Lustige Gedichte

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kokel
Erstellt am 04.06.2018, 08:40 Uhr
Joachim Ringelnatz (1883-1934)


Schöne Fraun mit schönen Katzen

Schöne Fraun und Katzen pflegen
Häufig Freundschaft, wenn sie gleich sind,
Weil sie weich sind
Und mit Grazie sich bewegen.

Weil sie leise sich verstehen,
Weil sie selber leise gehen,
Alles Plumpe oder Laute
Fliehen und als wohlgebaute
Wesen stets ein schönes Bild sind.

Unter sich sind sie Vertraute,
Sie, die sonst unzähmbar wild sind.

Fell wie Samt und Haar wie Seide.
Allverwöhnt. – Man meint, dass beide
Sich nach nichts, als danach sehnen,
Sich auf Sofas schön zu dehnen.

Schöne Fraun mit schönen Katzen,
Wem von ihnen man dann schmeichelt,
Wen von ihnen man gar streichelt,
Stets riskiert man, dass sie kratzen.

Denn sie haben meistens Mucken,
Die zuletzt uns andre jucken.
Weiß man recht, ob sie im Hellen
Echt sind oder sich verstellen?
Weiß man, wenn sie tief sich ducken,
Ob das nicht zum Sprung geschieht?
Aber abends, nachts, im Dunkeln,
Wenn dann ihre Augen funkeln,
Weiß man alles oder flieht
Vor den Funken, die sie stieben.

Doch man soll nicht Fraun, die ihre
Schönen Katzen wirklich lieben,
Menschen überhaupt, die Tiere
Lieben, dieserhalb verdammen.

Sind Verliebte auch wie Flammen,
Zu- und ineinander passend,
Alles Fremde aber hassend.

Ob sie anders oder so sind,
Ob sie männlich, feminin sind,
Ob sie traurig oder froh sind,
Aus Madrid oder Berlin sind,
Ob sie schwarz, ob gelb, ob grau, –

Auch wer weder Katz noch Frau
Schätzt, wird Katzen gern mit Frauen,
Wenn sie beide schön sind, schauen.

Doch begegnen Ringelnatzen
Hässlich alte Fraun mit Katzen,
Geht er schnell drei Schritt zurück.
Denn er sagt: Das bringt kein Glück.

kokel
Erstellt am 05.06.2018, 04:39 Uhr und am 05.06.2018, 04:41 Uhr geändert.
Kurt Tucholsky (1890-1935)

Nichts anzuziehen –!

Ich steh schon eine halbe Stunde lang
vor diesem gefüllten Kleiderschrank.
Was ziehe ich heute nachmittag an –?

Jedes Kleid erinnert mich ...
also jedes erinnert mich an einen Mann.

In diesem Sportkostüm ritt ich den Pony.
In diesem braunen küsste mich Jonny.
Das da hab ich an dem Abend getragen,
da kriegte Erich den Doktor am Kragen,
wegen frech ...
Hier goss mir seinerzeit
der Assessor die Soße übers Kleid
und bewies mir hinterher klar und kalt,
nach BGB sei das höhre Gewalt.
Tolpatsch.

In dem ... also das will ich vergessen ...
da hab ich mit Joe im Auto gesessen –
und so. Und in dem hat mir Fritz einen Antrag gemacht,
und ich habe ihn – leider – ausgelacht.
Dieses hier will ich überhaupt nicht mehr sehn:
in dem musst ich zu dieser dummen Premiere gehn.
Und das hier . . .? Hängt das noch immer im Schranke ...?
Sekt macht keine Flecke –? Na, ich danke –!
Und den Mantel – ich will das nicht mehr wissen –
haben sie mir beim Sechstagerennen zerrissen!

Ich steh schon eine halbe Stunde lang
vor diesem gefüllten Kleiderschrank:
das nackteste Mädchen in ganz Berlin.

Wie man sieht:
Ich habe nichts anzuziehn –!

kokel
Erstellt am 11.06.2018, 05:03 Uhr und am 11.06.2018, 05:06 Uhr geändert.
Fred Endrikat (1890-1942)

Pensionierte Sittlichkeit

Es war einmal ein Auerhahn,
der hatte seine Pflicht getan,
acht Jahre lang und noch viel mehr,
dann ward der Dienst ihm etwas schwer.
Kein Ding auf Erden ewig dauert,
er hatte eben ausge-auert.
Nun ließ er seine Blicke schweifen
betrübt zu all den Ordensschleifen,
Diplomen und den Ehrenpreisen,
die er er-auert einst auf Reisen.
Was halfen ihm jetzt all die Prämien?
Er musst' sich vor den Hühnern schämien.
Kein Hafer und kein Sellerie
entlockte ihm ein Kikeriki.
Es klang jetzt wie ein heisres Quieken
sein einst so frohes Kikerikieken.
Und alle Hennen, alle Glucken,
die waren darob baß erschrucken.
So stand er traurig wie Pik sieben
im Kreise seiner Hühnerlieben.
Man hat den Enterich gebeten,
den Hahn einstweilen zu vertreten.
Was kümmert sich das Federvieh
um Sittlichkeit und Bigamie.
»Jawoll«, sprach stolz der Enterich.
»Die Kleinigkeit besorge ich.«
Am Zaun stand nun der Auerhahn
und sah voll tiefer Trauer an,
wie seine Hennen, seine Glucken,
ohn' mit der Wimper nur zu zucken,
im Gegenteil, noch mit Frohlucken,
sich von dem Entrich ließen ducken.

kokel
Erstellt am 12.06.2018, 05:16 Uhr
Erich Mühsam (1878-1934)

Liebesweh

Zähre rieselt mir um Zähre
in des Betts zerwühltes Laken.
Bange Angstgedanken haken
sich an meiner Seele Schwere.
Schmerzgekrümmt sind meine Beine;
traurig triefend hängt der Bart
von den Tränen, die ich weine -
und die Nase trieft apart...
Ach, es ist der Traum der Liebe,
den ich durch die Seele siebe.
Ach, es ist der Liebe Weh,
das mich zwickt vom Kopf zum Zeh. -
Armes Herz! Die Träume wittern
fernen Trost. Ich spann die Ohren -
und durch meiner Seele Zittern,
fernher flüsternd, traumverloren,
murmelt ein geliebter Mund:
Schlapper Hund!

kokel
Erstellt am 13.06.2018, 07:04 Uhr
Othello von Plaenckner (1797-1847)

Nähe des Gatten

Ich denke dein, wenn abends in den Räumen
Des Klubs du bist;
Wenn dann nach schüchterm Zögern, und nach Säumen,
Mich Bruno küsst.
Ich sehe dich, Gespenstern gleich, erscheinen,
An Brunos Brust -
Soll ich in deinem breiten Bette weinen?
Hier sel'ge Lust.
Ich höre dich, wenn Brunos leis's Geflüster
Von Liebe spricht:
Wenn er der Sehnsucht dann im trauten Düster
Hold Kränze flicht.
Ich fürchte dich, du seist auch noch so ferne,
Du bist mir nah.
Mein Bruno scheidet mit dem Morgensterne,
Dann bist du da!

(Parodie auf Goethes Nähe des Geliebten.)

kokel
Erstellt am 14.06.2018, 06:31 Uhr
Volksgut

Alter Mann wollt' reiten

Alter Mann wollt' reiten,
Hatte kein Pferd.
Alte Frau nahm Ziegenbock,
Setzt' den alten Mann darob,
Lässt ihn reiten.

Alter Mann wollt' reiten,
Hatte keine Peitsch'.
Alte Frau nahm Strumpfenband,
Gab es ihm in seine Hand,
Lässt ihn reiten.

Alter Mann wollt' reiten,
Hatte kein' Satt'l.
Alte Frau nahm Ziegelstein,
Klemmt ihn zwischen seine Bein',
Lässt ihn reiten.

Alter Mann wollt' reiten,
Hatte keinen Zaum.
Alte Frau nahm Hemdensaum,
Macht ihm einen Pferdezaum,
Lässt ihn reiten.

Alter Mann wollt' reiten,
Hatte keine Stiefeln.
Alte Frau nahm Eimer an,
Stülpt sie über die Beine 'ran,
Lässt ihn reiten.

Alter Mann wollt' reiten,
Hatte keine Spor'n.
Alte Frau nahm Rechenzähn,
Steckt ihm diese in die Been,
Lässt ihn reiten.

Alter Mann wollt' reiten,
Hatte keinen Rock.
Alte Frau nahm Unterrock,
Schmiss ihn über seinen Kopf,
Lässt ihn reiten.

Alter Mann wollt' reiten,
Hatte keinen Hut.
Alte Frau nahm Nachttopf,
Setzte ihn auf seinen Kopf,
Lässt ihn reiten.

kokel
Erstellt am 17.06.2018, 05:59 Uhr und am 17.06.2018, 06:00 Uhr geändert.
Achim von Arnim (1781-1831)

Zum Geburtstage, mit einem Hut

Antoinette! Antoinette!
Aus dem Bette, aus dem Bette!
Hör' mein Singen, hör' mein Pfeifen,
Sieh die hellen lichten Streifen!
Auf, erwache! denn im Nacken sitzet
Dir ein Schelm, der Pfeile spitzet,
Und es ruft zu aller Ohren,
Dass du heute wardst geboren.

Antoinette! Antoinette!
Wenn ich hätte eine Kette,
Würde ich dein Zünglein legen
In die Kette, denn verwegen
Bist du in dem Wahrheitsagen!
Heut will ich dir Wahrheit sagen!
Klingen dir nicht schon die Ohren
Links und rechts? Es geh' dir nichts verloren!

Antoinette! Antoinette!
Ach ich wette, ach ich wette,
Dass du wirst den Trotz bereuen!
Denn der Schelm in deinem Nacken
Wird dich selber endlich zwacken,
Und du wirst vergebens dräuen,
Diesen Tag hat er sich recht erkoren,
Weil du heute wardst geboren.



Antoinette! Antoinette!
Sieh, ich rette, sieh, ich rette
Dich durch diesen Hut von Fortunaten,
Der dich unsichtbar kann machen.
Sei auf deiner Hut nicht stets zu lachen,
Hör' was Andre sagen, muss ich raten!
Manches kleidet dich vor Toren,
Denke, dass kein Jahr für dich verloren.

Antoinette! Antoinette!
Wie so nette, wie so nette
Könnt' ich dir was Schönes sagen!
Doch ich will dich mir verstecken
In dem Hut um dich zu necken,
Denn sonst würde ich's nicht wagen;
Furcht vor Augen oder Ohren, –
Schone meiner, weil du heut geboren!

(An Antoinette Schw., 1807. )

kokel
Erstellt am 18.06.2018, 07:23 Uhr und am 18.06.2018, 07:24 Uhr geändert.
Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Zu einem Geschenk

Ich wollte dir was dedizieren,
nein, schenken, was nicht zuviel kostet.
Aber was aus Blech ist, rostet,
und die Messing-Gegenstände oxydieren.
Und was kosten soll es eben doch.
Denn aus Mühe mach ich extra noch
was hinzu, auch kleine Witze.
Wär bei dem, was ich besitze,
etwas Altertümliches dabei ---
doch was nützt Dir eine Lanzenspitze!
An dem Bierkrug sind die beiden
Löwenköpfe schon entzwei.
Und den Buddha mag ich selber leiden.
Und du sammelst keine Schmetterlinge,
die mein Freund aus China mitgebracht.
Nein - das Sofa und so große Dinge
kommen überhaupt nicht in Betracht.
Ach, ich hab die ganze letzte Nacht,
rumgegrübelt, was ich dir
geben könnte. Schlief deshalb nur eine,
allerhöchstens zwei von sieben Stunden,
und zum Schluss hab ich doch nur dies kleine,
lumpige, beschissne Ding gefunden.
Aber gern hab ich für dich gewacht.
Was ich nicht vermochte, tu du's: Drücke du
nun ein Auge zu.
Und bedenke,
dass ich dir fünf Stunden Wache schenke.
Lass mich auch in Zukunft nicht in Ruh.

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