Lechnitz - Informationen

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HOG-Informationen / Geschichte

Lechnitz, rumänisch Lechinta, magyarisch Sz szlekence, sächsisch Lachenz. Marktort, 20 km südwestlich von Bistritz gelegen, größte Landgemeinde im Nösnergau. Der Name ist aus Lech = dürr und nitz = Bach entstanden. Erste schriftlich nachgewiesene Erwähnung in einer päpstlichen Urkunde aus dem Jahre 1333 unter dem Namen Lekenche.

Geschichte
Die ursprüngliche Gemeinde lag etwa einen Kilometer nördlich . Sie wurde von der Stefanskirche, die "Of der Ebmd", auf der Ebene stand, überragt. Im Mongolensturm von 1241 wurde die Gemeinde zerstört und danach im Tal des Baches, an ihrem jetzigen Ort in günstigerer und sicherer Lage wieder aufgebaut.
Als bedeutendster Ort des Bistritzer Kapitels wurde Lechnitz 1453 zum Markt erhoben und erhielt 1474 das "jus gladii" (die Blutgerichtsbarkeit) zugesprochen.
Eine schwere Heimsuchung erfuhr die Gemeinde während der kriegerischen Auseinandersetzungen in Siebenbürgen zu Beginn des 17. Jahrhunderts. 1642 waren nur noch acht Wirte (Bauern) in der Gemeinde, und es dauerte Jahrzehnte, bis sich der Ort, vor allem durch Zuwanderer, erholte. Die Namen der zugezogenen Familien, vor allem Kandert, Jung, Broser, Bertleff, Kremer, Raidel, Hanek, haben sich bis in die Gegenwart erhalten.


Geschichtstabelle
1335 Erste urkundliche Erwähnung des Namens Lechnitz. In einer päpstlichen Urkunde wird Pfarrer Johann plebanus de Lekenche genannt. 1452 Erstmals wird der Name der Bartholomäuskirche und einer Schule, eines Rektors und eines Prediger-Lehrers genannt. Die Kirche stammt aus dem 14. Jahrhundert. Der Glockenturm wurde im 15. Jh. gebaut. 1453 Lechnitz wird zum Markt erhoben. 1474 Lechnitz erhält das Jus Gladi; die Blutgerichtsbarkeit. 1488 Lechnitz ist der bedeutendste Ort des Királyer Kapitels 1494 Ältestes Taufbecken von Lechnitz. (In der Sakristei von Sächsich-Regen in Sicherheitsverwahrung) 1547 Erster Evangelischer Pfarrer – Christian Pomarius. 1602 Im Bürgerkrieg wird Lechnitz total verwüstet. Es bleibt nur ein einziger Wirt am Leben. 1603 Pfarrer und Rektor werden von Soldaten des Generals Basta erschlagen. 1634 Über 200 Menschen sterben an einer Pestepidemie. 1642 In Lechnitz leben nur noch 4 Wirte. 1680 Der Sachsencomes Matthias Simbringer stiftet der Gemeinde eine silberne Abendmahlskanne. 1695 In Lechnitz leben 22 Wirte. 1730 Lechnitz zählt 2500 Einwohner, darunter 1400 Sachsen 1741 Stiftung des bemalten Kirchengestühls durch Anna Dorothea Wölffin. 1793 Anschaffung der großen Glocke. 1800 In Lechnitz werden jährlich drei Jahrmärkte abgehalten. 1808 Das erste Zigeunerkind wird evangelisch getauft. 1836 Einer Cholera-Epidemie fallen in wenigen Wochen 114 Gemeindeglieder zum Opfer. 1838 Im „Herren-Garten“ wird ein neuer Friedhof angelegt. 1861 Einbau einer Orgel der Firma Hesse aus Wien in die Kirche. Einbau einer Uhr in den Glockenturm. 1882 Großfeuer in Lechnitz 1900 Lechnitz zählt 1889 Einwohner 1904 Commassation, Flurbereinigung 1907 Einbau einer neuen Orgel der Firma Wegenstein 1908 Verkauf der Hesse-Orgel an die Gemeinde Passbusch. Sie wurde 1986 nach Auflösung der Gemeinde als Chororgel in die schwarze Kirche von Kronstadt gebracht. 1914 Altarbild von Anna Dörschlag aus Sächsisch-Regen. 1923 Anschaffung der mittleren und kleinen Glocke aus einer Hermannstädter Glockengießerei. Die Vorgängerin wurde im 1. Weltkrieg eingeschmolzen. 1934 Einweihung des Lutherhauses. 1944 Flucht der sächsischen Bevölkerung nach Niederösterreich. Die Orgel wurde in den Monaten danach zerstört, der Friedhof verwüstet. 1945 Flucht aus Niederösterreich nach Niederbayern. 1946 Übersiedlung der Gemeinde nach Mittelfranken. 1999 Schenkung der Lechnitzer Kirche an die ref. Gemeinde der Ungarn. 2001 Einbau einer neuen elektronischen Funkuhr in den Glockenturm. 2002 Lechnitz ist Großgemeinde und zählt mit Bungard, Jakobsdorf, Kyrieleis, St. Georgen, Tatsch, Wermesch und Ziegendorf 6052 Einwohner, darunter 13 Sachsen (in Lechnitz 9).

Bevölkerung
Nachdem die ursprüngliche Zahl von etwa 1 000 Einwohnern im 16. Jahrhundert auf etwa 40 in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zurückgegangen war, gab es erst hundert Jahre später wieder an die 1000 Einwohner, davon 74 Prozent Sachsen. 1850 waren es 1677 und 1900 schon 1989 Einwohner.
Durch den Zuzug vor allem von Rumänen erhöhte sich die Einwohnerzahl bis 1930 auf 2 351. Darunter waren 1 134 (48 Prozent) Sachsen, 603 Rumänen, 159 Magyaren, 162 Juden und 289 Zigeuner. Von diesen war etwa die Hälfte evangelisch A.B. (Augsburgischen Bekenntnisses) wie die Sachsen. 1944, im Jahr der Flucht, gab es in Lechnitz 1 151 Sachsen. Von ihnen lebt heute, 53 Jahre danach, noch genau die Hälfte.
In Lechnitz leben unter inzwischen 6 000 Einwohnern nur noch eine Handvoll Sachsen.

Wirtschaft
Die Lechnitzer waren zu 90 Prozent Bauern. Ihnen stand ein Hattert (Gemarkung) von 7 281 Katastraljoch = 4 190 Hektar zur Verfügung. Der hohe Leistungsstand der Landwirtschaft war auch darin begründet, daß auffallend viele junge Leute Landwirtschaftsschulen besuchten. Mit 361 Joch = 208 Hektar Weingärten spielte der Weinbau eine besonders wichtige Rolle, zumal der Lechnitzer Wein zu den besten in Siebenbürgen zählte.

Kirche
Spuren der Stefanskirche, die der Mongolensturm vernichtete, sind noch in diesem Jahrhundert wiederholt aufgefunden worden. Der zweiten Kirche, die in der neuen Ortschaft auf der Anhöhe über dem Tal gebaut worden war, folgte bald eine dritte: die gotische Bartholomäuskirche, deren romanisches Westportal aus Bauteilen ihrer Vorgängerin stammt.
Die Bedeutung der Kirchengemeinde wurde schon zur Zeit der Reformation besonders gewürdigt. Kein Geringerer als Christian Pomarius, eine bedeutende Gelehrtenpersönlichkeit des Sachsenvolkes, war von 1554 bis 1565 Pfarrer und Bezirksdechant in Lechnitz. Er hatte in Deutschland studiert und war Kronstädter Notarius gewesen.
Der Taufstein von 1494, einer der ältesten in Siebenbürgen, ist inzwischen sichergestellt worden, nachdem hier keine evangelischen Gottesdienste mehr stattfinden und die Kirche wegen ihres Zustandes nicht mehr einbruchssicher ist.

Schule
Schon 1452, ein Jahrhundert vor der Reformation, gab es in Lechnitz eine Schule mit vermutlich zwei Lehrern.
Die deutsche Schule war zuletzt vierklassig. Jedes Jahr wurden zwei Jahrgänge eingeschult.

Lutherhaus
Mittelpunkt des vor allem kirchlich geprägten Gemeindelebens war das Lutherhaus, zwischen Kirche und Schule gelegen. Hier fanden alle kulturellen und gesellschaftlichen Veranstaltungen statt und natürlich auch die Hochzeiten. Gebaut wurde es aufgrund einer Initiative von "Sechzehn Kameraden", angesehenen Gemeindebürgern, eingeweiht 1934.

Musikkapelle
Die "Turner", wie man sie in Nordsiebenbürgen, abgeleitet von den Türmern, nannte, spielten im kirchlichen wie gesellschaftlichen Leben eine besondere Rolle. In guten Zeiten aus 50 Musikern auf hohem Ausbildungsstand bestehend, haben sie sich hier, obwohl ihre Zahl immer kleiner wurde, bis in die siebziger Jahre gehalten.

Kriegsopfer
Zu den einschneidenden Ereignissen gehörte die Rekrutierung der Männer in die deutsche Armee. In den Jahren 1942 bis 1944 sind fast alle Männer eingezogen worden. Trotzdem ist die Zahl der Opfer, verglichen mit anderen Gemeinden, erstaunlich niedrig. Im Ersten Weltkrieg waren es 27 Tote, im Zweiten Weltkrieg 29. Ein Zahlenverhältnis, das in anderen Gemeinden viel gravierender ist.

Flucht
Fast ausnahmslos flüchteten die Lechnitzer am 17. September 1944 beim Herannahen der sowjetischen Truppen in einem Treck nach Westen. Nach rund 2 000 Kilometern kamen sie zunächst in Niederösterreich unter, mußten aber dann im Frühjahr 1945 weiter nach Westen fliehen. In Niederbayern überstanden sie das Kriegsende und blieben bis zu ihrer Verlegung nach Mittelfranken dort. Im April 1946 brachte man sie im Landkreis Rothenburg ob der Tauber unter. Von dort aus zerstreuten sie sich dorthin, wo sie Arbeit und Auskommen für ihre Familien fanden.
Nicht alle Lechnitzer sind im Frühjahr 1945 von Niederösterreich weiter nach Westen geflohen. Manche wurden von den Sowjets zwangsweise nach Siebenbürgen zurückgebracht. Ihnen gelang es erst in den sechziger und siebziger Jahren, aus Rumänien in die Bundesrepublik auszusiedeln.

Singen und Tanzen
Die Lechnitzer pflegten, obwohl sie sich immer mehr zerstreuten, nach wie vor einen starken Zusammenhalt, dessen sichtbarer Ausdruck die alljährliche Kirmes war, zu der sie nach Rothenburg kamen, auch wenn sie noch so weit wohnten.
Ein Element besonderen Zusammenhalts war die Lechnitzer Sing- und Tanzgruppe. 1942 als Spielschar gegründet, fanden sich die jungen Leute schon Ende 1944 wieder zusammen, sangen, tanzten und spielten Theater. Das setzte sich 1946 in Deutschland fort. Es war die erste Gruppe, die bis weit in die fünfziger Jahre in der Bundesrepublik siebenbürgisches Kulturgut dieser Art bei verschiedenen Gelegenheiten vorführte und mit ihren schönen Trachten Aufsehen erregte. So beim Münchner Oktoberfest ab 1949, bei den Treffen in Dinkelsbühl, bei Festwochen und andere Festveranstaltungen in Deutschland.

Die Heimatortsgemeinschaft
Die Gründung der Heimatortsgemeinschaft (HOG) Lechnitz war eigentlich nur der Anfang einer neuen Organisationsform für eine Einrichtung, die längst bestand. Die Gründung erfolgte 1984 beim Gedenken an den 40. Jahrestag der Flucht. Heute hat die HOG rund 220 Mitglieder. Sehr viele, wenn man bedenkt, daß von den Hausgemeinschaften des Jahres 1944 nur noch 171 übrig sind.

Sozialstruktur
1944 waren 90 Prozent der Lechnitzer Bauern. Ihre Söhne, also die zweite Generation, sind nur noch zu 14 Prozent in der Landwirtschaft geblieben, 32 Prozent sind Handwerker, 16 Prozent Arbeiter, 11 Prozent Angestellte, die anderen Ingenieure, Kaufleute, Beamte. Unter den Töchtern sind gleich 6 Prozent Lehrerinnen geworden. Die meisten Töchter, 34 Prozent, haben Beamte, Angestellte, Ingenieure und Kaufleute geheiratet und nur 9 Prozent Landwirte. Daß aus der zweiten Generation nur 15 Männer (9 Prozent) eine Lechnitzerin und nur drei Frauen (2 Prozent) einen Lechnitzer geheiratet haben, fällt besonders auf. Für siebenbürgische Ehepartner aus anderen Ortschaften entschieden sich immerhin 18 Männer und 28 Frauen. Was aber besonders auffällt: 60 Lechnitzer Männer und 53 Frauen, also weit mehr als die Hälfte (!), entschieden sich für fränkische Ehepartner.

Literatur
Ein Heimatbuch über Lechnitz, das zweite seiner Art, hat Rektor Georg Felker schon 1968 herausgebracht. Seine Aufzählung und Deutung der Flurnamen dürfte einmalig sein. Die Gedenkbücher zur Erinnerung an die 40. 50. und 60. Wiederkehr des Jahrestages der Flucht ergänzen Felkers Buch.
Außerdem erscheint zweimal im Jahr der Lechnitzer Gemeindebrief.

Dokumentation
Der Familienforschung, vor allem auch dem Festhalten von Daten aus der Entwicklung der Familien, dient eine Familienchronik, die seit 1944 fast lückenlos geführt wird. Eine wichtige Ergänzung dazu ist der 2004 erschienene Nachtrag von Martin Hauptmann und Georg Niphut. Familienblätter über Geburten, Heiraten, Todesfälle der letzten 200 Jahre in allen Lechnitzer Familien. Und schließlich: Eine Bilddokumentation, die u.a. weit über 100 Fotos der Fotografin und Volkskundlerin Erika Groth-Schmachtenberger von 1939 enthält.


von Wigant Weltzer/Katharina Dürr


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