Die Glocken und das Schlagwerk unseres Kirchturmes

Nachdem die Uhr des Glockenturmes zu Anfang des 20. Jahrhunderts vier neue große Zifferblätter erhalten hatte, war bei guter Sicht die Zeit an der Turmuhr aus den weitesten Winkeln des Agnethler „Hatterts“ (Gemarkung) ablesbar.

Ergänzend dazu waren auch die schönen Glockenklänge, ausgelöst durch das Schlagwerk, zu hören. Zu jeder Viertelstunde, d. h. viertel, halb, dreiviertel und „Punkt“ brachte ein Hammer des Schlagwerkes, der durch einen Seilzug betätigt wurde, die mittlere Glocke („Aolt“) mit ein, zwei, drei bzw. vier Schlägen zum Klingen. Zur genauen Erkennung der vollen Stunden gab es zeitversetzt je zwei Schläge für jede Stunde, einen auf die kleine Glocke („Fritz“) und gleich danach auf die große Glocke („Däck“).

Über die Anzahl der Doppelschläge für die vollen Stunden und den Einzelschlägen für die Viertelstunden war man, selbst wenn das Zifferblatt am Glockenturm sich manchmal der guten Sicht entzog, dauernd über die genaue Tageszeit im Bild und konnte sich bei der Feldarbeit auch ohne den Luxus einer eigenen Uhr danach richten.

An dem Zifferblatt der Turmuhr und an den Klängen ihres Schlagwerkes haben sich stets auch die direkten Nachbarn des Glockenturmes, die Schüler, die damals ebenfalls keine eigenen Uhren besaßen, und sogar die Lehrer sowohl während des Unterrichtes als auch in den Pausen orientiert.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle noch erwähnen, dass von den vier Glocken aus den Jahren 1509, 1809, 1846 und 1862, die unser Kirchturm vor dem ersten Weltkrieg beherbergte zwei Glocken, eine große und eine kleine, zu Kriegszwecken beschlagnahmt wurden. Die zwei genannten Glocken wurden vor Ort durch weit hörbare, bis ins Mark dringende Schläge zertrümmert, anschließend vom Turm, wie mir ein Augenzeuge berichtete, stückweise heruntergeworfen, abtransportiert und zur Herstellung von Kanonenrohren eingeschmolzen. Vor der Vernichtung der zwei ausgesuchten Glocken wurden zum Abschied als letztes Mal alle Glocken gemeinsam eine halbe Stunde lang geläutet. Bei diesem Trauerakt standen viele Menschen fassungslos rings um die Kirche, auf dem Marktplatz und in den Gassen und hörten das Sterbelied ihrer Glocken.

Abgesehen von dem mit der Jahreszahl 1509 versehenen „Totenglöckchen“ hat nur die mittlere Glocke aus dem Jahre 1862 den Krieg heil überlebt. Somit war diese Glocke die älteste und erhielt dann den passenden Namen „dă Aolt“ (die Alte).

Nach dem Krieg, im Jahre 1923, ergänzte man die Zahl der Glocken durch eine große Glocke, genannt „dă Däck“ (die Dicke), und eine kleine Glocke, „dă Fritz“, wieder auf vier. Letztere erhielt ihren Namen von der im frühen Kindesalter verstorbenen Tochter Friederike des Lederfabrikanten und Spenders Wilhelm Andree.

Die besondere Beziehung der Agnethler zu ihren Glocken spiegelt sich auch in den für diese liebevoll ausgesuchten menschlichen Eigenschaften „däck“ (dick) und „aolt“ (alt) sowie der Name „Fritz“ wider, als auch in dem beim Glockenguss eingeprägten schönen Gedicht das die große Glocke ziert.

Das Gedicht lautet:

„Geschaffen hat in schwerer Zeit
Mich Opfersinn und Frömmigkeit-1923
Ein fleissig Volk vom Morgen bis zum Abend
In diesem Tal das Lied der Arbeit singt.
Du, Glocke, weckst ein höh’res Lied,
Das labend, belebend durch die müde Seele klingt“

Der erste Winter (1945/46) nach der Deportation der arbeitsfähigen Sachsen nach Russland und ihrer kurz darauf erfolgten Enteignung durch die Bodenreform, gehörte zu einem der finstersten und hoffnungslosesten Kapitel der sächsischen Geschichte. Damals hat die wieder belebte Agnethler Blasmusik unter ihrem Dirigenten, dem Altpfarrer Drechsler, nach der Christbescherung von den oberen Brüstungen des Turmes das tröstende Lutherlied, „Ein feste Burg ist unser Gott“, in jede der vier Himmelsrichtungen erklingen lassen. Diese mutige Tat der Blasmusik, deren Klänge von einer großen Menschenmenge rund um die Kirche und darüber hinaus andächtig vernommen wurden, ist fast in Vergessenheit geraten. Das ist ein Grund mehr, dieses außergewöhnliche Ereignis hier zu erwähnen.

Um das Dach des 500 Jahre alten Glockenturmes kreiste ständig eine große Zahl Turmfalken. Es waren derer zu meiner Schulzeit, die Anfang der fünfziger Jahre zu Ende ging, bestimmt an die Hundert. Ihre Brutstätten befanden sich in großer Höhe auf der Schnittstelle zwischen der Turmmauer und der Dachkonstruktion. Bei der Nahrungssuche konnte man sie besonders auf der Rosler Hutweide antreffen. Es war immer faszinierend, ihrem Rüttelflug über einem festen Punkt bei der Beobachtung ihrer Beute, die aus Eidechsen, Mäusen und Insekten bestand, zuzuschauen.

Die Zahl dieser wunderschönen Greifvögel, die zu unserer Kirchenburg gehörten wie die vielen Schulkinder auf den Pausen- und Spielplätzen rund um die Kirche, hat im Laufe der Jahre in ihrer angestammten Heimat, bei unserem altwürdigen Glockenturm, stetig abgenommen. Seit vielen Jahren sind sie von dort wegen der veränderten Umweltbedingungen gänzlich verschwunden. Ähnliches kann man heute auch von den Nachkommen der Erbauer von Turm, Kirche und Schule, den tüchtigen Agnethler Sachsen, sagen.

Kurt Breckner

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