Unsere Kinderspiele in Brenndorf (Teil 2)

Allgemeiner Bericht

1. Mai 2007

Die Spiele, die Mitte der vierziger Jahre in Brenndorf gespielt wurden, waren für alle mitspielenden Kinder von hohem pädagogischen Wert. Im zweiten und letzten Teil seines Aufsatzes erinnert Otto Gliebe an weitere Spiele aus der Neugasse (der erste Teil erschien in den Briefen aus Brenndorf, Folge 62, Weihnachten 2006).
„Pillabretsch“

Für dieses Spiel wurden ein Ball (Tennisball oder aus alten Strümpfen selbst gebastelter Ball) und eine „Bretsch“ (einem Tischtennisschläger ähnliches, zurechtgeschnittenes Brett) benötigt.

Die Aufstellung der Mannschaften war genau wie beim „Zirkespiel“. Der Ball wurde vom ersten Spieler in Richtung der gegnerischen Mannschaft geschlagen. Gelang es dieser, den Ball zu fangen, war der Spieler „petsch“. Wurde der Ball aber nicht gefangen, so durfte der Spieler den Ball auf seiner „Bretsch“ hüpfen lassen und sich gleichzeitig vom Spielpunkt entfernen. Er durfte so weit laufen, bis der Ball zu Boden fiel. Nun wurden die Schritte bis zum Spielpunkt gezählt und mit der Anzahl der Berührungen multipliziert. Hierbei kamen oft große Zahlen heraus, weil die meisten Spieler sehr gut mit „Bretsch“ und Ball umgehen konnten. Einige Gegenspieler begleiteten den Spieler und zählten mit. Dabei kam es vor, dass wir den Spieler fast bis zum Scheidebach (Schaipisch Floß) begleiten mussten. Das Spiel verlor dadurch an Spannung, und deshalb wurde es nur dann gespielt, wenn die Straße zu matschig für das „Zirkespiel“ war.

Auf dem „Draisch“ (Grasfläche in der Neugasse beim Tierarzt Dr. Schmidts) spielten wir auch „Brânza“. Hierfür benötige jeder Spieler einen etwa 1,5 m langen Stecken. In einem Kreis von etwa acht Metern Durchmesser wurden in den Draisch etwa 10 cm große Löcher gemacht, welche dann den ganzer Sommer bespielbar blieben. In der Mitte des Kreises befand sich ein etwas größeres Loch, in das jeder Mitspieler das Ende seines Steckens hineintun musste. Das andere Ende wurde mit beiden Händen angefasst und während alle hintereinander im Kreis herum gingen, wurde das Lied: Brânza, brânza aint, brânza, brânza zpoe, brânza, brânza.... drauj gesungen. Das Wort „drauj“ wurde von allen Spielern verzögert. Wenn es aber von einem ausgesprochen wurde, versuchte jeder, mit dem freien Ende seines Steckens eines der Löcher zu besetzen. Da jedoch immer ein Loch weniger als Mitspieler sein musste, was durch Bedecken desselben mit einer Mütze geschah, so schied nach jedem Spiel einer aus. Gewonnen hatte, wer als Letzter von zwei Spielern das Einzige noch übrig gebliebene Loch besetzten konnte. Gewöhnlich waren es immer ein und dieselben, denn das Spiel ging nicht sehr fair zu und mehr als einmal landete der Stecken zwischen den barfüßigen Beinen der kleineren Mitspieler.

In diesen Sommermonaten, vor allem wenn der Weg nicht trocken war, spielten wir auch Bockspringen, „Bollenspronjen“. Wie jedes Spiel in der Neugasse hatte auch dieses seinen bestimmten Platz. Es wurde nur auf dem Bollen (Bank) beim Kloos im Winkel gespielt. Da auch bei diesem Spiel alle Kinder verschiedenen Alters mitmachen durften, war es nicht immer ungefährlich, denn zuletzt sprangen immer die größten und schwersten Brocken, so dass meistens der „Bock“ unter dieser schweren Last zusammenbrach. Dann durfte die Mannschaft nochmals springen. Gott sei Dank ist nie etwas Ernsthaftes passiert.

Leider war auch im Sommer nicht immer schönes, warmes Wetter und dann wurde, sehr zum Verdruss der Eltern bzw. Großeltern, in den um diese Jahreszeit leer stehenden Scheunen gespielt. Aus den Bindeseilen oder aus Ketten wurden in den „Vierteln“ lange Schaukeln gemacht und nicht selten kam es vor, dass man so angeschubst wurde, dass man mit den Zehenspitzen bis an die Dachlatten kam.

Bei Regenwetter streunten wir auch durch die meist leeren Ställe, um die Hasenzucht jedes Einzelnen zu besichtigen bzw. Tauschgeschäfte zu machen oder zu „schachern“ (feilschen). Am schönsten aber war es in der „Katta“-Scheune. Diese stand auf der Hofstelle zwischen dem Soos und dem Kloos und gehörte dem ehrenwerten „Borjer“ Johann Mechel aus der Schulgasse und war meistens bis zur ersten „Wäindred“ noch mit Stroh gefüllt. Um in die versperrte Scheune hineinzukommen, hatten wir an der Seitenwand einige Bretter gelöst und durch das Stroh „Gänge gegraben“, durch welche wir durch die ganze Scheune herumkriechen konnten.

Dass es bei diesen Spielen nicht immer ganz leise vor sich ging, ist selbstverständlich, und mehr als einmal mussten wir die Flucht ergreifen, um nicht entdeckt zu werden. In dem Stroh hatten wir uns auch verschiedene Mulden (Maldj) mit geklauten Äpfeln angelegt, und öfters kam es vor, dass diese schon verfault waren, bevor wir sie wieder fanden. Das Obstklauen aus fremden Gärten nannten wir Kinder „af de Kratz gaun“.

Eine Abwechslung in das alltägliche Spiel brachte das Stelzenlaufen, welches sich vor allem bei den größeren Kindern zu einem richtigen Sport entwickelte. Zwar hatten wir nicht Stelzen zum Anschnallen, wie die Artisten, aber die aus Dachlatten gefertigten Stelzen, an denen die Standfläche bis zu 1,20 m hoch war und deren Verlängerung bis unter die Arme reichte, um leichter das Gleichgewicht halten zu können, erlaubten es uns, am Abend durch die oberen kleinen Fenster, die nicht verdunkelt waren, den Leuten in die Stube zu kucken und an die Fester zu klopfen. Dann mussten wir aber das Weite suchen, um nicht ein paar hinter die Ohren zu bekommen.

Diese Spiele wurden bei regnerischem, kühlem Wetter gespielt, und so gab es nie Langeweile in der Neugasse. An solchen Tagen spielten wir auch „Hau mich“. Dabei musste einer der Spieler die Handfläche der einen Hand unter den Arm der anderen Hand tun und die freie Handfläche vor das Gesicht halten, damit er nichts sehen kann. Nun wurde er abwechselnd von den Mitspielern auf die Handfläche geschlagen und musste nach jedem Schlag erraten, wer der Schläger war. Hierbei kam es auch oft zu unfairen Schlägen, welchen den „Empfänger“ sogar aus dem Gleichgewicht brachten.

Wenn an den langen lauen Sommerabenden die Nachbarn vor den Häusern „am Gesproech saußen“, dann spielten wir Kinder das Versteck-Spiel „Uefgepasst“. Hierbei durften alle, vom kleinsten bis zum größten Kind mitmachen. Der Sucher stand in dem gemauerten Türchen bei Martha Klees (231), zählte laut und deutlich bis auf dreißig und fragte dann: „Käin ech kun?“ Inzwischen hatten sich die Kinder hinter dem Haus von Hans Reiss oder hinter der damals noch vorhandenen Maschinenscheune am Ende der Neugasse oder im Soos-Garten neben dem Pitz Hons (Johann Tontsch) versteckt und warteten auf den günstigsten Augenblick, um loszurennen und in dem erwähnten Türchen mit der flachen Hand dreimal an die Mauer zu schlagen und dabei „aint, zpoe, drauj, uefgepasst“ zu rufen. Hatte der Sucher einen Mitspieler entdeckt und erkannt, so lief er in das Türchen, sagte denselben Spruch und nannte den Namen des Entdeckten.

Im nächsten Spiel musste dann der erkannte Spieler suchen.

Wenn dann im Herbst die Schule wieder anfing und die meisten, obwohl noch viel zu jung, auf den Feldern bei der Kartoffelernte, beim Maisbrechen oder der Rübenernte mithelfen mussten, blieb uns keine Zeit mehr zum Spielen. Hinzu kam noch, dass die Tage immer kürzer und kälter wurden und jeder froh war, wenn er am warmen Ofen sitzen durfte.

Einen abschließenden Höhepunkt eines solchen „Spieljahres“, obwohl mit Arbeit verbunden, war das „Kukurutzschielen“, welches abwechselnd in der Nachbarschaft vorgenommen wurde, wobei es immer fröhlich und heiter zuging, vor allem dann, wenn auch ältere Jugendliche dabei waren, denen auch ein Schnaps eingeschenkt wurde. Dann wurden lustige Erlebnisse erzählt, manchmal auch salonfähige Witze. Der Höhepunkt des Abends wurde immer dann erreicht, wenn eine junge Maid einen roten Maiskolben erwischte und von den Mitschälern ertappt wurde. Dann fielen die Jungen über sie her und stopften ihr die geschälten Maisblätter unter die Kleidung. Wehe der Maid, die für dieses Abenteuer nicht gut „gerüstet“, also gut angezogen, zum Kukurutzschielen kam.

Die langen Winterabende wurden meist in der Familie mit verschiedenen Kartenspielen wie 66, Siwentschen, Kontschin, Ramschen, Lizitation usw. verbracht, wobei die Kleineren unter uns sehnsüchtig auf die ersten wärmenden Sonnenstrahlen warteten um, beim „klenen Jekel af der Zell, an de Küch“ zu spielen.

20 Jahre später

Meine Cousins, mit denen ich zusammen in der Neugasse wohnte, waren etwa 20 Jahre jünger als ich. Sie spielten aber ganz andere Spiele, als wir das zu unserer Zeit getan hatten. Woran lag das wohl? Ich versuchte ihnen einige Spiele aus meiner Kindheit beizubringen, die ihnen auch sehr zusagten, aber sie spielten sie nicht mit Gleichaltrigen, sondern nur mit mir, wenn ich einmal Zeit hatte für sie.

35 Jahre später

Aus der idyllischen Neugasse in Brenndorf siedelten wir in die Ringstraße nach Ansbach um. Unsere Kinder waren zehn Jahre alt, so wie ich es damals war. Bei unseren sonntäglichen Spaziergängen durch die nahe gelegenen Wälder um Ansbach brachten Renate und ich ihnen das Zirkespielen bei. Sie waren genau so fasziniert von dem Spiel, wie wir es zu unserer Zeit waren, jedoch allein gespielt haben sie es nie.

Otto Gliebe

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