Die Aphorismen sind eine literarische Gattung, die bei den Siebenbürger Sachsen etwas in Vergessenheit geraten ist. Eine wahre Fundgrube ist Richard Breckners „Spinngewebe. Aphoristische Gedanken“, erschienen 1929 im Verlag Krafft & Drotleff in Hermannstadt. Mit Breckner und Ingmar Brantsch sind übrigens zwei Siebenbürger Sachsen in der Anthologie „Deutsche Aphorismen“, herausgegeben von Klaus von Welser im Piper Verlag München (1988) vertreten.
AusgewogenZwischen schwarz und weiß ist grau die Mitte. Grau in grau totale Ausgewogenheit.
Konstruktive KritikKritik ist gestattet. Selbstverständlich im Rahmen des Lobes.
Wissenschaftlich erwiesenDas Wasser fließt dorthin, wo es keinen Widerstand gibt. Deshalb geht ohne Widerstand alles den Bach runter.
Konstruktiver Vorschlag zum gesellschaftlichen EngagementAphoristiker zwingen, Volksreden zu halten.
Verstand und GewissenMein Verstand sagt mir, was ich schreiben kann. Mein Gewissen schweigt, um mir nicht zu sagen, was ich nicht schreiben kann.
KnalleffektSeine Aphorismen waren so blendend, dass man danach keinen Blick mehr für das Schöne im Leben hatte.
Tragik des zu FrühgekommenenMancher, der sich die Hörner noch gar nicht abgestoßen hat, kriegt schon wieder neue aufgesetzt.
Political correctnessEine Quote für Kleinwüchsige im Baskettball.
LogikWer sollte einen schon enttäuschen, wenn nicht gerade diejenigen, von denen man es am wenigsten erwartet.
Eine Demokratie im FlüstertonEine Demokratie im Flüsterton, in der nicht offen über alles gesprochen werden kann, ist eine Demokratie im Narkosezustand, die aus der Operation von der Diktatur nicht erwacht ist.
Weisheit des AltersAls alter Mann mit Glatze heißt’s jetzt gelassen sein. Die Zeit des sich Haareausraufens ist vorbei und man braucht sich auch nicht mehr graue Haare wachsen zu lassen.
StattStatt der schweren Koffer des Systems die Leichtigkeit des ideologischen Kofferkulis.
PräzisierungIm Alter gehe ich zu den grauen Panthern, in die Abteilung Albinos mit meinem schlohweißen Haar.
MännerEs gibt nichts Dümmeres als Männer, weil sie nur Frauen im Kopf haben.
Kulturelle WesthilfeDa kommen irgendwelche Spezialisten aus dem Westen und erzählen den Ossis, wie deren Geschichte wirklich gewesen zu sein hat für die nötige Quote in den Westmedien.
Die Sonne bringt es an den TagErst wenn der Schnee geschmolzen ist, kannst du sehen, wo die Kacke liegt.
Neues KostümWenn man in Rente geht, zieht man ein neues Kostüm an. Von der grauen Eminenz zur grauen Maus.
Der Affe und der BörsenmaklerDer Affe und der Börsenmakler wählten Aktien. Die Affen waren erfolgreicher. Das kam daher, dass der Börsenmakler cool war. Der Affe aber war affengeil auf Tierfutteraktien. Diese waren gerade wegen der unerwarteten Dürre gestiegen und stiegen lustig weiter.
Verstand schafft LeidenMit der Aufklärung ist es nur ein Schritt von der heilen Kuh zur dummen Kuh. Von Indien nach Posemuckel.
Der Schriftsteller und Literaturkritiker Ingmar Brantsch wurde am 30. Oktober 1940 in Kronstadt geboren, lebt zurzeit in Köln und wirkt bis zu seinem 66. Lebensjahr als beamteter Lehrer. Sein Gedichtband „Deutung des Sommers“ (Literaturverlag Bukarest, 1967) wurde 1968 mit dem Lyrikpreis der Jungen Akademie München und der Jungen Akademie Stuttgart ausgezeichnet. 1983 erschien sein Lyrikband „Neue Heimat BRD. Spätheimkehrer nach tausend Jahren“, 1985 bzw. 1987 veröffentlichte er die Prosabände „Karnevalsdemokratie“ sowie „Mozart und das Maschinengewhr“. Sein jüngstes Werk ist ein Prosaband mit autobiographischen Erzählungen „Goethe und Heine hinter Gittern“ (2005). Zudem veröffentlichte Brantsch literaturgeschichtliche Bücher und zahlreiche Aufsätze über die deutschen Minderheiten in Rumänien, Ungarn und Russland.
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