Die „Wusch“, ein Stück Agnetheln

Das Stadtbild Agnethelns wurde über mehrere Jahrzehnte wesentlich von der, die Stadtmitte auf der Ost-Westachse durchquerenden Schmalspurbahn Agnetheln-Schäßburg und Agnetheln-Hermannstadt, liebevoll „Wusch” oder „Kaffeemühle” genannt, geprägt. Durch die Eröffnung der beiden, von der Gemeinde Agnetheln mitfinanzierten Eisenbahnstrecken im Jahre 1898 bzw. 1910, wurde der seit Generationen dauernde Wettstreit mit der Nachbargemeinde Großschenk ein für allemal zu Gunsten Agnethelns entschieden.
Die „Wusch” ist den Agnethlern nicht nur wegen der Anbindung an die „weite Welt“ und des von ihr nicht unwesentlich mit verursachten wirtschaftlichen Aufschwungs ans Herz gewachsen, sondern auch wegen der vielen, teils nostalgischen Erinnerungen, die jeder damit verbindet.
Aufgrund der räumlichen Entfernung zu unserer alten Heimat, durch das dahin rinnen der Zeit und das Ausscheiden vieler Zeitzeugen, deren Erinnerungen leider nicht mehr festgehalten werden können, verschwindet sie nach und nach aus unserem Gedächtnis. Um dem etwas entgegen zu wirken, werde ich mit den folgenden Zeilen versuchen, Bekanntes, weniger Bekanntes oder zum Teil bereits Vergessenes zu Papier zu bringen.
Die Schmalspurbahn wurde als reiner Personenzug, als reiner Güterzug oder als gemischter Personen- und Güterzug betrieben. Hinter der Lok des Personenzuges gab es einen Post- und einen Gepäckwagen. Aus dem Postwagen hat das Bahnpersonal, nach dem Verlegen der Haltestelle vom Marktplatz in Richtung der Barnerischen Tischlerei, manchmal die Postsäcke aus dem fahrenden Zug vor das Postgebäude geworfen, um den Postbediensteten die paar Schritte bis zur neuen Haltestelle zu ersparen.
Ich habe die Verlegung der Haltestelle nie richtig verstanden. Abgesehen davon, dass nun wegen der Steigung der Fahrstrecke das Anfahren des Zuges beschwerlicher war, hatte man Agnetheln dadurch eines zentralen und beliebten Treffpunktes vor dem Großen Gasthaus, wo bei jeder Ankunft eines Zuges großes Gedränge herrschte und sich ein herrlicher Blick zu unserer Kirchenburg und auf den damals noch unverbauten Marktplatz auftat, beraubt. Vielleicht hat gerade dieser typisch sächsische und daher unerwünschte Blickfang, mit dem jeder Neuankömmling als Erstes konfrontiert wurde, die zuständigen Genossen dazu bewogen, die Haltestelle zu verlegen.
Der Zug besaß drei Klassen, in den letzten Jahren nur noch zwei. Die dritte Klasse war mit einfachen Holzbänken ausgestattet, die Bänke der zweiten Klasse waren mit blauem Plüsch und die der ersten Klasse mit rotem Plüsch überzogen
Die Preise für die zweite und erst recht für die erste Klasse waren für die meisten Reisenden unerschwinglich. Umso größer war das Gedränge in der dritten Klasse, das durch zusteigenden Fahrgäste bei den Haltestellen in Richtung Hermannstadt und Schäßburg sich immer mehr vergrößerte. Dies war allerdings für viele Jugendliche ein willkommener Anlass, um dem anderen Geschlecht etwas näher zu kommen. So ist es auch verständlich, dass diese die spärliche Beleuchtung, die gelegentlich über längere Zeit sogar ganz aussetzte, überhaupt nicht als störend empfanden, ganz im Gegenteil... So gesehen hat manchmal auch eine nicht immer perfekt funktionierende Technik ihre Vorteile.
In den kalten Jahreszeiten beheizte man die einzelnen Wagen des Zuges mit Dampf von der Lok, wobei an den notorisch undichten Kupplungsstellen zwischen den Wagen dauernd Dampf austrat, der den typischen Geruch des ungereinigten Kesselwassers der Lok verbreitete und den ganzen Zug zeitweise in einer weißen Wolke verschwinden ließ. Daher ist es nicht verwunderlich, dass man nicht selten einen ankommenden Gast zunächst nur durch Zurufen ausmachen konnte.
Sehr begehrt waren bei schönem Wetter die luftigen Stehplätze auf beiden Seiten des Wagens. Hier war auch eine Kurbel zur Bedienung der Handbremse, die auf ein bestimmtes Pfeifsignal der Lok vom Schaffner zu betätigen war.
Um in den frühen Morgenstunden einsatzbereit zu sein, musste die Lokomotive während der Nacht im Bahnhofsdepot unter Feuer gehalten werden. Diese Aufgabe hat über Jahre hinweg der Heizer Coloji aus unserer Nachbarschaft besorgt.
Den Agnethler Bahnhof am Ende der Weihergasse, den Personenzügen hauptsächlich als „Schlafstelle” dienend, nahmen die Reisenden praktisch nicht in Anspruch, da das Zu- und Aussteigen der Fahrgäste meistens in der Haltestelle der Stadtmitte erfolgte. Umso reger waren aber die Tätigkeiten auf dem Bahnhof im Bereich des Güterverkehrs. Hier haben viele Jugendliche bereits in einem Alter, in dem nach heute geltendem Gesetz die verbotene Kinderarbeit angesiedelt ist, beim Entladen und Beladen von Güterwaggons mitgeholfen und mit dem Entgelt die dauernd angespannte Familienkasse entlastet.
Der Kohlevorrat der Lokomotive reichte für die gesamte Strecke, wogegen mindestens einmal unterwegs Wasser „gezogen” (angesaugt) werden musste. Dies geschah mangels Stromanschlusses bei den Brunnen der Haltestellen mit Hilfe einer vom Dampf der Lok angetriebenen Pumpe.
Der Heizer, auf der linken Seite des knappen Führerraums tätig, hatte zur Aufrechterhaltung des vorgeschriebenen Dampfdruckes im Kessel während der ganzen Fahrt Schwerstarbeit mit der Kohlenschaufel zu leisten. Zusätzlich musste er bei bestimmten Haltestellen die beweglichen Teile des Zylinder-Kolben-Antriebes mit einer grünen, zäh fließenden Masse kräftig ölen und bei Bedarf den Kessel und die Fenster mit einem Lappen putzen. Wegen der genannten Aktivitäten sah er auch dementsprechend aus.
Im Gegensatz dazu zeigte sich der schicke Lokführer, der auf die Streckensignale achtend, die Steuerung der Lok bediente und majestätisch durch das rechte Frontfenster des Führerhauses sah oder gelegentlich sich lässig aus dem Seitenfenster lehnend, nach vorne blickte. Nicht zu vergessen die Dampfpfeife, die er manchmal nur zum Spaß und zur Freude der zuwinkenden und zurufenden Kinder bediente. Er brauchte sich nie die Finger schmutzig zu machen und erfreute sich, wie heutzutage der Pilot eines Großraumflugzeuges, wegen seiner exklusiven Stellung und wegen der Beherrschung der geheimnisvollen Technik, bei Groß und ganz besonders bei Klein einer grenzenlosen Bewunderung.
Der Fahrplan der „Wusch” war auf die Bedürfnisse der nach Hermannstadt bzw. Schäßburg Reisenden zugeschnitten. Die sehr frühe Abfahrt, „um frahen Moarjen“ (am frühen Morgen) von Agnetheln und die relativ späte Rückfahrt bescherten den Zuggästen einen vollen Tag zur Erledigung der unterschiedlichsten anstehenden Angelegenheiten.
Beim Durchfahren der Stadt erschütterten die Personenzüge und ganz besonders die schweren Güterzüge die an dem Schienenstrang angrenzenden Gebäude kräftig, sodass in den Schränken die Gläser klirrten und die Kleinkinder sich ängstlich an ihre Mütter pressten. Dazu kam noch das obligate Pfeifen des Zuges ohne Rücksicht auf den besonders bei Nacht störenden Lärmpegel. Dies alles nahmen die Betroffenen aber ohne Murren als gegebene Tatsache hin.
Die Reise in das 60 km entfernte Hermannstadt dauerte ungefähr vier Stunden. Wegen der beiden „Hillen” (Hügel) bei den Dörfern Trappolt („Păuld“) und Schaas benötigte der Zug in Richtung Schäßburg für eine um ein Drittel kürzere Entfernung die gleiche Zeit. Die aus Sicht der heutigen schnelllebigen Zeit äußerst geringe Geschwindigkeit hat man seinerzeit gar nicht als solche empfunden. Sie war durch die schwache „Motorisierung” der Lok, die kaum mehr Pferdestärken besaß als ein besserer Mittelklasse-Pkw von heute sowie durch die einfache Bauweise der Gleise vorbestimmt.
Ab dem Bahnhof Mohu in Richtung Hermannstadt benutzte unsere „Wusch” die Gleisführung des „Großen Zuges”. Hierzu war zur Anpassung der unterschiedlichen Radstände der beiden Züge zwischen den Hauptschienen ein dritter Schienenstrang verlegt. Der „Kleine Zug” war selbstverständlich gezwungen, in Mohu sämtlichen auf der Strecke verkehrenden „Großen Zügen” den Vortritt einzuräumen (sie „vorbeizulassen“), was gelegentlich zu erheblichen Verspätungen der ansonsten meist pünktlichen „Wusch” führte.
Während der Reisezeit verwandelte sich das Wagenabteil nicht selten in ein regelrechtes „Kränzchen”, wo man Neuigkeiten und Nichtigkeiten austauschte, über gemeinsame Bekannte lästerte und die Welt neu ordnete. In solcher Runde bin ich oft gesessen. Bei dieser Gelegenheit habe ich, mich teilnahmslos stellend, die Gespräche der Erwachsenen, vor allem wenn sie nicht für die Jugend bestimmt waren, mit großem Interesse belauscht („än dăt Mel gehuirt“).
Bedingt durch die einspurige Gleisführung war eine Ausweichmöglichkeit der beiden entgegen fahrenden Züge vonnöten. Dies geschah in Richtung Hermannstadt in dem Bahnhof des Dorfes Cornăţel. Hier eilten wir ans Fenster des Zuges, der uns nach den Ferien in Agnetheln nach Hermannstadt brachte, um die Glücklichen zu erspähen und zu beneiden, die in Gegenrichtung nach Hause fahren durften...
Aus dem gleichen Gefühl heraus war der Bahnhof des „Kleinen Zuges” in Hermannstadt ein beliebter Treffpunkt von jungen Agnethler Schülern, die, von Heimweh geplagt, sich öfter dort einfanden, um Agnethler zu sehen und dem abfahrenden Zug, der nach Hause fuhr, sehnsüchtig nachzuschauen.

Ausklang
Wie auf Seite 130 des Buches:
„Aus der Vergangenheit und Gegenwart des königl. freien Marktes Agnetheln”
nachzulesen ist, fand am 15. März 1894, also vier Jahre vor der Fertigstellung der Bahnlinie nach Schäßburg, die politische Begehung statt. Und weiter schreibt aus diesem Anlass die Chronik:
„Die Bevölkerung Agnethelns war hochgradig erregt und empfing die Begehungs-Kommission festlich. Die Schulkinder mit ihren Lehrern, die Zunftgenossen mit ihren Fahnen, die Feuerwehr, 140 Mann stark, hatten sich zur Verherrlichung des Festes eingefunden und bildeten in den Hauptgassen Spalier..."
Am 16. November 1898 fand die polizeiliche Begehung der fertig gestellten „Vicinalbahn“, und im Anschluss daran, deren Eröffnung statt. Soweit die Chronik.
Im Jahre 1965 stellte man, wie den Meisten bekannt, den Betrieb unserer „Wusch” nach Schäßburg endgültig ein und entfernte die Gleise. Dieses Ereignis wurde seinerzeit auch in der deutschsprachigen Tageszeitung „Neuer Weg” vom Redakteur Ernst Loew unter Zitierung des oben genannten Textes und eines historischen Bildes gewürdigt.
Durch die einige Jahre später erfolgte Einstellung des Bahnbetriebes auch in Richtung Hermannstadt, ist ein weiteres Stück alten Agnethelns für immer verloren gegangen.

Kurt Breckner

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