Wie in meinem jüngst als Buch erschienenen Lebensbericht geschildert, kam ich im Herbst 1941 als „mobilizat pe loc“ zur deutschen Gesandtschaft als Dolmetscher für Rumänisch und Französisch in eine spezielle Abteilung: „Büro des Gesandten“.
Anfangs hatte ich laufend das rumänische Gesetzblatt „Monitorul oficial“ sowie eingehende Schriftstücke zu übersetzen, bei Gelegenheit hier und da zu dolmetschen, auch bei festlichen Anlässen oder Gesprächen des Deutschen Gesandten, Baron Manfred von Killinger, mit dem rumänischen Ministerpräsidenten Mihai Antonescu.
Als dann ein junger Attaché zum Kriegsdienst einberufen wurde, musste ich auch dessen Aufgaben übernehmen. Dazu gehörte u. a. täglich bei der Konsularabteilung eingegangene Anträge auf Einreise in das Reich oder Durchreise zum Militärischen Abschirmdienst MAD (Chef Canaris) zur Überprüfung zu bringen und die geprüften, mit dem Stempel „Politisch und nachrichtendienstlich kein Vorgang“ versehenen Unterlagen zurückzuholen.
Eines Tages lagen da zwei Anträge auf Durchreise in die Schweiz von den Führern der beiden oppositionellen Parteien, des Nationalzaranisten Iuliu Maniu und des Liberalen Gheorghe Brătianu. Gar bald brachte ein anderer Attaché mit besten Beziehungen zu fremden diplomatischen Vertretungen ebenso zu rumänischen Gesellschaftskreisen von einem üblichen Tee-Empfang beim Botschafter der damals neutralen Türkei die sensationelle Nachricht: Die beiden rumänischen Politiker kamen nach Genf zu Verhandlungen über einen Sonderfrieden. Allerdings wurden sie von den Alliierten abgewiesen.
Die Lage spitzte sich auch in Rumänien zu. Im Laufe der nächsten Zeit hatte ich zwei Begegnungen mit dem Gesandten „unter vier Augen“, die bezeichnend waren für seine Einschätzung und Haltung:
Am Morgen des 3. Juni 1944 kehrte von Killinger wieder mal von einer Jagd in Siebenbürgen in unser Ausweich-Quartier nördlich von Bukarest zurück. Ich sehe mich heute noch, zu seinem Wagen gehend und ihm meldend, dass an jenem Morgen die Alliierten in der Normandie gelandet sind. Seine Reaktion, die Fäuste hochstreckend, wutentbrannt: „Die sollen nur kommen! Denen werden wir es zeigen!“ – Meinerseits: „Auf Wiedersehen, Herr Minister ...“
An einem Wochenende Mitte August rief mich der Gesandte aus dem Landquartier am Nachmittag an, er habe gehört, dass ich in der Nacht Luftschutzdienst im Büro habe. Ich solle ihm am nächsten Morgen zwei Dosen Kaviar mitbringen. Ich konnte aber nur eine Dose beschaffen – seine wutentbrannte Reaktion: „Diese Scheißrumänen, nicht mal Kaviar haben sie noch!“
Außerdem übergab ich ihm eine von mir übersetzte Information eines rumänischen Gewährsmannes, dass in der Nacht ein bestimmter Teil des Volkes bewaffnet worden ist. Auch da wieder seine Drohgebärde mit erhobener Faust: „Wo ein Killinger ist, passiert nichts!“
Bloß drei Tage später die Kapitulation Rumäniens am 23. August 1944 – der Gesandte zum König einbestellt – seine Verhaftung dort – Hausarrest in der Gesandtschaft – von Killinger erschießt sich – an welchem Tag ich dank rumänischen Ausweises noch zu meinem Gesandtschaftsrat Rödel gehen konnte, um ihm anzubieten, mit mir zusammen zu flüchten, doch wenn, wollte er nur in Richtung Sofia. Dort hatte ich nichts verloren. Rödel ist in einem Gefängnis in Moskau umgekommen.
Für meine Eltern, Schwester und mich begann nun die Flucht in eine ungewisse Zukunft. Unser Vater hatte sie lange zuvor vorbereitet. In der Zeit flüchteten nur vier weitere Familien aus Hermannstadt. Die Eltern mussten ihr Lebenswerk zurücklassen, dagegen unser aller Leben rettend – wie Vater uns schon längst gewarnt hatte, alles andere zu vergessen.
Erich Haas
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