18. Juli 2010
Friedhof in Südsiebenbürgen. Foto: Horst Göbbel
Ich war erschrocken und begann zum ersten Mal darüber nachzudenken, was wir tun, was wir tun wollen, tun sollen, tun können, wenn es um unsere Toten in der siebenbürgischen Heimat geht. Ich sah vor meinem geistigen Auge auch andere siebenbürgische, aber auch rumänische, ukrainische, deutsche, österreichische, französische, jüdische, ja sogar amerikanische Friedhöfe, die ich im Laufe der Jahrzehnte besucht habe. Ich verglich und konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir mit unserem Gräberkult in gewisser Hinsicht oft die Toten, die geliebten Dahingegangenen aus dem Auge verlieren, hier konkret, sie mit Eisenbeton abdecken, ihnen deuten, Du bist jetzt ganz still, Du musst da unten bleiben und hast keine Chance mehr, locker Kontakt mit uns aufzunehmen. Vermutlich fehlte mir die lebendige Natur, die ich auf vielen Friedhöfen so mag: einfaches Gras, Gebüsch, manchmal auch Blumen. Von diesem Bild der oft frisch zubetonierten Gräber ausgehend, beschäftigte ich mich mit dem Thema Totenkult, Grabstätten im Laufe der Zeiten und heutzutage in unterschiedlichen Kulturen. Ich suchte Bilder, Daten, Fakten und fand jede Menge, zeigte sie den Anwesenden. Wir kommentierten sie auf vielfältige Art.
Friedhof in Nordsiebenbürgen. Foto: Horst Göbbel
Ich habe Friedhöfe erlebt, die sich innerhalb von 40 bis 50 Jahren gewandelt haben: Von ursprünglich gepflegten Gräbern sind jetzt hie und da Grabsteinspuren übrig, manchmal Gebüsch, meist jedoch Weidefläche für Tiere. Ich habe hier Frieden gefühlt. Gottes Acker, Gottes Unendlichkeit. Auf den Betonresten, wenn die zerbersten (und ewig hält Beton wirklich nicht), werden dann, wenn wir die Gräber nicht mehr neu betonieren können, wohl auch Pflanzen, Unkraut, Gras und Gebüsch wachsen. Gottes Friede holt uns allemal ein. Ich will mir keineswegs anmaßen, jemandem zu diktieren, wie er seine Gräber gestaltet. Es ist auch das Recht eines jeden, so zu handeln, wie man es selber für richtig hält. Sich über all das anhand von Bildern von Grabstätten aus dem alten Ägypten, aus China, aus Japan, von Orthodoxen, von Katholiken, Evangelischen, Juden, Muslimen, aus Oltenien, aus Jerusalem, Prag, Hamburg, aus der Normandie, aus Tschernowitz (der jüdische Friedhof dort hatte um 1940 50000 Gräber!), aus Washington, Paris, London, Istanbul etc. Gedanken zu machen, sich auszutauschen und gegenseitig zu befruchten, das war die Mühe des Sehens wert. Gräber, Friedhöfe berühren uns. Vielfältig wie ihre Gestaltung ist ihre Pflege, ihr Wandel in der Zeit.
Horst Göbbel
Schlagworte: Vortrag, Siebenbürgen, Friedhofspflege
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29. Februar 2012
11:00 Uhr