Vor 50 Jahren: Zeitzeugenbericht über die Zwangsevakuierung der Siebenbürger Sachsen

Mitteilungen der HOG

1. Mai 2002

Durch einen Willkürakt des kommunistischen Regimes in Rumänien wurden im Mai 1952 23 Familien aus Brenndorf zwangsausgesiedelt.
Für die Deutschen in Rumänien leitete der Umsturz vom 23. August 1944 Verfolgungen, Diskriminierungen, Deportationen, Enteignungen und andere Repressivmaßnahmen ein, wurden sie doch als Sündenböcke für das Desaster verantwortlich gemacht, in das Rumänien als Bündnispartner Deutschlands geraten war und das Hitlers Vernichtungskrieg angerichtet hatten.

Zu diesen Repressivmaßnahmen zählt auch die Zwangsevakuierung. Ab Mai des Jahres 1952 wurden aus Kronstadt und vielen Burzenländer Gemeinden etwa 2 000 Sachsen in andere Gegenden Rumäniens zwangsausgesiedelt.

In Brenndorf erhielten am 3. Mai 23 Familien, darunter auch meine Mutter mit ihren fünf Kindern, den Befehl, innerhalb von drei Tagen die Ortschaft zu verlassen. Die Personalausweise wurden eingezogen und mit dem Stempel „D.O.“ – domiciliu obligatoriu (Zwangsaufenthalt) – versehen. Wir erhielten sie erst an unserem Bestimmungsort wieder.

Im ganzen Dorf herrschte Panikstimmung, denn niemand wusste, wer als Nächster den Befehl zum Verlassen von Brenndorf erhalten würde. Das war ein Rennen und Hetzen, denn es mussten nicht nur die Dienststelle gekündigt werden, sondern auch die Kinder aus den Schulen heimgeholt, ein Eisenbahnwaggon beschafft und bezahlt, Transportmittel für den Hausrat bis zum Bahnhof gefunden und der gesamte Haushalt aufgelöst werden.

Mitnehmen durfte man seinen ganzen beweglichen Besitz, konnte das aber nicht, und so wurde vieles bei Bekannten untergestellt und manche Wertsachen zu einem Spottpreis verschleudert, um die Transportspesen bezahlen zu können.

Nur mit Hilfe von Verwandten und Bekannten war es möglich den Haushalt in so kurzer Zeit aufzulösen und Haus und Hof den Behörden besenrein zu übergeben!

Nachdem Möbel, Kisten und Koffer mit Hausrat und Kleidern, Lebensmitteln sowie einige Haustiere in den Waggons verstaut waren, gab es am Bahnhof, wohin uns fast die ganze Gemeinde begleitet hatte, einen tränenreichen Abschied. An diesem Abend läuteten die Glocken länger als sonst, und unser Pfarrer Fritz Nösner verabschiedete sich von jedem Einzelnen.

Erst nach Mitternacht setzte sich der Zug in Bewegung und rollte gen Westen, einer ungewissen Zukunft entgegen.

Wir hatten zusammen mit neun andern Familien aus einer vorgegebenen Liste von Ortschaften Turda (Thorenburg) als unser Ziel angegeben. Andere Brenndörfer wählten Bistritz, Luduş, Miercurea Ciuc u.a.

Die Fahrt zu unserem Bestimmungsort dauerte vier Tage und Nächte, denn die Waggons der “Klassenfeinde” standen ja als Letzte auf der Rangierliste. Unterwegs wurden jene Waggons abgekoppelt, die ein anderes Ziel als Turda hatten.

In Câmpia Turzii angekommen, von den Leuten begafft, von der Polizei als “duşman de clasă” (Klassenfeind) betrachtet, versuchten die Familienväter und meine Mutter eine Unterkunft zu finden. Nach zwei Tagen wurden wir auf ein ehemaliges Gut, damals schon Sitz der GAS Bădeni, etwa acht Kilometer von Turda entfernt, beordert. Für den Transport hatte man Bauern verpflichtet, aber die Fuhrwerke waren zu klein, um das Hab und Gut von zehn Familien zu fassen, und so mussten Laster gemietet werden, die uns dann zu unserer neuen Bleibe brachten.

Jede Familie bekam in den Arbeitsunterkünften des ehemaligen Grundbesitzers einen Raum zugewiesen. Diese Räume standen wohl schon seit langem leer, denn sie waren in einem sehr schlechten Zustand: die Dächer voller Löcher (bei Regen wurden Schüsseln aufgestellt und Schirme aufgespannt), der Lehm- bzw. Ziegelboden verschmutzt, schlecht schließende Fenster, weder elektrisches Licht noch Wasser, aber am schlimmsten waren die Ratten, die überall herumliefen.

So war die dringlichste Aufgabe, die Behausung zu reparieren und wohnlich zu gestalten, was durch harte Arbeit aller Familienangehörigen auch gelungen ist; nur mit den Ratten hatten wir noch lange zu kämpfen.

In den ersten Tagen nach unserer Ankunft wurden alle zur Arbeit eingeteilt, außer den kleinen Kindern und den Alten. Die Handwerker kamen in die mechanische Abteilung, alle andern mussten auf dem Feld arbeiten.

Die Arbeit auf den Feldern war schwer, vor lauter Unkraut sah man kaum die Nutzpflanzen, landwirtschaftliche Geräte gab es fast keine. Die vorgegebe
nen Normen konnten nicht erfüllt werden, so war auch die Entlohnung gering. Als dann bekannt wurde, dass die Männer mit Schweinezucht vertraut waren, wurde der Bau der Schweineställe beschleunigt und eine Wasserleitung gelegt. Alle Männer und auch einige Frauen arbeiteten nun bei der Schweinemast, einige Mädel auf der Hühnerfarm und andere im Büro.

Der Arbeitsplatz der jungen Handwerksburschen war in Oprişan, ungefähr 8 km von Bădeni entfernt, in einer Abteilung für landwirtschaftliche Maschinen. Die “Werkstatt” war mit einem Schraubstock, einem Amboss und einer alten Bohrmaschine ausgestattet. Aber mit Erfindungsgeist und Tüftelarbeit wurden aus herumliegenden Teilen neue brauchbare Werkzeuge, ja sogar eine Drehbank zusammengestellt, landwirtschaftliche Maschinen repariert und umgebaut, und dadurch wurde auch die Feldarbeit erleichtert.

Als die Leiter der Farm merkten, dass unsere Leute fachkundig, arbeitswillig und fleißig waren, wurden sie auch nicht mehr als “Klassenfeind” betrachtet, sondern von den Vorgesetzten geschätzt und ihre Leistungen anerkannt.

Schwer hatten es die Schulkinder, das Schuljahr war ja noch nicht abgeschlossen, als sie aus ihrer vertrauten Umgebung herausgerissen wurden. Einige fuhren trotz Verbot nach Kronstadt zurück, wohnten versteckt bei Freunden, und die Lehrer ermöglichten es ihnen, das Schuljahr abzuschließen.

Stellvertretend für alle andern Schulkinder, will ich hier die Erlebnisse meiner Schwester Edith anführen. Sie war elf Jahre alt, hatte die vierte Klasse nicht abgeschlossen und besuchte so zwei Monate lang zusammen mit den einheimischen Kindern auf der Farm die rumänische Schule. Für die 5. Klasse bereitete sie sich aus Büchern, die ihr der Direktor der Schule von Brenndorf zukommen ließ, allein vor und fuhr Ende des Schuljahres nach Brenndorf zur Prüfung. Aus Angst vor den Behörden musste sie sich bei Verwandten versteckt halten, konnte aber dank der Hilfe der Lehrer die Prüfung ablegen. Die 6. Klasse begann sie in einer rumänischen Schule in Turda und wohnte bei einer ungarischen Familie. Dann erhielt sie die Erlaubnis, in Brenndorf zur Schule zu gehen. Zuerst verlief alles gut, aber eines Morgens wurde sie, ein 13-jähriges Mädel, mit Polizeibegleitung nach Kronstadt zum Verhör geführt. Der Beschluss lautete “Zurück nach Bădeni”, und zwar sollte sie, begleitet von Polizisten, von Revier zu Revier weitergereicht werden. Emmi Reiss, die sich ihrer annahm, ist es gelungen, dieses abzuwenden, und so fuhr Edith, begleitet von ihrem Großvater zurück zu ihrer Familie nach Bădeni. Dass solche Erlebnisse ihre Spuren in der Seele eines Kindes hinterlassen, ist wohl verständlich.

Wir hatten Meldepflicht bei der Polizei, anfangs wöchentlich dann jede zweite Woche und später nur einmal im Monat. Für die Erwachsenen und die Alten war dies immer ein schwerer Gang, nicht nur weil sie bei jedem Wetter 4 km weit über einen Berg zur Polizei gehen mussten, sondern auch weil sie sich diskriminiert und gedemütigt fühlten.

Wir Jugendlichen nahmen alles etwas leichter. Trotz schwerer Arbeit unterhielten wir uns in der Freizeit gerne, musizierten und sangen viel. Nach zwei Jahren wurden wir sogar aufgefordert mit Volksliedern öffentlich aufzutreten.

In lebhafter Erinnerung geblieben sind mir die ersten Weihnachten in der Fremde. Am Heiligen Abend fanden sich alle Leidensgenossen bei uns ein, weil wir unser Klavier mitgebracht hatten. Jugendliche und Kinder hatten ein kleines Orchester, bestehend aus Block – und Querflöte, Violine und Akkordeon, aufgestellt, und meine Mutter spielte Klavier. Es erklangen die vertrauten Weihnachtslieder, und alle sangen mit. Da blieb kein Auge trocken.

Das Jahr 1953 war für alle erträglicher. Die Felder waren leichter zu bearbeiten, die Normen konnten erfüllt werden, auch hatte man sich mit den gegebenen Umständen arrangiert, musste sich sogar kaum noch bei der Polizei melden.

Im Juli 1954 wurden alle Familienoberhäupter von einer russisch-rumänischen Kommission verhört und zur Überraschung und großen Freude aller, wurden wir “freigesprochen”. Wir durften nach Hause fahren. Die Behörden entschuldigten sich und sagten einfach: “Es war ein Fehler”.

Wir fuhren heimwärts. Jeder unserer Leidensgenossen durfte auf seinen Hof zurück, nur wir nicht. Unsere Wohnung war von der Genossenschaft besetzt. Unser Hab und Gut stand zum Teil unter freiem Himmel unter einem Nussbaum, zum Teil war es auf dem Martinihof Nr. 20 untergestellt. Unsere Betten standen in einem Geräteschuppen. Hier hausten wir vier Monate lang, bis eine Wohnung für uns frei wurde. Oft sagte Mutter verbittert: “Wären wir doch in Turda geblieben!”

Die endvierziger und fünfziger Jahre, in die auch die Zwangsevakuierungen fielen, waren die Schwersten in der Geschichte unserer Gemeinschaft, die wie nie zuvor Schmach, Peinigung, Demütigung und Terror zu spüren bekam und als Reaktion darauf letztendlich die Auswanderung in die Bundesrepublik und das absehbare Ende der Sachsen in Siebenbürgen bewirkten.

Reinhardt Martini

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