14. März 2010
1. Blick über die mittelalterlichen Dächer von Hermannstadt. Foto: Dieter Konnerth
Von Neugier getrieben machten wir uns schon bald auf den Weg in die Straßen und Plätze. Ich war sogleich überwältigt von der Schönheit und Aufgeräumtheit des großen Platzes mit seinen harmonisch sich zusammenfügenden, nicht nur hier sehr gut hergerichteten Gebäuden. Auf der Suche nach einem Lokal zum Essen, landeten wir schließlich im „Astra“, wo sich drei Kellner um lediglich zwei Gäste kümmerten. Wir sollten immer wieder die Erfahrung einer sehr geringen Nachfrage in Gaststätten und Läden machen. So zum Beispiel waren in Kronstadt am Markt kaum Käufer zu sehen, dafür aber jede Menge Blumen aus Holland. Die Gewächshäuser in Zeiden (Codlea) gibt es nicht mehr. Die Käufer fehlen offenbar auch in Fogarasch, wo beim Balas, entlang der ganzen Straße neben der Burg, die früher als Busbahnhof und Parkplatz für alle möglichen Gefährte diente, heute nun relativ solide gebaute Bretterschuppen bzw. -hallen für Bekleidung und andere Waren stehen. Nur in den Supermärkten „Billa“ in Hermannstadt waren einige wenige Kunden. Das Warenangebot stand hier dem eines westlichen Supermarktes in nichts nach. Bedauerlich nur, dass die Paprika aus Holland und die Tomaten aus Polen kamen.
2. Im (ehemaligen) Wein- und Obstgarten, Scharosch bei Fogarasch. Foto: Dieter Konnerth
Tags darauf fuhren wir nach Mühlbach und Petersdorf. Als die lange Ausfahrtstraße, die mit den vielen Gewerbebauten und Tankstellen an westliche Verhältnisse erinnerte, zu Ende ging, fiel uns schon bald das viele brachliegende Land auf. Dieser Anblick, der uns nahe ging und traurig machte, sollte sich uns auf der ganzen Rundreise immer wieder bieten: viel Wildwuchs und Unkraut, herumliegendes Plastik, nur selten kleine Mais- und Luzernenfelder. Ausgedehntere umgeackerte Flächen trafen wir nur im Burzenland an. So war in den Weingärten in Scharosch keine Weinrebe mehr zu sehen, die Obstbäume verwildert. Vor Deutsch-Weißkirch zogen sich so weit das Auge reichte die stählernen Hopfenstangen mit noch tadellos gespannten Drähten entlang, ohne die Spur einer Bepflanzung. Aber immer wieder waren Schaf- und Kuhherden mit auffallend vielen Pferden zu sehen. Zweifellos förderte aber diese Art der „Bewirtschaftung“ das Urige und Naturnahe der Landschaft, was uns nun wiederum positiv beeindruckte. So war der Rückweg auf der Landstraße über Săsciori, Kelling und Urwegen in der Abendsonne unvergesslich. Die herbstliche Farbenpracht, die nahezu unberührte Natur, die sich unseren Augen bei einem Halt auf einer Anhöhe darbot, diese zeitlose Stille und der tiefe Frieden waren ein unvergessliches Erlebnis. (Bild 2, 3)
3. Schäfer mit Herde am frühen Morgen, Seligstadt. Foto: Johanna Seidl
Die nächste Etappe unserer Reise führte uns durch das Harbachtal über Agnetheln bis Seligstadt. Urig und verwildert war der Harbach, zu dem ich hinunter stieg und bei dessen Anblick die Tage meiner Kindheit beim Fischen an unserem Bach angenehm in Erinnerung kamen. Weniger angenehm zeigte sich der Harbach dann in Agnetheln. Auf dem Weg zur Kirche überquerten wir ihn: hier nur noch eine stinkende Kloake. Der Rundgang über den Friedhof und um die Kirchenburg in Mergeln war ebenfalls ernüchternd. Die Gräber waren auch hier mit Steinplatten zugedeckt. Doch am meisten setzte uns der Anblick des Schulgebäudes neben der Wehrmauer zu, fehlten doch an allen vier Ecken die Fallrohre der Regenrinnen, so dass das Mauerwerk vor allem an diesen Stellen in einem erbärmlichen Zustand war (siehe Bild 4).
4. Schaden am Schulgebäude (ein Beispiel), Kirchenburg Mergeln. Foto: Dieter Konnerth
Fehlende bzw. gestohlene (wie uns mehrfach gesagt wurde) Abflussrohre, schadhafte Dächer mit entsprechend verheerenden Folgen für Mauerwerk und Gebälk konnten wir immer wieder an den Kirchen und zugehörigen Bauten sehen, was uns sehr betrübte und beschäftigte. Daher vernahmen wir mit Genugtuung die Bemerkung der alten Frau, die die Besucher der Kirchenburg in Deutsch-Weißkirch empfängt: auf ihr Beklagen der Schäden am Kirchendach hätten vor einer Zeit Bergkletterer aus der Schweiz spontan ihre Ausrüstung geholt, sich vom Kirchturm abgeseilt und die fehlenden Ziegel ersetzt. Richtig Freude aber kam in Seligstadt auf, als wir dort bei Anbruch der Dunkelheit und nach etlichen Stunden Fahrt auf mit Schlaglöchern übersäten Straßen ankamen und das wunderbar hergerichtete Pfarrhaus betraten. Mit etwa 60 Schlafplätzen und den Einrichtungen in den gewölbten Kellerräumen und auf dem umliegenden Gelände ist das Anwesen vor allem für Jugendgruppen bestens geeignet. Auch die technische Ausstattung, angefangen von der Küche über Heizung bis hin zur Wasserversorgung, lässt kaum etwas zu wünschen übrig. Der Verwalter und seine Frau waren freundlich und zuvorkommend bemüht, uns einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen. (Bild 5)
5. Renoviertes Pfarrhaus, Seligstadt. Foto: Johanna Seidl
Auf unseren Ausflügen in der Umgebung fiel der Blick am Ortseingang von Bekokten auf ebenso viele Antennenschüsseln wie auf verlassene oder zusammengefallene Häuser. Das mir vertraute Scharosch, in meiner Kindheit noch ein einheitliches, typisches sächsisches Dorf, war nun von grell angemalten Häuserfronten und von stilfremden An-, Auf- bzw. Neubauten durchsetzt. (Bild 6) Das Anwesen meiner Großeltern, ehemals stattlich und aufgeräumt, stand jetzt verkommen da, mit sperrangelweit offenem Tor, Wildwuchs im Hof, Löchern im Mauerwerk und einer Scheune kurz vor dem Zusammenfallen. Ein Blick durch das Fenster in der hinteren Stube erinnerte mich eher an eine Rumpelkammer und nicht an eine medizinische Versorgungsstation, die das Haus nach unserer Ausreise beherbergt. Wir besuchten Scharosch an einem Sonntag, insgeheim auf eine Gottesdienstteilnahme hoffend. Wie ganz anders kam es dann: an Stelle der beschaulichen und feierlichen Sonntagsstimmung meiner Erinnerungen fanden wir ein eher alltägliches Treiben vor; ein Vater transportierte mit seinem Sohn Steine in einer Schubkarre zu ihrem Haus neben der Kirche; neben dem Friedhof wurde auf einem Feld Kukuruz abgebrochen; vor der „Cooperativa“ mit „Bufet“ standen ein gutes Dutzend Männer lässig herum. Immerhin läuteten noch die Glocken unserer Kirche und in der rumänischen Kirche wurde Gottesdienst abgehalten.
6. Bunte Häuser, Scharosch bei Fogarasch. Foto: Dieter Konnerth
Beklagenswert auch, dass es offenbar immer noch nicht gelingt, eine gute Regierung auf die Beine zu stellen und die Probleme des Landes, insbesondere die Korruption, anzugehen. Zum Zeitpunkt unserer Reise spielte sich gerade dieses Drama mit Wahlbetrugsvorwürfen und Regierungsrücktritt ab, das teilweise eher den Charakter einer Schmierenkomödie à la Caragiale hatte. Immerhin zeigte sich aber eine offene und freie Meinungsäußerung in den Zeitungen wie auch im Fernsehen, mit zum Teil schonungsloser Kritik und unglaublichen Vorwürfen an die Politiker. Früher war so was undenkbar!
Dieter Konnerth
7. Rebstock am Haus, Martinsberg. Foto: Johanna Seidl
Nun war ich auf den Ort meiner Kindheit und Jugend gespannt: Petersdorf bei Mühlbach. Nun ja, das Dorf kann sich im Großen und Ganzen sehen lassen. Die neuen Besitzer der Häuser pflegen ihr Eigentum. So auch mein Elternhaus. Sie haben einiges verändert, aber vieles ist noch so geblieben, wie es war. Es hat gut getan, Vertrautes wiederzusehen und festzustellen, dass sie das, was meine Eltern geschaffen haben, nicht kaputt gemacht haben, sondern es schätzen und weiterführen. Und sich daran freuen. Ich habe mich mit ihnen gefreut.Johanna Seidl
Schlagworte: Reise, Reisebericht
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