Der Pfefferminzanbau im Burzenland

Allgemeiner Bericht

1. Juni 2007

Der bekannte Naturwissenschaftler Dr. Heinz Heltmann geht im folgenden Aufsatz auf die Geschichte des Pfefferminzanbaus im Burzenland ein. Die Pfefferminzfabrik in Brenndorf gehörte zu den größten Öldistellerien Europas und hat die Wirtschaft des Burzenlandes erheblich vorangetrieben. Nach 1989 wurde sie privatisiert und kurz danach stellte sie ihren Betrieb ein.
Der Übergang von der extensiven Bewirtschaftung des Bodens nach dem veralteten System der Dreifelderwirtschaft zu einer intensiven, neuzeitlichen Landwirtschaft, vollzog sich im Burzenland am Ende des 19. Jahrhunderts. Der jahrhundertealte Flur- und Fruchtzwang hatte die Entwicklung dieses Wirtschaftszweiges lange gehemmt und das Anwachsen der Erträge je Flächeneinheit verhindert. Eine entscheidende Voraussetzung für die nach der Jahrhundertwende rasch einsetzende Entwicklung der Landwirtschaft war die Zusammenlegung der verstreuten Feldstücke (Kommassation). Es begann die Bebauung der Brache mit Futterpflanzen und die Hackfrüchte gewannen, gegenüber den Getreidearten, immer mehr an Bedeutung.

Eingeleitet und bewirkt wurde der Aufschwung der Landwirtschaft im Burzenland ab 1889, dem Gründungsjahr der Brenndorfer Zuckerfabrik, durch den Anbau der Zuckerrübe. Zunächst auf kleineren Flächen angebaut, wuchs die Anbaufläche bedingt durch die guten Erträge zusehends und so begannen sich die dem Fortschritt aufgeschlossenen Burzenländer Bauern neben den althergebrachten Kulturen auch mit dem Anbau von neuen, schwierigen Kulturpflanzen zu befreunden. Es bedurfte keiner besonderen Mühe seitens der Kronstädter „Frankkaffeefabrik“, 1920 den Anbau der Zichorie in Weidenbach in die Wege zu leiten und schon wenige Jahre später - 1924 - begann unter der Anleitung der Kronstädter „Chlorodontfabrik“ der Anbau der Pfefferminze im Burzenland.

Die Dresdner „Leo-Werke“, die in der Kronstädter Chlorodontfabrik eine Tochterfabrik besaßen, entschlossen sich für den Menthaanbau im Burzenland, weil sie für die Herstellung der Chlorodontzahnpaste immer größere Mengen von erstklassigem Pfefferminzöl benötigten und dieses oft nicht oder nur in ungenügenden Mengen und in minderwertiger Qualität auf dem Weltmarkt vorfanden. Um Schwierigkeiten dieser Art zu vermeiden, beziehungsweise um die laufende Versorgung der Firma mit den notwendigen Mengen an englischem Pfefferminzöl zu ermöglichen, beschlossen die „Leo-Werke“ den Pfefferminzanbau im Burzenland.

Die ersten Anbauversuche erfolgten in Brenndorf im Jahre 1924 mit der Agnellischen Pfefferminze (Mentha piperita var. agnelliana). Das Pflanzgut erhielten die Bauern durch die Leo-Werke zugestellt. Schon 1925 schlossen sich die Bauern aus Weidenbach und Marienburg dem Anbau dieser neuen Kulturpflanze an. Da aber die Englische Pfefferminze (Mentha piperita var. officinalis f. rubescens) in bezug auf Aroma und Ertrag der versuchsweise angebauten Agnellischen Pfefferminze überlegen ist, wurde schon 1926 der Anbau auf die wertvollere Englische Pfefferminze umgestellt. Demnach wird das Jahr 1926, als die Inkulturnahme der Mitcham-Pfefferminze erfolgte, auch als Beginn des Pfefferminzanbaues im Burzenland angeführt. Da hier der erste Anbau mit nachfolgender Ölgewinnung in ganz Rumänien stattfand, wird das Jahr 1926 als Gründungsjahr der ätherischen Ölindustrie Rumäniens betrachtet.

Die echten Mitcham-Pfefferminzsetzlinge für den Anbau wurden im Frühjahr 1926 teils direkt aus England, teils aus Italien (Mailand) bezogen. In diesem Jahr wurden in Brenndorf mit dem neuen Pflanzenmaterial etwa 5 Hektar bebaut. Die Pflanzen entwickelten sich gut und aus dem von dieser Fläche geernteten grünen Kraut konnten etwa 90 kg hochwertiges Pfefferminzöl gewonnen werden. Der fruchtbare, schwarze Schwemmboden der Burzenebene erwies sich für den Menthaanbau als sehr geeignet und die klimatischen Bedingungen als entsprechend, obwohl die Burzenebene etwa 500 m ü. M. liegt und das Klima für diese Sonderkultur etwas rauh ist. Vor Jahren wurden ja gerade bei Brenndorf, das ein Kältepol Rumäniens ist, schon Temperaturen von -38,5° Celsius (25. Januar 1942) gemessen.

Anbauversuche mit der Englischen Pfefferminze fanden 1926 in den Gemeinden Brenndorf, Marienburg, Heldsdorf, Weidenbach, Zeiden, Honigberg und Tartlau statt. Durch die guten Ergebnisse angeeifert, begannen sich auch Bauern in Petersberg, Neustadt und Wolkendorf dem Pfefferminzanbau anzuschließen; dadurch wuchs die Anbaufläche im Burzenland von Jahr zu Jahr. Wie Anbaufläche, Hektarerträge und gewonnene Ölmengen in den ersten Anbaujahren anstiegen, geht aus der unten stehenden Tabelle hervor. z ... Bis zum Jahre 1935 stieg die Anbaufläche in den Burzenländer Gemeinden auf etwa 300 Hektar an und es gab Bauern, die ihre Pfefferminzschläge bis auf 2,5 Hektar vergrößerten. Bei guter Bewirtschaftung wurden Hektarerträge bis zu 16 000 kg Grünmasse geerntet.

Die Ernte des Krautes beginnt, wenn 10-15 Prozent der Blüten aufgeblüht sind. Zur Ölgewinnung aus dem geernteten Kraut wurden am Brenndorfer Bahnhof (1926) mobile Destillationskessel aufgestellt. Zwei Jahre später wurde zur Verarbeitung des Erntegutes eine modern ausgestattete Destillieranlage mit zunächst vier Kesseln (Blasen) aufgebaut.

Nach Vergrößerung der Anbaufläche wurde die Arbeitskapazität der Destillieranlage auf acht Kessel vergrößert, so dass die Brenndorfer Öldestillation damals zu den größten Anlagen dieser Art in Europa gehörte. Das ganze so gewonnene Pfefferminzöl wurde zur Rectifizierung nach Dresden verschickt. 1936 wurde in der Kronstädter Chlorodontfabrik eine kleine Rectifizieranlage aufgestellt und damit die für den eigenen Gebrauch notwendige Menge an rectifiziertem Öl hergestellt. Die Gesamtmenge an Pfefferminzrohöl, die jährlich um die Mitte der dreißiger Jahre erzeugt wurde, schwankte zwischen 7 000 - 10 000 kg. 1925 betrug der Wert von einem Kilogramm Öl bei Ausfuhr etwa 26,4 Goldmark. Eingeführtes Öl war um etwa 10 Goldmark teurer.

Während des Zweiten Weltkrieges ging der Pfefferminzanbau bedeutend zurück, bedingt durch die fehlenden Arbeitskräfte. Nach 1945 wurde dann zeitweilig wieder das Vorkriegsniveau erreicht (z. B. 1958/59), jedoch die Hektarerträge an grünem Kraut und Rohöl lagen meistens unter den Erträgen, die vor der Bodenenteignung und späteren Kollektivierung erzielt wurden.

Eine mangelhafte Kulturrotation und die Konzentration des Anbaus auf wenigen Großflächen, führten in erster Reihe zum Ertragsabfall. In Monokulturen wächst der Schädlings- und Krankheitsbefall der Pflanzen rasch an und vermindert die Kraut- und Ölproduktion je Hektar bedeutend. Als eine gefährliche Krankheit der Pfefferminze erwies sich auch im Burzenland der Pfefferminzrost. Er verursacht das Vergilben und Abfallen der Blätter und verringert dadurch den Ölertrag je Hektar beträchtlich (50-80 Prozent). Hohe Luftfeuchtigkeit und Wärme fördern die rasche Ausbreitung der Krankheit. Ende der sechziger Jahre verursachte eine Wurzelfäule den Ausfall vieler Pflanzen. Diese Pilzkrankheit befällt beim Hacken verletzte oder schwache Pflanzen und bringt sie zum Absterben. Die Pfefferminzfabrik am Ende der Mühlgasse in ...Die Pfefferminzfabrik am Ende der Mühlgasse in Brenndorf hat die Wirtschaft des Burzenlandes erheblich vorangetrieben. Nach 1989 wurde sie privatisiert, und kurz danach hat die Öldestillation ihren Betrieb eingestellt. Die mit Pfefferminze bestellte Fläche des Burzenlandes belief sich 1975 auf etwa 250 Hektar und ihr Anbau fand vorwiegend auf dem Hattert der Gemeinden Brenndorf und Marienburg statt. Ein bedeutender Teil dieser Fläche wurde von einer Nebenwirtschaft des Kronstädter Kosmetikbetriebes „Nivea“ unterhalten, der für die Herstellung seiner Erzeugnisse größere Ölmengen benötigte und demnach am Pfefferminzanbau vital interessiert war. Fast das gesamte Pfefferminzkraut, das auf Burzenländer Feldern angebaut wurde, diente der Ölgewinnung.

Neu hinzukam Ende der sechziger Jahre der Anbau der Amerikanischen Krauseminze (Spearmint). Das ätherische Öl dieser Minzenart hat durch seinen hohen Carvonanteil eine besondere aromatische Note, die uns aus einigen Zahnpasten oder Kaugummisorten bekannt ist. Zunächst im Versuchsanbau bei Brenndorf getestet und vermehrt, fand ihr Anbau gleichfalls auf größeren Flächen statt.

(Nachdruck aus: Siebenbürgisch-sächsischer Hauskalender. Jahrbuch 1976, S. 128-130)

Dr. Heinz Heltmann

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