Im Rahmen einer viertägigen Osteuropareise mit den Stationen Rumänien, Bulgarien und Bosnien-Herzegowina besuchte Bundespräsident Horst Köhler am 3. Juli Hermannstadt. Hier traf das Staatsoberhaupt mit Vertretern der deutschen Minderheit zusammen. In den Gesprächen würdigte Köhler die siebenbürgische Metropole als ein „Vorbild für das gelungene Zusammenleben verschiedener Nationalitäten und Religionen“. Dass sich die Stadt am Zibin bereits im ersten Jahr der EU-Mitgliedschaft Rumäniens als Europäische Kulturhauptstadt (zusammen mit Luxemburg) titulieren dürfe, bewertete der Bundespräsident als gutes Zeichen. Mit diesem offiziellen Besuch verband Köhler im Übrigen auch ein persönliches Motiv: bestehende familiäre Wurzeln.
Zum Abschluss seines zweitägigen Rumänienbesuchs machte der Präsident der Bundesrepublik Deutschland, mit einer großen Delegation und in Begleitung seiner Gattin Eva Luise, der Europäischen Kulturhauptstadt seine Aufwartung. Bei einem Rundgang durch das Zentrum unter der Führung von Bürgermeister Klaus Johannis zeigte sich Köhler begeistert vom restaurierten mittelalterlichen Stadtkern.
Auf dem Besuchsprogramm stand zudem das traditionsreiche deutschsprachige Samuel-von-Brukenthal-Lyzeum, in dessen Aula der Bundespräsident mit Schülern und Lehrern diskutierte.
Besichtigung des historischen Zentrums: Bundespräsident Horst Köhler mit Gattin Eva Luise werden von Bürgermeister Klaus Johannis geführt. Foto: Daniel Baltat.
Im Bischofspalais fand ein Treffen mit Repräsentanten der deutschen Minderheit statt. Laut einem Bericht der
Hermannstädter Zeitung ging es in den Gesprächen mit den Vertretern des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien aus allen Landesregionen sowie der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien insbesondere um die seit 1. Januar 2007 bestehende EU-Mitgliedschaft des Karpatenlandes.
Deutsche Minderheit weiterhin unterstützen
Bischof D. Dr. Christoph Klein dankte dem deutschen Staatsoberhaupt für die bisher erfahrene Unterstützung von Behörden und Privatpersonen aus der Bundesrepublik für die Rumäniendeutschen und bat um „weitere Begleitung und wohlwollende Unterstützung“.
Herzlicher Empfang am Eingang zum Bischofspalais: Bischof D. Dr. Christoph Klein heißt den hohen Gast willkommen. Daniel Baltat.
Mit diesem hohen Besuch verknüpfte Bischof Klein die Hoffnung, dass sich die rumänische Regierung der Bedeutung der deutschen Minderheit stärker bewusst werde, auf dass diese eine zunehmend wichtigere Rolle in den rumänisch-deutschen Beziehungen spielen werde. Mit den Worten „Sie gehören zu uns, auch kirchlich“, überreichte er dem Bundespräsidenten eine Karte des Verwaltungsbezirkes der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien von 1922, der seinerzeit auch Bessarabien und die Bukowina angehörten. Diesen Hinweis auf die Herkunft von Köhlers Eltern nahm das Staatsoberhaupt freimütig auf. „Meine Eltern haben ein schweres Leben gehabt, aber sie haben mir Respekt und Liebe für Rumänien vermittelt“, erklärte Köhler und unterstrich: „Ich bin hergekommen, weil mir Hermannstadt am Herzen liegt.“ Der Bundespräsident sicherte zu, „weiter daran zu arbeiten, dass die Unterstützung für die deutsche Minderheit in Rumänien weiter auf einem entsprechenden Niveau erhalten bleibt“.
„Diese wahrhaftig europäische Stadt“
Zuvor hatte Bundespräsident Köhler in Gegenwart zahlreicher Pressevertreter von einem selbstverständlichen Besuch in Hermannstadt gesprochen, zum einen, um zur Berufung als Europäische Kulturhauptstadt zu gratulieren, zum anderen, „weil es hier deutsche Wurzeln, deutsche Kultur gibt“. Aus der Tatsache, dass diese deutschen Wurzeln ihn persönlich betreffen, machte Horst Köhler keinen Hehl. Er freue sich, hier zu sein, wo er familiäre Wurzeln habe, denn die Familie seiner Mutter habe in Hermannstadt gelebt.
Im Rathaus trug Bundespräsident Horst Köhler nach einem Gespräch mit Bürgermeister Klaus Johannis folgende Sätze in das Goldene Buch der Stadt ein: „In und um Hermannstadt leben verschiedene Völker und Religionen friedlich zusammen. Grundgedanken der europäischen Einigung sind hier seit Jahrhunderten gelebter Alltag. Ich wünsche Hermannstadt, dieser wahrhaftig europäischen Stadt, eine blühende Zukunft“.
Zum Auftakt seines auf Einladung von Präsident Traian Băsescu erfolgten Rumänienbesuchs traf das deutsche Staatsoberhaupt mit seinem rumänischen Amtskollegen in Bukarest zusammen. Dabei bescheinigte Bundespräsident Köhler dem Land zwar Fortschritte bei seinen Reformbemühungen, gleichzeitig forderte er Rumänien zu einer Fortsetzung des Kampfes gegen die Korruption auf. Es liege im eigenen Interesse des jungen EU-Mitgliedsstaates, ein unabhängiges Justizsystem und eine effiziente Verwaltung zu schaffen. Nach dem Treffen mit dem rumänischen Staatspräsidenten Băsescu stand auch ein Gespräch mit Regierungschef Călin Popescu Tăriceanu auf dem Besuchsprogramm.
Horst Köhler ist mittlerweile der fünfte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland - nach Gustav Heinemann, Karl Carstens, Roman Herzog und Johannes Rau -, der nach Rumänien gekommen ist. Auf Köhlers familiäre Wurzeln abhebend, titelte das
Hamburger Abendblatt: „Reise in die Vergangenheit“.
Christian Schoger
Artikel wurde 3 mal kommentiert.
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1 • schomborer schrieb am 06.08.2007, 12:54 Uhr:
Immer mehr wird Hermannstadt so vorgestellt wie eine
alte rumaenische Stadt. Doch ist es spürbar, dass die
"dakoromanischen" Nachfolger sich in der Stadt immernoch
fremd fühlen! Die echte Atmosphaere der Stadt ist vorbei und trotzt aller oberflaechlichen Glanz ist die Balkanisierung greifbar! Schade!
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2 • messerin schrieb am 11.08.2007, 17:26 Uhr:
habe bei meinen vielen Besuchen noch keine junge Rumänin oder einen Rumänen getroffen, der sich in Sibiu fremd fühlte, so ein Blödsinn. Und den Begriff Balkan stets negativ zu besetzen, ist auch ziemlich vorgestrig.
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3 • lori schrieb am 13.08.2007, 00:18 Uhr:
Hallo Allerseits,
Kollege schomborer
ich verstehe nicht warum Hermannstadt eine Ausnahme sein sollte, was die Balkanisierung angeht? Geniesst Hermannstadt etwa Welpenschutz? Fast alle siebenbürgischen Städte sind balkanisiert, Hermannstadt muss man sogar ein Kompliment machen, nämlich, es scheint den Balkan erfolgreicher zu europäisieren als andere. Dass sich die Neubürger schlecht fühlen halte ich eher für ein Gerücht- sie fühlen sich wohl, zu wohl, so wohl, dass sie andere nachziehen lassen. Das verändert den Charakter der Stadt, das sehe ich auch so!
Kollegin Messerin
wir sprechen hier von Balkanisierung. Ob der nun negativ oder positiv besetzt wird, ist reine Geschmacksache. Vorgestrig ist er auch nicht, denn der Ministerpräsident Popescu-Tăriceanu hat ihn vor wenigen Wochen verwendet, indem er von einem Zustand sprach, der zu überwinden gilt.
Eine tragisch -komische Geschichte erinnerte mich wieder an diesen Zustand.Auf der Autobahn Bucurreşti- Constanţa gab es einen schrecklichen Unfall wegen des Rauchs, der durch die Verbrennung des Unkrauts auf den umgebenden Feldern entstanden war. Es gab in der Presse bzw. in den Online Foren, die abstrusten Kommentare(Zb: wo bleibt der Minister? wieso lässt man Dacias mit Anhänger auf der Autobahn fahren usw.) Niemand kam aber auf die Idee, dass es in der EU verboten ist, die Felder anzuzünden. Das meine ich mit Balkanisierung, Balkanmentalität oder ähnliches!
Gruss
Lori
[Beitrag am 13.08.2007, 00:22 von lori geändert]