Der Bärenkiller
Nicht nur in den bärenreichen Revieren der ältesten Jagdgesellschaft Siebenbürgens und Rumäniens, dem Bistritzer Deutschen Jagdverein (gegründet 1874), sollte sich die Situation des Jagdwesens mit dem Beginn der „Ära Ceauşescu“ (1965 Parteichef, 1967 auch Staatsoberhaupt) grundlegend ändern, sondern auch im gesamten Karpatenraum. Der „Conducător“, dem es an jedwelchem Fachwissen mangelte, entwickelte sich zum „Allesbesserwisser“. Die alles überragende Eigenschaft Ceauşescus war indessen eine unbezähmbare Grausamkeit. Ohne mit den Wimpern zu zucken, schoss er zum Beispiel anlässlich der exklusiv für ihn veranstalteten Großtreibjagden jeden Bären, der ihm vor die Büchse kam, ohne Rücksicht zu nehmen auf Alter und Geschlecht. Allein an zwei Vormittagen 1969 zwischen 9 und 13 Uhr tötete der „Titan der Karpaten“ anlässlich der Herbstkonzentrationen des Bärwildes in der Eichen-Buchen-Region des Reviers Budak, Forstamt Bistritz im Nösnerland, ohne erkennbare Gefühlsregung 31 Karpatenrecken (siehe Abbildung).
Rudolf Rösler: Der "Bärentöter" (N. Ceauşescu) in Siegerpose im Jagdrevier Budak, Herbst 1969
Es ist kaum anzunehmen, dass in der Geschichte der Menschheit je ein anderes Individuum innerhalb von 24 Jahren rund 3 900 Bären getötet hat, wie die rumänische Jagdzeitschrift „Diana“ (Nr. 1/1990) meldete. Der dringendste Wunsch Ceauşescus war indes, alle „Weltrekorde“ bei den Hochwildarten der Karpaten Rumäniens zu brechen. Dieses Vorhaben ist ihm beinahe gelungen. Der eine oder andere Besucher wird sich an die Internationale Jagd- und Fischerei-Ausstellung Nürnberg 1986 erinnern. Alle 28 hochkapitalen Bärendecken des rumänischen Standes waren vom Beherrscher des Staates erbeutet worden, davon allein 23 in Revieren Siebenbürgens.
Der Weiße Gamsbock
Es sei erwähnt, dass Ceauşescu aus dem Drang heraus, den vom Kronstädter Weidmann Hessheimer 1934 erlegten weltstärksten Gamsbock zu überbieten, sogar die Autohochstraße „Transfăgărăşan“ bauen ließ, um in das hochgelegene Gämsenrevier „Cumpăna“ zu gelangen. Da der Weltrekord auf sich warten ließ, ersann er eine unweidmännische Jagdmethode: Dank dieser erlegte der Diktator im Januar 1989 in Gegenwart seiner Frau Elena aus der Gondel der Drahtseilbahn im Revier Buşteni (Butschetsch-Gebirge) 66 Stück Gamswild, darunter zwei Albinos. Die alten, erfahrenen Gebirgsjäger, die einst Könige und Kaiser auf Bär- und Gamswild in den Karpaten führten, prophezeiten das Ende des Jägers innerhalb eines Jahres. Und sie hatten Recht! Nach elf Monaten, am 25. Dezember 1989, wurde das Ehepaar Ceauşescu von einem Militärgericht zum Tode verurteilt und danach erschossen.
„Zlatorog“
In den uralten Märchen und Sagen Südost-Europas und des östlichen Alpenraumes rankt sich so manche Legende um den weißen Gamsbock. Der Aberglaube der Jäger und Hirten will es wissen: Wer es wagt, den weißen Bock zu erlegen, ist in Jahresfrist ein toter Mann. Dieser Aberglaube fand neue Nahrung, als Kronprinz Rudolf von Österreich, der eine weiße Gams schoss, innerhalb eines Jahres in Mayerling 1889 (genau 100 Jahre vor Ceauşescus Tod!) tragisch aus dem Leben schied.
Rudolf Rösler: Der "Conducător" als Vampir Dracula
Der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand erlegte am 27. August 1913 eine weiße Gämse und wurde innerhalb der in der Sage bekannten Frist am 28. Juni 1914 in Sarajevo ermordet. Der Anlass für den Ersten Weltkrieg war gegeben! Inzwischen wissen es die Karpatenjäger nun mit höchster Gewissheit: Die Sage stimmt, denn sie wurde durch den gewaltsamen Tod Ceauşescus bestätigt. Die rumänische Jägerschaft hätte dem „größten Jäger aller Zeiten“ (wie Ceauşescu sich gern selbst titulierte) dieses Weidmannsheil schon zu Beginn seiner „Polit-Ära“ gewünscht, wie einer rumänischen Jagdzeitschrift 1990 zu entnehmen ist. Der „Zlatorog“, wie der weiße Gamsbock im Aberglauben der Jäger Südosteuropas heißt, ist mit dem Palladion (Verleiher von Schutz in der griechischen Sage) des weißen Königsmantels gefeit, ist also ein Schützling der Berggeister und Bergfeen. Auch der Teufel zeigt sich bisweilen in der Gestalt des weißen Bockes mit goldenen Hörnern, ist also ein „Satanstier“.
Der Aberglaube brachte es im Laufe der Jahrhunderte zuwege, dass viele weiße Gämsen unbeschossen blieben, obwohl es so scheint, als würde nur das erlegte „Satanstier“ innerhalb eines Jahres den Tod bringen.
Der vom Kronstädter Forstmann und Jagdschriftsteller Emil Witting (geboren 1880 in Kronstadt, gestorben 1952 in Hermannstadt) am 24. September 1940 im Fogarascher Gebirge erlegte weiße Gamsbock scheint nicht aus der Herde des Höllenfürsten gestammt zu haben, war also kein „Satanstier“. Der erfolgreiche Jäger sollte den „Weißen“ zwölf Jahre überleben. Die wahre Geschichte um dieses seltene, sagenumwobene Beutestück veröffentlichte Witting im „Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt“ (1940) unter dem Titel „Der Weiße Gamsbock“.
Fazit: Nicolae Ceauşescu, der „Titan der Karpaten“, schoss das „Satanstier“ mit den bekannten Folgen. Unser Landsmann Emil Witting hingegen erlegte fast mit Sicherheit zu sagen den weißen, nicht Unheil bringenden Gamsbock „Zlatorog“ und lebte danach noch „lange, lange!“, wie es eben dem Ausgang eines echten Märchens zusteht.
Rudolf Rösler
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