Anekdoten aus Kleinprobstdorf


1.) Der Oingdres Misch uch seng Hangt

Als unser Waldhüter und Jäger, der Grigori Michael (Oingdres Misch), noch jung war, also um die Zwanzig herum, soll er sehr mit der Jägerei beschäftigt gewesen sein, sehr zur Missbilligung seines Vaters. Um seine Leidenschaft unter Beweis zu stellen, hatte er sich auch eine Jagdhündin angeschafft, um Jagdhunde zu züchten.
Und so kam es dann, dass ihm seine Hündin fünf Welpen warf, die zum Zeitpunkt schön herangewachsen waren. Eines Tages aber bekam er eine Aufforderung vom Jagdverein Mediasch, sich zur Fortbildung zu melden. So musste er für den Fortbildungszeitraum die Pflege der Hunde seinem Vater überlassen.
Am Tage seiner Abfahrt wollte er seinen Vater einweisen, wie er die Hunde in seiner Abwesenheit zu pflegen hat.
Der Vater hörte sich das Latein seines Sohnes an und nickte immer nur mit dem Kopf bei gütiger Bejahung: "Cha, cha me Gang, ech gien e schiun!"
Der Sohn verabschiedete sich mit gutem Gewissen und fuhr zur Weiterbildung nach Mediasch. Als sein Vater sicher war, sein Sohn sei jetzt wahrlich in Mediasch, nahm er sich die Peitsche ("Gießel"), machte den Hundezwinger auf und versohlte sie nach Strich und Faden. Die Hunde sprangen jaulend aus dem Zwinger und schossen durch den Garten direkt in die Weingärten "en de Hield".
Als der Sohn zwei Tage später heimkam, ging er direkt zum Zwinger, um seine Lieblinge zu begrüßen. Leider war der Zwinger leer. Empört lief er zu seinem Vater und fragte: "Vueter, wo sen de Hangt? Wo sen de Hangt?"
"No, dei sen eusgelufen me Gang, moch der nichen Sorjen, dei kun schiun weder." "Dro hued er en nässt zem Frießen gegien?" "Doch me Gang, dei hun schiun bekun, ech hun e gegien …, ech hun e schiun gegien…!"
Ja liebe Leser, das geschah zu einer Zeit, als die Tierliebe noch eine Nutzliebe war. Heute kann man über so ein Verhalten nicht mehr lachen. Damals aber war es eine Gaudi, über die man Jahrzehnte gelacht hat.


2.) Der Beseck vum Dani-Dani e Wormlich

Es geschah zu einer Zeit, als die Autos in Kleinprobstdorf noch keinen Einzug feiern konnten; als der Postmeister noch mit der Pferdekutsche die Post austrug.
So kam es, dass der "Dani-Dani", also der Roth Daniel, der gegenüber vom Tanzplatz wohnte, seinen Kriegsfreund aus Wurmloch besuchen wollte und sich nach einer Gelegenheit umschaute, wie er nun mit angemessenen Mitteln nach Wurmloch gelangen könnte.
So sprach er den Postmeister an, (den Mathi Marz), der neben der alten Schule wohnte, ob er ihn mit der Kutsche, wenn er die Post nach Wurmloch zustellt, nicht mitnehmen könne. Der sagte zu, mit der Bemerkung, er möge auf ihn bei der Katholischen Kirche in Kleinkopisch um 11°° Uhr warten. Das klappte dann auch, aber es war ein heißer Sommertag und der Dani-Dani war mit dem Brostpielz, Hut und Jacke bekleidet. Auf der Fahrt war es ihm höllisch warm und so wandte er sich vertrauensvoll an den Postmeister, ob es nicht eine Abhilfe gegen die unerträgliche Hitze gäbe.
Der Postmeister erwiderte: "Frelich Breuder Dani, frelich git ed en Uekälung!" "Ower Marzi, me Gang, so mer wot ze deun es!" "Hued er en Decheltschen bei Ech?" "Dro frelich me Gang, frelich." "No giet dot hier"
Er gab das Taschentuch dem Postmeister, der machte an alle vier Ecken einen Knoten und formte es zu einer Haube mit der Bemerkung: "Wu mer un de Wormliecher Bochbräck kun dro got er en de Bauch, wiescht ech det Gesicht uch det Hieft met kälem Wosser, teungt det Decheltschen end Wosser, dreht et eus end streft det Decheltschen iwert Hieft dro den Hott drif! Dro selt er sein wei geut er ech feilt."
Der Dani-Dani sah ihn sehr musternd an und sprach: "Welt teu mech spooten Marzi (willst Du mich verspotten Martin)?"
"Dro ne Breuder Dan, werseckt et nor, dro werd er schiun sein!"
Bei der Brücke hielt der Postmeister an, der Bruder Dani ging an den Bach, kühlte sich ab und kam mit dem geknöpften Taschentuch auf dem Kopf zurück. Ein schallendes Gelächter beiderseits brach aus, aber der Dani-Dani war wie neugeboren und voller Zufriedenheit. Auf der Kutsche knöpfte er sich noch den Brostpielz auf und lies die Luft an sein Sonntagshemd heran, dann wandte er sich zum Postmeister mit der Bemerkung: "No det wor en feng Gedunken, det meß em sich merken, det meß em sich merken Marzi, det meß em abedeungt unnien, det meß em unnien."
Und so kam er glücklich und angemessen gekühlt bei seinem Kriegsfreund in Wurmloch an. Wusstet ihr, dass der Dani-Dani, obwohl er ein gebürtiger Kleinprostdorfer war, seiner Frau zuliebe (die aus Frauendorf stammte) den Frauendorfer-Dialekt angenommen hatte und in Kleinprobstdorf sein ganzes Eheleben sprach?


3.) Der Pulner Ditz uch seng Wurscht

Es war in den Fünfziger Jahren, als wir noch Bengel waren und der Pulner (Offner) Ditz, der gegenüber vom Bielz wohnte, einen bissigen schwarz-weiß gefleckten Spitzhund hatte und nur noch mit dem Stock herumlaufen konnte und sein Nachbar, der Klien Hans, noch an seiner Hausecke einen hohen Maisschober stehen hatte.
Der Neubauer Misch, der gegenüber vom Danzennin wohnte, war schon zur gegebenen Zeit sehr bekannt für Gaudis aller Art und weil wir zu Weihnachten immer irgendwo, bei irgendwem, Unterschlupf fanden, um den Weihnachtsabend zu feiern, brauchten wir auch die Grundlage hierzu. Der Neubauer Misch wusste immer, wo es was Brauchbares gab.
So wusste er, dass der Pulner Ditz nach dem Schweineschlachten seinen Blechteller, vollgepackt mit Wurscht, immer in seinem Seitenfenster des Wohnzimmers zwischen Fensterscheibe und Fensterladen aufbewahrte, das genau über dem Maisschober lag. Das war Quasi der Kühlschrank der gegebenen Zeit.
Für die Feier sollte jeder von uns etwas zum Beißen mitbringen. Der Michel aber kam mit leeren Händen, aber guter Laune. Feiern sollten wir in der Backstube vom Werner Steff. Als wir nun auf der Ebene vom Bielzemisch waren, sagte er nur: "Wuert e wenich, ech saul mer meng Wurscht hiulen!"
Er stieg auf den Schober vom Klien Hans und riss den Klappladen vom Pulner Ditz auf. Als er nun den Wurschtteller packen wollte, war der Pulner Dietz auch schon am Fenster und packte den Wurschtteller von der Innenseite. Mit wütendem Stockgehämmer schlug er auf den Michel ein: "Loß frua, elender Nestnoz, det es jo meng Scheif uch meng Wurscht!"
Der Michel: "De Scheif schiun, ower de Wurscht meß ech kiuren, ow er se geut gemoucht huet."
Da ließ der Michel den Teller blitzschnell los, packte die Wurst und warf sie in den Schnee; der Alte fiel in seinem Wohnzimmer samt Teller auf seinen Hintern. Der Michel sprang vom Maisschober herunter, sammelte seine Wurst ein und nötigte uns alle beim Weglaufen.
Als wir auf der Ebene vom Schuster Mai waren, hörten wir hinter uns den Spitz vom Pulner Ditz bellen und der Alte schrie uns nach: "Ech erwäschen ech schiun ihr Nestnez wot er set, ech erwäschen ech schiun!"


4.) Der Schneider Pitz uch seng Oarriewer

Als der alte Schneider Pitz noch lebte, also der, der gegenüber der Kirche wohnte, hatte er einen mittelgroßen braunen Hund mit langem Schwanz, der sich gerne auf Eierklau begab.
Das waren die Jahre unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg; eine Zeit, in der die Nahrung weiß Gott nicht im Überfluss vorrätig war.
Das Pech des Hundes bestand darin, dass er auch immer beim Neubauer Misch auf Diebestour einkehrte. Michael ließ sich die Eierdieberei nicht lange gefallen und dachte sich eine Lösung aus: Er bemerkte, dass der Hund immer an gleicher Stelle unter dem Tor einkehrte. Zur gegebenen Zeit waren noch die Traubenernteschnapper im Umlauf. Das waren Klappmesser, die aus einem Holzgriff und einer Schneideklinge bestanden und die Klinge freigängig auf- und zuklappte.
So dachte sich Michael, diesen Schnapper so über den Hundezugang am Tor anzunageln, dass die Klinge des Schnappers, wenn der Hund in den Hof einkehrt, hochklappt. Das hatte er auch getan und nun wartete er geduldig, dass der Hund vom Schneider Pitz auftaucht. Das Geschehen ließ nicht lange auf sich warten.
Der Hund schlüpfte Stunden später dann auch an gleicher Stelle, wie immer, unterm Tor durch und lief schnurstracks auf die Scheune zu. Der Michael beobachtete aufmerksam den Hund, nahm sich dann den Hofbesen und jagte den Hund außer Hof. Beim Auslauf ritzte sich der Hund fast den ganzen Rücken auf, lief aber jaulend davon.
Zwei Tage später, am späten Nachmittag, wollte der Michael nun zum Grigori Helmuth in die Hochgasse zum Fußballspielen gehen. Da sah er den alten Schneider Pitz mit beiden Händen übereinander auf seinen Gehstock geschlagen, gemütlich auf der Bank vor seinem Haus sitzen und sein Hund gekugelt unter der Sitzbank liegend. Instinktiv machte der Michael beim Vorbeigehen einen angemessenen Bogen um ihn, grüßte ihn aber freundlich mit "Geuden Doach, Pitzbreuder!"
Der Alte sprang auf und rief ihm zu: "Kamm teu nor geneuch u mech erun, drou ziechen ech der schiun en geuden Doach!" Der Michael antwortete: "Drou wat es, Breuder Pitz?" "Teu wiest schiun, wat et es! Teu huest mer mengen Heungt ofgeschläzt! Ech gien der schiun, net bekritt dich!"
Der Michael antworte verschmizt wie immer: "Ach Breuder Pitz, dem Heungt es et jo nar ze wuerem. Die huet ser nor det Leibel ofgekniefelt. Die mocht ser det Leiber schiun zeau wun et kähler wird, mocht ech nichen Sorgen."
Der Alte mit gehobenem Stock: "Ech gien der schiun, kam teu mir nor no geneach!"


5.) Der Michel-Misch uch seng Hoinschbirren

Als der alte Michel-Misch (also der, der den Ziegenbock hielt) noch lebte, das wird so Ende der 50er gewesen sein, da hatte er die Gewohnheit, wenn im Sommer seine Honigbirnen reif wurden, darauf zu achten, dass sie bloß nicht ungewollt abhanden kamen.
Der Offner Misch (des Mathi-Marz sein Enkel) und der Trengen-Misch (das waren ja zur gegebenen Zeit bekannte Gaudibolte in der Niedergasse), hatten sich intensiv damit beschäftigt, wie man an seine Birnen heran könnte.
Der Offner-Misch hatte ausgekundschaftet, dass der Alte tags seinen Hund unter dem Baum angebunden und für die Nacht die Schweineschlachtmulde unter den Baum gestellt hatte.
Abends, wenn die Hausarbeit beendet war und die Nacht einbrach, kam er, legte sich unter die Mulde, die er an dem Ende, wo er seinen Kopf hinlegte, mit einem Spreizkeil versah, um beobachten zu können, wenn sich jemand an seine Birnen heranmachte. Die Mulde wird wohl sicher auch gegen Regen und Mückenstiche gedient haben.
Als sich nun die beiden (und sicher auch noch mehr Kumpanen) an seinen Birnen vergötzen wollten, war es sehr spät am Abend und der Alte war unter der Mulde eingeschlafen. Als er wach wurde, saßen schon drei Lumpenkerle auf seiner Mulde und der Alte rief verzweifelt: "Lost mich ereus ihr Schweng wot er set, lost mich ereus!" Der Offner-Misch erwiderte: "No,no, no, Breuder Misch, nor de Schweng loan en der Meuld. Mir nien es neu en wefel Birren, dro kennt ihr ereus krechen!"
Als sie gingen, nahmen sie vorsichtshalber seine lange Ziegenpeitsche mit, damit der Alte sie beim Rückzug nicht peitschen konnte und verschwanden durch "de Hill".
Am nächsten Morgen fand der Alte seine Peitsche an seiner Gassentürklinke hängend mit dem Vermerk: "Er huet sier feng Birren, Breuder-Misch!"


6.) De Fra Guttner uch er Klock

Es war zu Anfang der 50er Jahre, wir waren gerade in den Konfirmandenunterricht und unser Herr Pfarrer, der Herr Guttner, war ein strenger Religionslehrer. Da wir ja ein ganzes Jahr zum Unterricht gehen mussten, war der Sommer hiervon auch betroffen.
So kam es, dass die Frau Guttner Eva (wir nannten sie heimlich immer "Evi") eine Glucke zum Brüten hinter den Backofen (des Pfarrhauses) mit zwölf Eiern ansetzte.
Der Unterricht verlief ohne nennenswerte Überraschungen, bis auf eine Sache: Der Neubauer Michael hatte schon seit Tagen immer Bonbons bei sich und verteilte sie, wenn auch nur spärlich, an die Konfirmandinnen und ich bekam ausnahmsweise auch hier und da eins ab. Bei der Frage, von wo dieser enorme Segen herrühren täte, lachte er nur verschmitzt und sagte zu mir:
"En de Kunewoch halt dich beriet, der Andi (der Herr Guttner) wird asen Uersch met sengem Riur betosten!" Ich verstand nicht so recht, was er damit meint.
Die Woche verging und am Mittwoch darauf war wieder Konfirmandenunterricht. Der Unterricht war fast zu Ende, da stürmte die Evi wutentbrannt in den Unterricht und sagte: "Andreas, mer bekunn nichen Henkeln!" "Dro waram net?" "De Klock huet nichen Oar angder sech." "Dro wo se se bliwen?" "Ich wies net, et loan nor Krumpirn angder der Klock!"
Der Andi wurde feuerrot im Gesicht, schaute uns (männliche Konfirmanden) an und fragte: "Wer war das?" Kein Mucks kam heraus im ganzen Raum. Dann sagte er: "Die Mädchen können gehen, die Jungs bleiben!" Nachdem die Mädchen den Raum verlassen hatten, sagte er: "Na dann gehen wir's an!"
Helmuth (Grigori), du bist der Erste. Der bückte sich über den Tisch und bekam fünf saftige Stockschläge auf den Hintern. Dann kam der Werner Steff dran, dann der Peter-Pitz, der Neubauer Misch, der Hermann Hans, der Mathi-Steff, der Mathi-Marz, und als Letzter, der Fronius Helm. Als der Andi sein Vorhaben schweißgebadet beendet hatte, murrte er bloß: "Jetzt könnt ihr gehen!"
Als wir draußen waren und sicheren Abstand von unserem Religionslehrer hatten, sagte der Neubauer Michel: "Ech hun ech jo gesot, holt ech beriet fiur des Woch! Ech hu mer en Piltschen angder de Hius gedon, mir huet daut net wie gedon."
Da fragte ich ihn: "Hast du die Eier gestohlen?" Er antwortete: "Gliewst teu, det Klinhanzen-En (war damals Verkäuferin in unserer Coperativa) huet mer de Bobons amsonst gegien?"


7.) Det Evi uch det Chrestgeback

Das Ereignis hat sich 1951 zugetragen. Zur gegebenen Zeit war es noch Sitte, in einem angemessenen Zeitraum nach dem Weihnachtsfest den kirchlichen Weihnachtsschmuck abzutragen und beim nächstem kirchlichen Ereignis an die Kinder zu verteilen.
Wir gingen fleißig unserem Konfirmandenunterricht nach. Uns fiel aber auf, dass im Unterrichtsraum ständig ein herrlicher Feingebäckgeruch vorhanden war und wir fanden heraus, dass wir gerade auf der Truhe saßen, wo das Weihnachtsgebäck versorgt war.
Dem Offner (Neubauer) Michael war das ein unerträglicher Zustand, auf dem Gebäck zu sitzen und keinen Happen abzukriegen. Er studierte die Truhe von vorn und hinten durch und kam zu dem Ergebnis, eine Lösung gefunden zu haben, wie man an das Gebäck herankommen könnte.
Bei nächstem Frondienst, den die Konfirmanden dem Pfarrhaus zu entrichten hatten, kam er mit einem Schraubenzieher, organisierte uns alle mit verschiedenen Aufgaben, unter anderem, darauf zu achten, dass die Evi und der Andi ja nicht in die Nähe des Unterrichtsraumes zu kommen haben, ohne rechtzeitig Zeichen zu geben.
Nach etwa 10 Minuten erschien er mit Lebkuchen aller Art und teilte aus. Gott, war das ein Tag! Er hatte nämlich die Scharniere des Deckels von der Truhe abgetrennt und klappte den Deckel von hinten auf, denn von vorne war der Deckel ja verschlossen und das sollte ja auch so verbleiben.
Wochen saßen wir beim Unterricht auf der Truhe und verspürten unsere Freude, bis zu einem gewissen Mittwoch.
Als wir zum Unterricht kamen und der Unterricht begann, verspürten wir die Unruhe vom Andi und die ernste Miene mit der der Unterricht verlief.
Michael machte uns dauernd Zeichen und vermerkte: "Hegt se mer drun!"
Nach dem Unterricht lies der Pfarrer seelenruhig die Mädchen gehen, wir mussten alle zurückbleiben. Er sagte nur: "Ich frage euch nicht, wer es war. Ich weiß es. Aber weil ihr an der Tat alle beteiligt wart, werdet ihr auch alle bestraft!"
Diesmal war Michael als erster dran, sozusagen als Zeichen dafür, zu wissen, wer die Missetat eingeleitet hat. Er versohlte ihn mit einer solchen Leidenschaft als hätte er das Pfarrhaus zum Einsturz bringen wollen; dann kamen wir alle an die Reihe.
Dieser Tag war unvergesslich in unsere Köpfe eingegangen. Aber was war schon ein Tag lang Schmerzen an unserem Hintern verglichen mit der Freude, die wir wochenlang an den Lebkuchen und den Weihnachtsbonbons hatten (Michael hat mir nie verraten, ob sein Hinternschoner an diesem Tag eingebaut war oder nicht, denn an diesem Tag verabschiedeten wir uns ganz im Stillen); obendrein auch noch den Beweis erbracht zu haben, den Andi und die Evi so saftig angemessen hintergangen zu haben.
Es war ein unermesslich großes Gefühl der Schlauheit in uns zu spüren und der Michael wurde jahrelang als Könner gefeiert.
Ob die Kirchenfrauen erneut Weihnachtsgebäck haben backen müssen, um das Kinderschenkungsfest nicht platzen lassen zu müssen, wurde den Missetätern nie bekannt.


Kultur Allgemein
Unerhoffte Freude
(von Mathi Steffi)


Merkwürdig, wie stark das Umfeld, in dem der Mensch groß wächst, lebenslängliche Bedeutung hat. Seit ich und meine Frau im Ruhestand sind, haben wir uns aufs Land zurückgezogen. Ein Bauernsohn ist eben kein Städter. Wir wohnen in Stankt Wolfgang bei Bad Griesbach. Unmittelbar neben uns befindet sich ein berühmtes Wallfahrtskirchlein, das dem "Heiligen Konrad" gewidmet wurde. Ein Ort, der sehr häufig von allen Urlaubern besucht wird. Das Kirchlein ist so groß wie die unsrige aus Kleinprobstdorf. Der Glockenton der gleiche. Das Glockenläuten weckt mich, sagt mir wann Mittag ist und wann sich der Mensch zur Tagesruhe setzen soll.
Es war am 2. Mai dieses Jahres, ich arbeitete am späten Nachmittag in meinem Hof und war mit dem Pflastersteinsetzen beschäftigt. Vor lauter Fleiß bemerkte ich nicht, dass das Wetter umgeschlagen hatte. Da der Regen zügig einsetzte, ging ich in die Garage, um meine Regenjacke zu holen. Nachdem ich sie mir übergezogen hatte, machte ich fleißig an meinem Vorhaben weiter. Kaum begonnen, hörte ich hinter meinem Rücken: "Grüß Gott, darf ich Sie kurz stören?" Ich wendete mich dem Laut zu, erwiderte den Gruß freundlich und fragte: "Womit kann ich dienen?" Vor mir standen zwei Ordensschwestern, jede mit Regenschirm überdeckt.
"Können Sie uns nicht Ihren Schuppen als Regenschutz anbieten?" fragte eine von ihnen. Ich erwiderte: "Na ja, mir wäre es lieber, wenn Sie sich in unseren Carport oder auf die Terrasse setzen würden. Überall sind Gartentische und Stühle vorhanden."
"Wir möchten nicht all zu stark stören, wir sind nämlich neun Personen", erwiderte sie! Ich antwortete: "Dann rückt doch die Tische und Stühle zusammen, so wird´s auch gemütlicher".
Kaum ausgesprochen, sahen sich die beiden Damen das Angebot an, lächelten mir freundlich und bejahend zu und kaum hatte ich mich der Arbeit zugewandt, waren auch schon alle neun Nonnen im Hof, grüßten freundlich und eilten auf die Terrasse. Ich rief meine Frau: "Mami komm, du hast heute besonderen Besuch, kümmere dich bitte um ihn!" Meine Frau, völlig überrascht, begrüßte sie und stand ihnen freundlich zur Verfügung.
Ich wandte mich meiner Arbeit zu und während des Regens, der eine gute Weile dauerte, hörte ich von der Terrasse ständig ein freundliches Kichern. Ich dachte mir: "Da schau her, die Nonnen können ja auch herzhaft lachen!"
Nach dem Regen wollten die Ordensschwestern nicht länger bei uns verbleiben und erschienen, alle vereint im Hof, um sich von uns zu verabschieden.
Ich fragte neugierig nach ihrer Herkunft. Da sagte die Oberin: "Wir gehören zum Benediktinerkloster vom Chiemsee und diese fünf Schwestern sind aus Madagaskar und bei uns zu Gast. "Und wohin soll die heutige Tagesreise führen?", fragte ich neugierig. "Wir gehen jetzt zu Fuß nach Parzham, da haben wir unseren Bus stehen und von da fahren wir nach Passau, um den Dom zu besichtigen." Ich erwiderte: "Das ist ja eine schöne Tagesreise." "Und ein bisschen anstrengend." sagte sie.
Vor dem Verabschieden sagte die Oberin: "Die Schwestern aus Madagaskar möchten sich bei ihnen, wegen der Regenunterkunft und der wunderschönen Aussicht, die wir währenddessen genießen durften, mit einem Lied aus ihrer Heimat bedanken.
Wir, überwältigt und überrascht wegen dem Angebot, waren kurz regungslos und bis wir uns vom Angebot erholen konnten, hatten die Schwestern ihr Lied auch schon dreistimmig begonnen.
Das Lied war ein überschwänglicher Traum. Schon nach der ersten Strophe waren unsere Augen tränengebadet vor Freude. So einen wundervollen melodiösen, traumhaften südostasiatischen Klang hatten wir unser Leben nicht gehört. Eine kultivierte und geschulte Stimme ohnegleichen. Ein Lied unermesslicher Schönheit.
Unsere seelische Verfassung war so gerührt, dass wir uns bei ihnen nur weinend bedanken konnten.
Die Ordensschwestern schenkten uns noch ein freundliches Lächeln und mit den besten Wünschen für den Tag gingen sie davon. Ich wandte mich meiner Beschäftigung zu und hörte nur noch wie ihr freundliches Kichern immer leiser wurde.
Irgendwann am Nachmittag, gerührt vom Ereignis, sagte ich zu meiner Frau: "Dieser Hof hat so einen erfreulichen Tag wie der heutige noch nicht erlebt, seit es ihn gibt." Sie nickte mir zu, mit immer noch erröteten Augen und leicht angeschwollenen Augenlidern und meinte: "Bis heute habe ich nicht geglaubt, dass es Menschen gibt, die so traumhaft schön singen können."
Danach fiel mir das uralte griechische Sprichwort ein, das besagt: "Es ist nicht für den man es vorbereitet, sondern für den es zutrifft."
Das Lied hatten die Nonnen nicht besonders für uns eingeübt, aber es hat zugetroffen ihr Können zu hören und zu genießen.
Ein griechischer Philosoph sagte schon vor 2400 Jahren: "Wenig braucht ein Mensch, um glücklich zu sein, wenn er bloß das Glück versteht."

Mathias Schörwerth / Erzählt von Mathi-Steffi

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