21. Oktober 2009
Auf dem Weg zur Einweihung der neuen Glocken: von links: Dr. Franchy, Pfr. Zey, Pfr. Krauss, Bischof Dr. Klein, Pfr. Fröhlich, Landeskirchenkurator Prof. Philippi. Foto: Lucian Moise
Der für uns einmalige und einzigartige Akt der Weihe vollzog sich im Freien vor dem Südportal der fast vollständig gedeckten Kirche am 11. Oktober ab 10.00 Uhr. Die Blaskapelle des Deutschen Forums Bistritz hatte die Menschen eingestimmt, bevor sich der Zug der Geistlichen und Ehrengäste aus dem In- und Ausland, angeführt von Bischof D. Dr. Christoph Klein, Stadtpfarrer Johann Dieter Krauss, Diasporapfarrer Pfarrer Johann Zey, ehemaliger Stadtpfarrer Günther Klöss-Schuster, Stadtpfarrer i. R. Gerhard Schullerus, Pfr. i. R. Wolfgang Rehner, Pfr. Kurt Boltres, Pfr. Andreas Hartig, Landeskirchenkurator Prof. Friedrich Philippi, Hauptanwalt Friedrich Gunesch, Bezirksdechant Hans-Bruno Fröhlich, Ortskirchenkurator Dr. Roland Karoli vom Pfarrhaus am westlichen Ende des Kornmarktes zum Südportal begab. Zur Festgemeinde gehörten – und wurden von Pfarrer Krauss im Gottesdienst herzlich begrüßt – u.a. der orthodoxe Protopop Alexandru Vidican, der katholische Dekan Gered Peter, die reformierte Pfarrerin Csurka Katalin, Repräsentanten der griechisch-katholischen, der ungarischen lutherischen Kirchen, hohe Vertreter der Politik – etwa der Senatspräsident Rumäniens Mircea Geoană, Staatssekretär Ioan Andreica, Präfekt Florin Daniel Cristian, der Vorsitzende des Kreisrates Liviu Mihai Rusu, Abgeordnete auf Landes- und Kreisebene, sowie an zentraler Stelle der Bürgermeister von Bistritz Ovidiu Creţu mit einigen Stadträten, weitere Repräsentanten des öffentlichen Lebens, der zentralen sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen Organe, der Wiederaufbaufirmen (namentlich Prof. Dr. Szabo Balint, Călin Mariş, Virgil Someşan, Csurka Attila), der lokalen Spender (z. B. Fa. Leoni oder der Verein Mittelalterliches Bistritz), schließlich die zahlreichen Mitglieder des Vorstands der HOG Bistritz-Nösen, geleitet von Dr. Hans-Georg Franchy, die Vertreter des Deutschen Forums, geleitet von Eckehardt Zaig, Thomas Hartig, Ioan Arcălean.
Pfarrer Johann-Dieter Krauss lässt nach der Weihe per Funk die neuen Glocken der Bistritzer Kirche erklingen, von links: Protopop Alexandru Vidican, Pfarrer Krauss, Bischof Christoph Klein, Dekan Peter Gered, Landeskirchenkurator Kurt Philippi, Dechant Bruno Fröhlich. Foto: Michael Weihrauch
In erhebenden Worten nahm Bischof Christoph Klein die Zeremonie der Orgelweihe in deutscher und rumänischer Sprache vor. „Die Glocken werden dem Dienst Gottes geweiht. Sie sollen die Gemeinde zu Wort und Sakrament und zum täglichen Gebet rufen, Zeit und Stunde künden, die Verstorbenen auf dem letzten Weg geleiten, die Eheleute zum Traualtar führen und daran erinnern, dass unsere Zeit in Gottes Händen steht.“ Die anwesenden Vertreter der orthodoxen und der katholischen Kirche – Alexandru Vidican und Gered Peter – sprachen in gutem ökumenischem Geist ihre rumänischen und ungarischen Grußworte. Stadtpfarrer Krauss erläuterte die „Aufgaben“ jeder einzelnen Glocke und aller zusammen, nannte deren biblische Inschriften – Große Glocke: „Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“ (Hebr. 13,8), mittlere Glocke: „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn“ (Psalm 150,6), kleine Glocke: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig im Trübsal, beharrlich im Gebet“ (Römer 12,12) – und ließ sie per Funk läuten. Dass und wie sehr das Glockengeläut in diesen Augenblicken die Anwesenden auf unnachahmliche Weise bewegte, ist in Worten kaum festzuhalten.
Die neuinstallierten Perner-Glocken im Bistritzer Turm. Foto: Michael Weihrauch
Wie bekannt (diese Zeitung berichtete), waren beim zerstörerischen Turm- und Kirchenbrand vom 11. Juni 2008 die Glocken ein Opfer der gewaltigen Hitze: die große Glocke von 1859 und die kleine Glocke von 1555, die den Kirchenbrand 1857 glücklicherweise überstanden hatte und die 1860 in Prag gefertigte Turmuhr (die mittlere, 1859 installierte, 1916 zu Krigszwecken eingeschmolzene, 1932 neu gebaute und im Zweiten Weltkrieg requirierte Glocke war nicht wieder ersetzt worden). Die Glocken schmolzen, die Zifferblätter und alle Holzteile verbrannten bis zur Unkenntlichkeit.
Gespräche beim Empfang der Ev. Kirche im Hotel "Coroana de Aur" in Bistritz, von links: Prof. Szabo, Bürgermeister Creţu, Senatspräsident Geoană, Dr. Franchy. Foto Michael Weihrauch
In einem viel beachteten Grußwort am Ende des Gottesdienstes überbrachte Senatspräsident Mircea Geoană die eigenen und die Grüße des Rumänischen Senats. Er betonte, die Glocken würden eine multiethnische und multikonfessionelle Botschaft der Einheit bedeuten, erwähnte Herta Müller, die heurige Nobelpreisträgerin, als tapfere Gegnerin des abscheu- lichen kommunistischen Regimes und äußerte seine Bewunderung für die Sachsen als „Mitbegründer der rumänischen Nation“ („saşii, cofondatorii naţiunii române“). Staatssekretär Ion Andreica vom Entwicklungsministerium hob hervor, wie sehr auch die nichtdeutschen Bürger der Stadt den Wiederaufbau der Kirche als ihr Interesse ansehen und der rumänische Staat sich so wie bisher in der Pflicht sehe, darüber hinaus die Restaurierung der evangelischen Stadtpfarrkirche finanziell zu begleiten. Dr. Hans Georg Franchy überbrachte in einem prägnanten, in rumänischer Sprache vorgetragenen Grußwort herzliche Grüße von Seiten der HOG Bistritz-Nösen an alle Bistritzer aus Anlass dieses einzigartigen Tages im Leben einer Gemeinschaft. Er hob die symbolische Kraft der Glocken des höchsten Kirchenturms des Landes hervor, die, einem Wunder gleich, nun wieder läuten werden, dankte den zahlreichen Spendern, beglückwünschte namentlich Ing. Someşan als Retter des brennenden Kirchenschiffes und insbesondere Bürgermeister Ovidiu Creţu als mittreibende Kraft des Wiedererstehens dieses städtischen Symbols aus der der Asche und dem Staub des von kriminellen Jugendlichen gelegten Brandes. „Die Glocken mögen hier und über die Grenzen hinweg aufzeigen, dass wir alle, in ökumenischer Brüderlichkeit den Herren, unseren Gebieter, loben.“
Die ev. Stadtpfarrkirche Bistritz am Tag der Glockenweihe. Foto: Horst Göbbel
Den schlagkräftigen Schlusspunkt in der Kirche setzte grußwortmäßig Bürgermeister Ovidiu Creţu, ausgehend vom Datum 24. August 2013, der Tag, an dem die Kirche 450 Jahre seit ihrer Einweihung in der heutigen Gestalt feiern wird. „Vor viereinhalb Jahrhunderten ist es der Gemeinschaft edler Sachsen Siebenbürgens in schwierigsten Zeiten gelungen, materielle, finanzielle, humane Ressourcen zu mobilisieren, um dieses einmalige Kunstwerk zu bauen und von Generation zu Generation zu erhalten und sie uns zu überantworten. Diese Menschen haben uns ein Beispiel friedlichen Zusammenlebens von Deutschen, Rumänen, Ungarn, Juden aufgezeigt. Wir von heute haben diese Kirche als Geschenk erhalten. … Für uns erschien sie ewig, wie die Atemluft. Manchmal sahen wir eine heruntergefallene Ziegel, ein Stück vom Putz, ein zerschlagenes Fenster, blieben jedoch gleichgültig und glaubten, irgend jemand würde sich darum kümmern, denn so, wie die Luft kostenlos war, so sei auch die Kirche etwas, worum sich andere kümmern. Wir glaubten, Pfarrer Krauss und seine kleine Gemeinde würden sich ja dieses Symbols aller Bistritzer annehmen. Am 11. Juni 2008 hat unsere Trägheit, Gleichgültigkeit von oben eine Ohrfeige erhalten, die unser Gesicht rötete, und wir haben begriffen, dass diese Kirche nicht unzerstörbar ist und verloren gehen kann … Es war ein göttliches Zeichen, das die Gemeinschaft der Bistritzer in der Stadt und in der Welt wieder einte, um ein einziges Ziel: Es wurden neue Energien, Materialien, Finanzen mobilisiert und wir haben den Weg des Wiederaufbaus begonnen. Gott der Herr hat uns allen, kleine oder große, Politikern oder Spendern gezeigt, dass es möglich ist, das Ziel zu erreichen, die Kirche wie vor 450 Jahren erstehen zu lassen, wofür ich allen danke. Am 31. Juli war ich tief bewegt in Passau dabei, als die flüssige Bronzemasse in die Glockenform rann. Diese Feuerzungen erklingen heute im Turm der Sachsen und rufen uns wieder zum Verneigen, zum Gebet, zu Toleranz, zu Friedfertigkeit. Zugleich mahnen sie uns, dass Gleichgültigkeit und Trägheit zum vollständigen Verlust dieses Schatzes führen können. Auch deswegen ist die heutige Weihe, diese großzügige Geste der Hilfeleistung der HOG Bistritz-Nösen ein Grund für Freude und Hoffnung. Wir wissen, wir befinden uns auf einem guten gemeinsamen Weg. Werden wir bis zu ihrem Jubiläum am 24. August 2013 im Stande sein, sie wieder in ihrem ursprünglichen Glanz erstrahlen zu lassen? … Ich glaube: Ja! Wir können dies, allerdings nur unter einer Voraussetzung: Gemeinsam!“
Vertreter der HOG Bistritz-Nösen, geführt von Pfr. Krauss, besuchen erstmals die Perner-Glocken im neuen Turminneren. Foto: Michael Weihrauch
Wohlklingender Gesang von Maria Pop, von Natalia Spîn und Noemi Dobokos-Takacs an der Orgel begleitet, verstärkte den festlichen Charakter dieses Tages, der in einen der größten Empfänge mündete, den die Stadt Bistritz jemals erlebt hat. Sponsoren aus verschiedenen Gewerbebereichen der Stadt stifteten den Empfang für über 400 Gäste der evangelischen Kirchengemeinde Bistritz im Hotel „Coroana de Aur“. Hier stellten die Jugendlichen der Bistritzer Forums-Tanzgruppe (Leitung Prof. Ioan Arcalean) und der österreichische Jugendtanzgruppe Traun (Leitung Simon Engler) ihr tänzerisches Können unter Beweis und ernteten großen Beifall.
Horst Göbbel
Schlagworte: Stadtpfarrkirche Bistritz, Nordsiebenbürgen, HOG, Kirche und Heimat
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