Unsere Steinburg

Agnetheln ist in eine liebliche Landschaft eingebettet umgeben von vielen kleineren und größeren Hügeln, die alle einen bestimmten historischen Namen tragen, aber nur vier davon, der Gausesbărch“ (Giedesberg), der „Fueßbrich“ (Fuchsberg) der Nettert und die Steinburg, kann man als richtige Hausberge bezeichnen die das Bild der Stadt prägen und zu ihr gehören wie auch die schöne Kirchenburg in der Stadtmitte.
Der unbestrittene Liebling unter den Hausbergen Agnethelns, der auch das Stadtbild am nachhaltigsten prägt, war und bleibt die Steinburg. Der Berg, den man heute nur noch unter diesem schönen Namen kennt, hieß früher das Krähennest („Krioennäst“) und war vor einigen hundert Jahren mit einem prächtigen Eichenwald bedeckt auf dessen Bäumen Krähen nisteten.
Die unmittelbare Nähe zur Gemeinde ist dem schönen Wald aber zum Verhängnis geworden. Er wurde abgeholzt, angeblich für den Bau der Dachstühle unserer Kirche und des Glockenturmes. Was von der einstigen Pracht dann übrig blieb, war ein kahler und trostloser Berg.
Durch die Vermittlung des großen Naturfreundes, des Bezirksrichters Karl Pildner von Steinburg, kam das „Krähennest“ in den Besitz des „Agnethler sächsischen Verschönerungsvereins“, der auch Steinburgs Schöpfung war. Unter seiner Leitung wurde in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts der nackte Berg, der über Agnetheln thronte, mit Bäumen und Sträuchern bepflanzt, ringförmige Wege um den ganzen Berg mit Querwegen angelegt und ein herrlicher Park geschaffen in dem es an Bänken, Pavillons und Gartenhäuschen nicht fehlte. In späteren Jahren wurde sogar ein Tennisplatz am Westrand des Tannenwaldes (Fichtenwaldes) errichtet.
Dem Schöpfer Steinburg zu Ehren wurde der neu entstandene Park, wie man auf vielen Ansichtskarten aus der damaligen Zeit sehen kann, „Steinburgshöh“ getauft. Später hat sich dann der kürzere Name „Steinburg“ durchgesetzt.
Der Name Steinburg ist in Agnetheln derart tief verwurzelt, dass es selbst den allmächtigen kommunistischen Machthabern seinerzeit nicht gelungen ist, diesen zu tilgen und durch den Kunstnamen „Parcul 2 Mai“ zu ersetzen. Dieser neue Name wurde von der Bevölkerung, auch von der rumänischen (!) nicht angenommen und ist, Gott sei Dank ziemlich schnell wieder in der Versenkung verschwunden. So hat dieses Agnethler Juwel auch nach der Auswanderung der Sachsen bis auf den heutigen Tag den Namen Steinburg behalten.
Die Sachsen haben es zu allen Zeiten als ihre Pflicht angesehen, diesen einmalig schönen Höhenpark zu hegen und zu pflegen. Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Deutsche Schule, die ohne Zwang von außen, einfach von sich aus alljährlich das Großreinemachen der Steinburg durchführte.
Es gibt mit Sicherheit keinen einzigen Agnethler, der mit dem Namen Steinburg nicht schöne Erinnerungen verbindet.
Für die Kinder hatte sie eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Hier wurden inmitten einer herrlichen Natur alle möglichen Spiele praktiziert, auf die Bäume geklettert, die vielstimmigen Gesänge der Vögel belauscht und manchmal leider auch ihre Nester „ausgenommen“ (geplündert). Auf der Lerchenwiese wurden Schmetterlinge gefangen, Veilchen zur Herstellung von Parfüm zum „Bespritzen“ (alter sächsischer Brauch) an Ostern gepflückt, im Tannenwald Moos für das Osternest gesammelt und nicht zuletzt den Liebespärchen aufgelauert.
Die volljährigen Jugendlichen schätzten, aus verständlichen Gründen, besonders die verschlungenen, ruhigeren Ecken des Parks.
Für die Erwachsenen war die Steinburg besonders an Sonn- und Feiertagen der beliebteste Ort für Spaziergänge, für die Rentner ein Ort der Einkehr und Besinnung. Bei ortsfremden Gästen war ein Besuch der Steinburg stets mit eingeplant und sie wurde diesen mit berechtigtem Stolz gezeigt.
Eine besonders große Freude bereitete den Agnethlern deren Blasmusik, die traditionsgemäß alljährlich in den Morgenstunden des 1. Mai das wunderschöne Lied, „Der Mai ist gekommen“, spielte und dessen Melodie von der Höhe der Steinburg hinab in die Stadt und die Herzen seiner Bewohner drang. In Erwartung dieses Ereignisses haben viele Kinder die ganze Nacht vorher nicht geschlafen, um pünktlich vor Ort bei der Musik zu sein.
Von dem untersten Weg der Steinburg, der parallel zu der Niedergasse verläuft, eröffnete sich, vor der Verschandelung des Marktplatzes durch das neu errichtete Parteigebäude (z. Z. Rathausgebäude), ein einmalig schöner Blick auf Agnetheln mit seiner Kirchenburg. Am Horizont kann man, bei guter Sicht, das herrliche Panorama der Südkarpaten mit ihren meist schneebedeckten Zweieinhalbtausendern genießen.
Von dem Weg am Nordrand der Steinburg hat man einen offenen Blick und konnte, entspannt von den auch hier vorhandenen Bänken, die wunderschöne Landschaft in Richtung Akazienwald, („Akazienbäschken“) Hutweide („Hutwaud“), Zipfelwald („Zäppenbäsch“) bis hin zu dem Grodeln („Griodeln“) auf sich einwirken lassen.
Mit Beginn der sechziger Jahren wurde unsere schöne Steinburg, die Perle und der Stolz der Agnethler und Agnethelns, nach und nach durch einen Gürtel von Block-Neubauten die sie wie ein Zwangskorsett umschließen, total verschandelt und unwiederbringlich ruiniert.

Kurt Breckner

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