3. Mai 2010

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Grabrede für einen Freund

Hans Bergels Grabrede für Walter Schuller am 17. April in Fuchstal (siehe auch Nachruf in der Siebenbürgischen Zeitung Online vom 21. März 2010).
Solange einer lebt, nehmen wir es für selbstverständlich, dass er da und bei uns ist. Erst wenn er uns verließ, stellen wir die Frage: Wer war er über das Alltagsbild hinaus, das wir von ihm hatten? Es gehört zu unseren Unzulänglichkeiten, die wesentlichen Fragen – in der Regel – zu spät zu stellen. Wer war Walter Schuller? Der Bruder, der Ehegatte, der Vater? Ich frage: der Freund?

Er war ein Mann, der das Alte als das Zuverlässige liebte. Das alte Gemälde, das alte Buch, die alte Uhr, Wort und Weise des alten Volksliedes, die alte Musik, die alte Geste der Höflichkeit – die uralte Wärme des Herzens.Hans Bergel (links) mit dem Sohn des ...Hans Bergel (links) mit dem Sohn des Verstorbenen, dem FAZ-Journalisten Konrad Schuller, nach der Beerdigung im Landhaus der Familien Toma-Schuller in Fuchstal bei Landsberg/Lech. Foto: Konrad Klein Das umfassende Wissen um diese Dinge nennen wir „Bildung“. Walter Schuller war ein gebildeter Mensch. Seine Bildung fiel nicht auf. Sie war Teil seiner selbst. Höheres kann über die Bildung eines Menschen nicht gesagt werden, als dass sie nicht mehr auffällt, uns nicht mehr schmückt wie eine Pfauenfeder, die wir eitel vor uns her tragen: Seht, wie ich mit meiner Bildung prahle! Die Vergilsche Weisheit der alten Lateiner: dass das einfache, das stille Leben die vollendete Form des Lebens sei, die Erkenntnis der alten Griechen: „Lathe biosas!“, „Lebe verborgen!“, war auch seine Weisheit und Erkennt­nis. Darin war er unbeirrbar.

Er liebte das Nachtgespräch – die Stunde, in der die Grellheit der Laute und der Farben, wie sie dem Tag eignen, zurückgenommen und gedämpft ist, wenn die Stimme nicht mehr erhoben werden muss, um sich über die letzten Dinge zu verständigen.

In einem langen Telefongespräch im Spätherbst des letzten Jahres las ich ihm das Gedicht vor, dem ich den Titel „Nocturno“ gab. Nachdem ich geendet hatte, schwieg er. Dann sagte er: „Bitte, lies mir das bei meiner Beisetzung vor.“

Nocturno

(…) Dunkler ruhn die Horizonte,
dunkler leuchten Land und Meer.
Das Vertraute, das Gekonnte
wurde fern und fremd und leer.

Nachtgespräch mit frühen Schriften,
Traum und Tod im alten Wein.
Und die späten Stunden stiften
schwebendes Enthobensein.

Tag für Tag gewährtes Leben,
Tanz im immer engern Rund.
Herbst für Herbst dies leise Beben
überm ungewissen Grund.

Herbst für Herbst dies Gold der Weiten –
Abgesang, verwehtes Jahr.
Schaudernd nimmst du das Entgleiten
aller Nähen ringsum wahr.

Nun habe ich es Dir vorgelesen. – Fahr wohl, mein treuer Freund!

Schlagworte: Nachruf, Kultur, Bergel

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