4. August 2011
Helfried Weiß (1911-2007)
Die Aussage scheint uns, die wir seither die Arbeit des älteren Freundes bis hinein in die letzten Lebensjahre publizistisch begleiten durften, kennzeichnend für seine Lebenshaltung und seinen Kunstwillen: Bei all der Vielgestaltigkeit seines Werks und bei all der Vielfältigkeit der Techniken, deren er sich, oft auch nur experimentierend, befleißigte, finden sich in jedem Blatt, das er schuf, in jedem Bild, das seine Staffelei verließ, die Zeichen der ihm lebenslang eigenen Suche nach Kommunikation mit dem Bildbetrachter und damit nach sinnstiftender Abbildung von Welt. Ob im Ölgemälde oder im fließenden Aquarell, im herb geschlossenen Holzschnitt oder in der phantasievollen Kollage, ob in Mischtechniken unterschiedlichster Art oder in der skizzenhaft lockeren Bleistift- und Kohlezeichnung – überall lässt sich der eine Grundgestus nachweisen: Mitteilung zu machen und Denkanstöße zu geben. Selbst dort, wo er sich vom Figurativen willentlich entfernte und in Bereiche der malerischen Abstraktion vorstieß, setzte Helfried Weiß unter die jeweiligen Arbeiten zumeist „sprechende“ Titel, mit denen der Bezug zur Realität hergestellt wurde, mit denen sich eigene und Weltbefindlichkeiten verdeutlichen und Aussagen darüber transportieren ließen. Es scheint, dass ihm ein Leben lang jede Unverbindlichkeit, jede abgehobene Esoterik verdächtig war, um so mehr in seiner Kunst, in der er dem hohen Anspruch auf Wahrhaftigkeit und Verantwortung zu genügen suchte.
Helfried Weiß: Herbstlandschaft mit Lerchen, Mischtechnik, 63 x 49 cm, 2002
Seinem künstlerischen Sichmühen um die bildnerische Erkundung und Deutung von Welt und der eigenen Befindlichkeit hat das jedoch keinen Abbruch getan. Bald nach dem Krieg widmete er sich neben der Ölmalerei, der Zeichnung und dem Aquarell zunehmend intensiv dem Holzschnitt. Dazu mag er sich das nötige Rüstzeug bereits an der Münchner Akademie für angewandte Kunst erworben haben, wo bei Josef Henselmann die Holzskulptur Schwerpunkt seiner Ausbildung war. Im frühen Umgang mit dem strengen Material, das kein Abgleiten ins ungenau Beliebige verzeiht, hatte er die nötige Sicherheit gewonnen, um mit Schnittmesser und Stichel erfolgreich gegen die Rigidität des Druckstocks anzukämpfen und ihm lebendig sprechende Realien und Bewegungen zu entreißen. Viele seiner Holzschnitte, auch viele Linolschnitte, gehören heute zu den repräsentativen Zeugnissen siebenbürgischer Kunst im letzten Jahrhundert und sind dadurch, dass sie wiederholt in Ausstellungen zu sehen waren und zudem in vielen Privatsammlungen hängen, zum Gemeingut einer ganzen Generation von Menschen des Landstrichs geworden, aus dem Helfried Weiß hervorgegangen ist.
Vergnügte Alte, Holzschnitt, 46 x 36 cm, 1986
Doch nicht allein in meisterhaften Schnitten, in denen der abgewogene Wechsel von Weiß und Schwarz, von Linie und Fläche zu rigoroser Selbstbeschränkung zwingt, hat der Grafiker meisterhafte Proben seines Könnens geliefert. Auch das freiere Aquarell und vor allen andern seine vielen Blätter in Mischtechnik, die vornehmlich in den letzten Lebensjahrzehnten entstanden sind, weisen ihn im Rückblick unzweifelhaft als Künstler aus. Nicht zufällig hat sein Sohn Ortwin Gerald Weiß, ebenfalls Grafiker, die von ihm eingerichtete Jubiläumsausstellung im Dachauer Wasserturm mit „Der Weg zur Farbe“ überschrieben. Sie belegt, mit welch zunehmend unbeschwerter, ja heiterer Souveränität der Vater im fortschreitenden Alter mit Pinsel und Farbpalette umzugehen verstand.
Helfried Weiß: Bucht Norwegen, Mischtechnik, 63 x 49 cm, 1995
Dennoch: Ein Leben lang war er ein Suchender gewesen. Und wie es Suchenden eigen ist, hat er auch dann, wenn er Erfüllung fand, diese stets nur als Stufe, als Schritt zu bloß vorläufiger Selbstfindung und neuerlicher Suche gesehen. Das, was er seine „Eigenheit“ nannte und die es für ihn zu „bewahren“ galt, hat er nie als statisches Verharren in unverrückbarer Selbstgewissheit verstanden, auch zuletzt nicht. Das allerdings, was von ihm blieb, ist freilich beständig Bleibendes: meisterhaft schöne Bilder und Blätter sowie, in der Erinnerung seiner Bewunderer und Freunde, eine unverfälschte Bescheidenheit, wie sie eben nur wahrhaft Suchende auszeichnet.
Hannes Schuster
Schlagworte: Porträt, Geburtstag, Maler, Kronstadt
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