst visionär sprach, eher an der Donau, in Budapest zu finden ist, wo die Ausstellung vorher zu sehen war.
Es hat wohl jeder Schreibende das Recht, gibt man ihm die Chance, sich auf seine Art lächerlich zu machen und sein Unwissen kundzutun, doch ärgerlich ist, wenn das ausgerechnet auf dem Rücken eines Künstlers geschieht, der sich nicht mehr wehren kann. "Die schönsten Flausen sind lila" betitelte z.B. Dorothee Müller (Süddeutsche Zeitung) ihre eigenen Flausen über den "rumänischen Maler Hans Mattis-Teutsch", der "mit seinen Lenin- und Stalinbüsten" – eine arge Unterstellung, neben einem falschen Ionesco-Zitat – einst "für einen Moment vor einer großen Karriere gestanden hatte. Aber eben davor. " Und in derselben Zeitung heißt es auch, dass Mattis-Teutsch "1884 im damals rumänischen Kronstadt geboren" wurde, einer Stadt, die bis 1920 zu Ungarn gehörte. Die Autorin meint dann, dass sie seinen Namen in den "einschlägigen deutschen Künstler-Lexika" nicht finden konnte. Nun, wo hat sie wohl nachgeschlagen? Doch nicht etwa im Thieme-Becker (1992), im Vollmer (1992), im Lexikon der Kunst (1989) usw.? Denn dort steht er ja drin.
Andere Flausen, um bei diesem hier zutreffenden Ausdruck zu bleiben, finden sich dann auch bei Roberta De Righi (Münchner Abendzeitung), die ihre Leser so informiert: "Die Avantgarde fand im Burzenland statt. In der gottvergessenen Gegend der Siebenbürger Sachsen." Na also! Sollte das stimmen, dann war diese "Gottvergessenheit" doch für etwas gut gewesen.
Wieviel Arroganz, getragen von wichtigtuerischer Unwissenheit wird hier offensichtlich, liest man diese und andere "Kritiken", die einen erschreckenden geistigen Tiefstand dokumentieren, der sich hier selbstgefällig breit macht. Und dabei hätten die Verfasserinnen doch wenigstens nur die zwei Seiten lange "Presseinformation" lesen müssen, wenn sie schon nicht den Mut hatten, den gewichtigen Ausstellungskatalog einzusehen, um vielleicht der Versuchung zu verfallen, in den gediegenen Essays von Eva Bajkay, Hubertus Gaßner, Valeria Majoros, Mariana und Gheorghe Vida u.a. zu blättern.
Schon aus Respekt vor dem Künstler und vor der Mühe der Organisatoren – Eva Bajkay, Hubertus Gaßner, László Jurecskó und Zsolt Kishonthy – hätte man sich ein wenig sorgfältiger informieren müssen. Immerhin wurden über 150 Gemälde, 40 Skulpturen, 70 Linol- und Holzschnitte sowie zahlreiche Dokumente aus internationalen und privaten Sammlungen zusammengetragen, wobei freilich im eifersüchtigen Gerangel einiger geltungsbedürftiger Privatsammler eine Reihe wichtiger Gemälde und Grafiken, die sich sogar in München befinden – so z.B. die Linolschnitte "Frauenporträt", "Der Reiter" oder das Ölbild "Grüner Akt" u.a. – nicht zur Ausstellung kamen.
Bedauerlich sind auch einige Lücken im dokumentarischen Teil des Katalogs; so fehlen z.B. im Ausstellungsverzeichnis, wo absolut alle (auch die kleinsten) Veranstaltungen angeführt werden, ausgerechnet die beiden bisher größten Grafik-Ausstellungen Mattis-Teutsch’, die 1993 in München und Ebersberg zu sehen waren.
Befremdend wirkt dann die Tatsache, dass renommierte Mattis-Teutsch-Forscher aus Rumänien, wie z.B. die Kunsthistoriker Zoltán Banner, Mircea Deac u.a., im Katalog mit keinem Beitrag vertreten sind (einige kamen im Mattis-Teutsch-Film des Ungarischen Fernsehens zu Wort). Einer Einschätzung anderer Texte, wo es in einem schon eingangs heißt, dass "die Kunstzentren in der Mitte und im Osten Europas mehr und mehr ins Zentrum des Interesses" rücken, möchten wir uns enthalten.
Mattis-Teutsch, das muss hier gesagt werden, war kein Rumäne – was anscheinend wieder einmal auch dadurch deutlich wurde, dass seitens der rumänischen Botschaft oder wenigstens vom Konsulat in München niemand zur Vernissage erschienen ist –, sein Vater war Ungar, seine Mutter Sächsin, sein Ziehvater wiederum war Sachse, seine erste Frau war Ungarin, seine zweite Frau Österreicherin; sprachlich und spirituell stand er, als János Mattis-Teutsch, der ungarischen Kultur sehr nahe, die im Karpatenraum auf eine tausendjährige Existenz zurückblicken kann – so befand sich unter den Rednern am Abend der Vernissage auch der ungarische Kultusminister Zoltán Rockenbauer, der zu diesem Anlass aus Budapest angereist war. Und Mattis-Teutsch kann auch nicht der "siebenbürgisch-deutschen Kunst" zugeordnet werden – das hatten sogar die Nationalsozialisten erkannt, denn sie schlossen den "Kulturbolschewisten" und "Entarteten" von ihrer ostdeutschen Wanderausstellung aus, die 1943-1944 von Hermannstadt bis Dresden zog.
Das Werk eines großen osteuropäischen Initiators und Vertreters der Avantgarde ist nach München gekommen – doch es ist nicht mehr das München des "Blauen Reiters"... Wäre Mattis-Teutsch heute hier anwesend, würde er vermutlich jenen berühmten Ausspruch wiederholen, den er 1957 über das Kunstverständnis eines kommunistischen Parteifunktionärs getan hatte, und der brächte ihm möglicherweise eine Beleidigungsklage ein.
"Was wäre diese Avantgarde ohne den Beitrag Osteuropas?" - so lautete die rhetorische Frage, die Prof. Dr. Hubertus Gaßner in seiner frei gesprochenen Einführung in die Retrospektive stellte. Und da könnte man auch weiter fragen: Was wäre letztendlich die moderne Kunst ohne Wassily Kandinsky, Marc Chagall – er kam übrigens aus dem "gottvergessenen" weißrussischen Witebsk – ,Tristan Tzara – der wiederum kam aus dem "gottvergessenen" moldauischen Schtetl Moinesti –, Moholy-Nagy, Vasarély, Brassai, Breuer, Spoerri, Brancusi, Archipenko, Jawlensky, Lissitzky, Malewitsch, Tatlin, Rodtschenko, Janco, Brauner, Segal usw. - Osteuropa und kein Ende. Und alles elitäre Namen, die aus der östlichen "Gottvergessenheit" ihren Weg gingen in die hohen Bereiche der europäischen Moderne.
Der ungarische Kunsthistoriker Tibor Almási hat in einem gut dokumentierten, grafisch sorgfältig gestalteten Werk – "A másik Mattis-Teutsch" ("Der andere Mattis-Teutsch") – das Schaffen des Künstlers in der Zeit nach 1945 untersucht und kommentiert. Dabei wurde nicht nur der "Stalin" sondern auch manch andere "Büste" vom Podest gestoßen, wohin sie die Kritiker einst gesetzt hatten. Dieses schöne Kunstalbum, das demnächst auch in englischer Sprache aufliegen wird, ist eine empfehlenswerte Ergänzung zum aufwendigen deutschsprachigen Katalog "Mattis-Teutsch und Der Blaue Reiter" (488 Seiten, ca. 300 farbige und ca. 200 schwarzweiße Abbildungen), der im Haus der Kunst in München für 56 DM erworben werden kann.

Claus Stephani (KK)

Nachricht bewerten:

7 Bewertungen: +

Artikel wurde bis jetzt noch nicht kommentiert.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich.

  • AKTUELL
  • BEWERTET
  • GELESEN
  • KOMMENTIERT
Druckausgabe der aktuellen Zeitung
Die Druckausgabe der SbZ bereits eine Woche vor der Auslieferung online lesen (inkl. Volltextrecherche).

Archiv Schmökern und recherchieren im Archiv der SbZ von 1950-2010.

Terminkalender

« Dezember 14 »
Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28
29 30 31 1 2 3 4

RSS-Feeds abonnieren

Nächster Redaktionsschluss

7. Januar 2015
11:00 Uhr

1. Ausgabe vom 20.01.2015
Alle Redaktionsschlüsse
Registrieren! | Passwort vergessen?
Lesezeichen hinzufügen bei ...
Impressum · RSS · Banner · Online werben · Nutzungsbedingungen · Datenschutz