1. Juli 2011
Verwunschen und mystisch sieht der Morgen nach einem heißen Tag aus. Wie eine schützende Decke legen sich die Nebelfelder zwischen Agnetheln und Hermannstadt über das Land. Foto: Marion Homm
Nach dem Essen fahren wir weiter zu unserer Unterkunft für diese Woche. Müde kommen wir in Agnetheln, der Geburtsstadt meiner Mama, an. Eigentlich wollen wir nur noch schlafen, aber wir werden auch hier wieder herzlich empfangen. Die Eltern von Mamas Schwägerin kommen gleich aus dem Haus gelaufen, als sie unser Auto hören. Als wir aussteigen, drückt mich Moşu fest an seinen dicken Bauch und redet auf Rumänisch auf mich ein. Auch hier werden wir sofort zum Tisch durchgeschleust, Buni (auf deutsch Oma) hat natürlich auch schon das Abendessen fertig angerichtet. Der Tisch ist spärlich gedeckt, es gibt eine dicke Wurst und Butter. Dafür aber frische Tomaten aus dem Garten und Käse frisch vom Schäfer. Und das gute Hausbrot. Das typische Brot wird im Steinofen gebacken, bis es schwarz ist. Danach schlägt der Bäcker mit einem Stock die schwarze Kruste ab. Meiner Meinung nach kann Deutschland mit seiner Brotvielfalt diesem leckeren Brot nichts entgegensetzen. Nach dem Essen falle ich todmüde ins Bett. Fünfzehn Stunden Autofahrt sind richtig anstrengend.
Familienbild, links Onkel Dieter, rechts Moşu und vorne Marion Homm mit rumänischen Nachbarn in Agnetheln. Foto: Werner Homm
Am Montag fahren wir in ein nahe gelegenes Dorf zum Markt. Die Straßen von Dorf zu Dorf sind katastrophal. Im Prinzip fährt man von einem Schlagloch ins nächste. Dafür ist die Landschaft links und rechts der Straße unglaublich. Unberührte wilde Felder, dichte Wälder, in die teilweise nicht einmal ein Mensch seinen Fuß gesetzt hat. Und am Horizont, wo der leuchtend blaue Himmel auf die grünen Wiesen trifft, sieht man schon schwarz die Silhouetten der Karpaten.
Papa und Moşu fangen Fischchen im Bächlein hinterm Haus für die Katzen. Foto: Marion Homm
In den folgenden Tagen besuchen wir Birthälm und die Törzburg (Bran). Zwei Städte, in die der Tourismus schon eingezogen ist. Die vielen Kirchburgen in Rumänien, besonders die gut erhaltenen, locken Menschen aus aller Welt. Dabei ist die Wehrkirche in Birthälm noch nicht so überrannt wie die Törzburg. Hier merkt man den Tourismus an allen Ecken. Schließlich lockt es ja auch mit einer weltbekannten Geschichte: In der Burg, die hier auf einer Anhöhe steht, soll hier angeblich der Fürst Vlad Ţepeş, der westlichen Welt besser bekannt als Dracula, gelebt und gemordet haben. Der Grund, warum viele Deutsche Siebenbürgen überhaupt kennen, ist jedoch Bram Stokers Roman „Dracula“, eine ausgedachte Geschichte aus dem Jahr 1897. Für das Geschäft ist diese Geschichte aber ein Segen: Ein Bus nach dem anderen fährt an die Burg heran.
Das Haus der Großeltern in Martinsdorf. Seit der Auswanderung der Familie blieb das große Anwesen unbewohnt. Foto: Marion Homm
Die Heimatverbände der Siebenbürger Sachsen zu Hause in Deutschland sind stark und befinden sich immer mehr im Wachstum, immer mehr Jugendliche wollen zurück zu ihren Wurzeln. Teenager fahren in Reisebussen zum Feiern nach Siebenbürgen, Familien der Generation meiner Eltern kaufen sich dort Häuser und richten sie in mehreren Wochen pro Jahr wieder her. Das Elternhaus meines Vaters in Siebenbürgen wurde, seit die Familie nach Deutschland gereist ist, nicht mehr bewohnt. Niemand hat sich um den Erhalt gekümmert, und so standen wir vor einem prächtigen, ehemals rosafarben gestrichenen Haus mit einer großen Scheune und einem weitläufigen Garten. Hinein konnten wir aber nicht, Roma hatten alles vor langer Zeit abgesperrt und sind abgehauen. Die Bretter von dem großen Tor sind zerschlissen, einige Holzlatten hängen herab. „Du musst dir vorstellen, was das einmal für ein schönes Haus war“, sagt Papa mit Wehmut in der Stimme. Das kann ich, ich hoffe es zumindest. Ich hätte Lust, das Haus zu kaufen und es zu dem zu machen, was es mal war. Alle seine Erinnerungen stimmen nicht mehr mit den Tatsachen überein. Die Schule zerfällt, nur noch in zwei Räumen wird unterrichtet. Auch die Kirche müsste saniert werden, das Pfarranwesen ist verlassen. Aus dem ehemaligen Kindergarten wachsen durch die kaputten Fenster Bäume aus dem Inneren nach außen. Innen liegen neben Scherben leere Bierflaschen und Dosen, hier wird nur noch nachts gefeiert und getrunken. Doch an den Wänden sieht man noch, dass hier einmal Kinder spielten. Kurz überkommt mich bei diesen Anblicken Traurigkeit, ich verstehe nicht, warum die Leute im Dorf alles so verfallen lassen. „Für wen sollen sie es denn aufrecht erhalten?“, fragt Papa mit den Schultern zuckend. Wir laufen still nebeneinander her, dann erhellt sich sein Gesicht. Er macht ein Foto von einem kleinen verkrüppelten Baum, der in einem ehemaligen Bachlauf steht. „Auf diesem Baum bin ich schon als kleines Kind herum geklettert!“, erzählt er „dass der noch steht…“.
Büffel, Kühe und Ziegen - ein beeindruckender Anblick, wenn die große Herde abends nach einem langen Tag auf der Weide ins Dorf zurückkehrt. Foto: Marion Homm
Warum die alten Menschen nicht auch mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen sind, frage ich meinen Papa. Gerade weil auch noch die Zeiten damals so schlecht waren. Im Ceauşescu-Regime sind die Siebenbürger Sachsen enteignet worden, die Kirche wurde ihnen verboten und ihre Lehrer und Gelehrte eingesperrt. „Sie sind hier so tief verwurzelt, dass sie gesagt haben, sie bleiben hier und stehen das durch“, erklärt er. Wie ein Baum denke ich mir. Nach dieser Woche spüre auch ich meine Wurzeln ganz deutlich und schwöre mir, ganz bald wieder zu kommen. Auch zur Seiler Hannitante. Über den Mann von der Hartmann Johanna sagt sie: „Er kann ja alt und schwach sein und ans Bett gebunden. Aber wer ein starkes Herz hat, den nimmt Gott noch nicht zu sich“. Wenn es nach dem starken Herzen geht, wird die Seiler Hannitante noch lange, lange leben.
Marion Homm
Schlagworte: Reise, Reisebericht
53 Bewertungen: ![]()
Artikel wurde 9 mal kommentiert.
Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich.
Schmökern und recherchieren im Archiv der SbZ von 1950-2010.