Reußmarkt - einen Besuch wert

Allgemeiner Bericht

20. August 2017

Besuch der Siebenbürgischen Kantorei in Reußmarkt, während der Chorreise 2017.
Sollte man Reußmarkt gesehen haben ?
Ich hätte die Frage nicht beantworten können bis vor ein paar Tagen. In Zeiden geboren und aufgewachsen - weit weit weg von Reußmarkt , bin ich in Siebenbürgen wenig „herumgekommen“ vor meiner Auswanderung 1981.
In München erfuhr ich erst von der Existenz dieses Ortes, wie von so vielen anderen siebenbürgischen Kleinstädten und Dörfern, von denen ich in Rumänien nie gehört hatte. Zunächst lernte ich Reußmarkter kennen. Sie sind stark vertreten in München und sehr aktiv in verschiedenen Kulturformationen. Freundliche, aufgeschlossene und musikalische Menschen sind das und ich bin froh, einige von ihnen recht gut zu kennen. Selbstverständlich singen Reußmarkter auch in der Siebenbürgischen Kantorei mit großem Engagement, einem Chor, dem auch ich angehöre.


Alle paar Jahre unternimmt die Kantorei eine Chorreise, die in diesem Jahr - wie könnte es anders sein - nach Siebenbürgen führte. Zwei Wochen Rumänien mit Proben, Auftritten und Besichtigungen. Man freut sich auf Bukarest, Kronstadt, Hermannstadt, Mediasch - klar. Aber was haben die kleinen Orte zu bieten: Großpold, Reußmarkt, Katzendorf oder Bogeschdorf ? Es ist wie immer: Wenn man am wenigsten erwartet, wird man am meisten überrascht.


Ich will mich hier auf Reußmarkt beschränken. Simon Spielhaupter aus München, hatte den Kontakt zu dem HOG-Vorsitzenden Josef Schenker und dessen Stellvertreter Simon Samuel Schenker hergestellt, die mit ein paar helfenden Seelen vor Ort einen herzlichen und kulinarisch üppigen Empfang vorbereitet hatten. Wir fuhren durch den stattlichen Ort zur Kirche, wo im Kirchhof bereits die Tafeln gedeckt waren. Nicht Petit Fours, Amuse Gueules oder Hors D’Oeuvres erwarteten uns, zumindest würde man diesen sprachlichen Schnick-Schnack nie für die bodenständigen, einfachen, aber überaus köstlichen Speisen verwenden. Bocuse und Schuhbeck können uns gestohlen bleiben. Es sei denn, sie kämen auch nach Reußmarkt, um das köstlichste Hausbrot der Welt zu probieren (und zu lernen, wie man’s bäckt ), aber auch die guten Tomaten und Paprika, den Speck und die anderen Spezialitäten, samt Wein und Schnaps.

Pfarrer Wilhelm Meitert, der uns schon in Großpold begrüßt hatte, begleitete uns nach Reußmarkt und las während des Essens ein paar seiner nachdenklichen Gedichte vor.

Da der Mensch nicht vom Brot allein lebt, gab es auch noch eine sehr interessante Führung durch das volkskundliche Sammelsurium von Martin Roth, der uns sein Lebenswerk in den historischen Räumen des alten Pfarrhauses und der Kirchenburg vorstellte. Es ist unglaublich, was Roth gesammelt und dokumentiert hat im Laufe vieler Jahre oder gar Jahrzehnte. Unzählige Bereiche des dörflichen oder kleinstädtischen Lebens stellt er in seinem Museum dar, anhand von Möbeln, Trachten, Bildern, Werkzeugen…Von der Mistgabel (nicht zu verwechseln mit der Heugabel!) über die Mitgift der Braut mit dem aufwändig geschnitzten ausziehbaren Bett, das Leichentuch (das sich jede Familie selbst stickte) bis zur Pionierkravatte, war alles vertreten. Roth selbst ist vor vielen Jahren ausgewandert, hat aber stets gesammelt, angekauft und sein Museum ausgebaut. Es ist „sein“ Museum, zumindest empfindet man das so, wenn man seinen Worten lauscht. Und wie bei allem, was die Sachsen hinterlassen haben, stellt sich auch hier die Frage nach der Zukunft dieser Sammlung. Jeder Ethnograph würde sich wohl die Finger abschlecken und wundschreiben angesichts der Objekte, die wohl in die Tausende gehen. Aber Roth hat beschlossen, alles der Kirche zu überlassen, wobei die Frage, wer von der Kirche das verwalten sollte, sich auch nicht erschloss aus seinen Antworten. Mit seinen 78 Jahren blickt er optimistisch in die Zukunft und macht weiter mit ungebrochener Leidenschaft. Man kann nur hoffen und ihm und den Reußmarktern wünschen, dass sein Werk in kompetente Hände gerät.


In der Kirche durfte die Kantorei schließlich singen, was bei der guten Akustik besonders viel Freude machte.

Zum Abschluss stellte Wilhelm Spielhaupter ein Projekt vor, das sich dem Reußmarkter Maler Robert Wellmann(geb.1866, SBZ berichtete in 2016) verschrieben hat, der unter anderem auch in München an der Kunstakademie studiert hat.

Es ist immer wieder erstaunlich und beeindruckend, dass es doch noch so viele Menschen gibt, die sich in unterschiedlichster Weise in ihren fast sachsenfreien Heimatorten engagieren. Die Heimat verlässt uns wohl nie, egal wohin es uns in die Welt verschlägt.

Im Namen des gesamten Chores bedanke ich mich ganz herzlich bei all denen, die unseren Aufenthalt in Reußmarkt so unvergesslich gestaltet haben: Kurator Michael Fleischer, „Museumsdirektor“ Martin Roth, Pfarrer Wilhelm Meitert und die HOG-Mannschaft(Helga, Karin, Maio, Christa, Seppi, Christian, Klaus und Simon Samuel).


Reußmarkt ist für mich kein unbeschriebenes Blatt mehr. Ich war dort und habe Gutes erlebt.

Annette Königes, August 2017

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