75 Jahre Vertreibung und Heimatsuche

Allgemeiner Bericht

16. Mai 2019

Interview in den OÖ-Nachrichten - Munderfing von Marina Mayrböck und Pfarrer Frank Schleßmann Zeitzeugen erzählen
Nach dem Frontwechsel Rumäniens im August 1944 flüchteten viele Deutsche aus Nordsiebenbürgen und dem Banat nach Westen. Vertreibung, Flucht, Heimatsuche und Heimatfindung der Banater und Siebenbürger ist Thema bei der „Langen Nacht der Kirche“ in Mattighofen. Sieben Munderfinger Zeitzeugen, sechs aus dem sächsischen Ort Mettersdorf bei Bistritz, eine aus Felldorf nähe Schäßburg, erzählen von der Flucht. Das gemeinsame Interview wurde aufgezeichnet und am Freitag, 24. Mai, während der Gedenkstunde um 19 Uhr in der evangelischen Kirche gezeigt. Wann sind Sie geflüchtet? Katharina Schmedt: Am 19. September 1944, um zwei Uhr Nachmittag. Da haben die Glocken geläutet, das Glockengeläut höre ich heute noch. Wir haben uns auf einer Wiese versammelt und dann kam das Militär. Sara Intscher: Bei uns in Felldorf war das anders. An einem Freitag zu Mittag sind deutsche Soldaten gekommen und innerhalb von zwei Stunden mussten wir das Notwendigste zusammensuchen. Die Rumänen haben kapituliert und auf die Bevölkerung geschossen. Wir mussten uns in Sicherheit bringen. Wie viele Personen von Mettersdorf sind geflüchtet? Michael Lutsch: Zwei bis drei Familien sind daheimgeblieben, alle anderen sind mitgefahren. Mehr als 404 Hausnummern hat es bei uns gegeben. Womit sind Sie geflüchtet? Sophia Adam: Mit einem Pferdewagen. Wir waren fünf Personen: wir drei Geschwister, unsere Mutter und Großmutter. Mein Vater hat zurückbleiben müssen, zum Zusammenräumen und um zu schauen, dass die Tiere im Stall bleiben. Margareta Weiß: Mein Vater und seine Brüder sind mit Pferd und Wagen geflüchtet und die Mutter ist mit uns drei Kindern mit dem Zug gefahren. Ich war nur ein Jahr und zehn Monate alt, meine ältere Schwester war sechs Jahre und unsere kleine Schwester war nur einen Tag alt. Erst in Neukirchen haben wir uns wiedergefunden. Johann Barth: Wir sind mit zwei Wägen los, die Ochsen sind nur bis Ungarn gekommen, sie waren nicht beschlagen. Wir sind dann mit unseren Großmüttern mit dem deutschen Militär weitergefahren.
Was wurde mitgenommen? Sara Intscher: In der kurzen Zeit hat man nicht viel mitnehmen können, wirklich nur das Notwendigste. Zu essen, was zu Hause war. Meine Großmutter war in der Mühle, hat Mehl geholt und diese zwei Säcke haben sie auf den Wagen geschmissen. Michael Breckner: In erster Linie was zum Anziehen, dann Essen, Brot, gebratenes Fleisch, Speck. Ich war zehn Jahre alt. Mit dem Essen sind wir von Ort zu Ort gekommen, wo es möglich war, haben wir Feuer gemacht und uns was hergerichtet.
Wo haben Sie geschlafen? Michael Lutsch: Auf oder neben dem Wagen. Dort und da hatten wir die Chance, dass wir einquartiert wurden. Welche besonderen Erinnerungen von unterwegs haben Sie? Sara Intscher: Ich habe die schöne Stadt mit goldenen Dächern Erzsébetváros (deutsch Elisabethstadt) im Kopf. Auf einmal hören wir ein Gesumme, schauen zum Himmel und sehen 17 Flieger. Die stürzen herunter und schießen Bomben, alles brennt sofort, Chaos. Sofort sind alle Leute vom Wagen herunter, ich habe meinen Bruder und meine Cousine an der Hand. Wir laufen zu einem Schuppen, kriechen unter einen Wagen. Wir halten uns und weinen, draußen kracht es, es war furchtbar. Von unserer Ortschaft gab es 17 Tote nach dieser Bombardierung.
Wann sind Sie angekommen? Sara Intscher: Am 16. Oktober, nach sieben Wochen, sind wir in Munderfing mit dem Zug angekommen. Es waren drei Waggons, der erste wurde in Schalchen, der zweite in Munderfing und der dritte in Lengau abgehängt. Wir waren voller Dreck, sind dann in die Schule gekommen, die zum Lager umfunktioniert wurde. Sophia Adam: Wir sind mit den Rössern gekommen. Wir sind daheim in den Wagen eingestiegen und hier zu Hause angekommen. Ich war bei unserer Ankunft in Schalchen so krank, bin am Boden gelegen auf Stroh, habe nur geweint und hörte eine Frau sagen: „Morgen früh lebt das Dirndl nimma.“ Mit einem Viehtransport haben sie mich damals ins Krankenhaus Braunau gebracht, das weiß ich noch genau.
Haben Sie gewusst, dass Sie hierbleiben werden oder gehofft, wieder nach Hause zu dürfen? Sara Intscher: Ein paar hat es gegeben, die wieder zurück wollten. Sie fragten, ob wir auch mitkommen, aber mein Vater sagte nein, denn wir haben dort keine Rechte mehr. Es war schon ein Hin und Her. Wann haben Sie sich hier Zuhause gefühlt? Michael Lutsch: Wir sind nach Feldkirchen gekommen. Ich habe in der Zeit zu musizieren begonnen und war bei der Zeche dabei – ich war im Nu ein Österreicher! Johann Barth: 48/49 hat man noch geglaubt, man könne wieder zurück, 1950 war damit Schluss. Katharina Schmedt: Wir haben uns gleich wohlgefühlt. Die Eltern haben Arbeit gefunden, dann hat man angefangen, Grundstücke zu kaufen und Häuser zu bauen. 1954/55 wurde viel gebaut, da hat jeder dem anderen geholfen.

Karin Roth

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